Liebes Tagebuch ...
www.else-buschheuer.de Das New York Tagebuch
Online-Tagebücher gibt es wie Sand am Meer. Vielleicht schreibt Ihre Nachbarin eins, oder der nette Student von Nebenan. Auch Schriftsteller tun es. Nicht immer entsteht so gute Literatur, aber wichtige Zeitdokumente allemal."Das mit dem Vollmachen, das kann ich ganz gut, also Kompilatorin, also Zusammenträgerin, Oberflächenbeschreiberin und den-größtenteils-unverständlichen-Rest-der-Welt-zum-größtenteils-verständnislosen-Ich-ins-Verhältnis-Setzerin." 23.07.01
Öffentliches Tagebuchschreiben ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Tagebücher sind etwas Privates, Geheimes. Autoren von Online-Tagebüchern bewegen sich auf einem schmalen Grad zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. Das Phänomen ist nicht neu. Schon seit Mitte der 90er Jahre schreiben unverzagte ChronistInnen über ihr Leben in all den Höhen und Tiefen. Das ist je nach sprachlichem Vermögen nicht immer Literatur, aber in den besten Momenten entsteht eine Verbindung zwischen Autor und Leser. Man verfolgt ein fremdes Leben, als sei es eine spannendere und interessantere Fernseh-Soap. Diese Art von Intimität kriegt das Fernsehen jedoch nie hin, da die Identifizierungsmöglichkeiten immer nur scheinbare bleiben.
Seit Herbst 2000 führt Else Buschheuer, bekannt geworden als Wetterfee gone Schriftstellerin, mit bewundernswerter Regelmäßigkeit auf ihrer Website www.else-buschheuer.de ein öffentliches Tagebuch. Sie beschreibt Alltäglichkeiten: Bücher, die sie gelesen, Filme, die sie gesehen hat, die Läden der Straße, in der sie wohnt, eine gambische Griot-Party in New York, den Besuch bei einer Wahrsagerin, das Fernsehprogramm. Das alles ist ziemlich unspektakulär, aber flott, sehr persönlich und emotional geschrieben. Der Ton schwankt zwischen flapsigen Promi-Geschichten (mit Robert De Niro im Central Park) und genau beobachteten kleinen Alltagsszenen.
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Buschheuer hat nicht den Goetzschen Anspruch, das Dasein sprachlich zu fassen, den dieser in einem einjährigen Selbstversuch "Abfall für alle" gleichzeitig reflektierte und einlöste. Sie bleibt an der Oberfläche und ihrem subjektiven Erleben. Das kann nerven, tut es zuweilen auch. Wenn sie allen möglichen Prominenten, um des Namedroppings willen, Heiratsanträge macht oder dem Leser kulturkritische Betrachtungen zu Kreditkarten auf den Weg gibt ("Mein funkelnde Kreditkarte. Mein Phallus. Überall soll ich sie rausholen und reinstecken.") dann kommt das zuweilen sehr nahe an ambitionierte Schülerzeitungsprosa. Das kann sympathisch sein, aber manchmal ist es irgendwie nur peinlich.
Das Ganze gibt es nun auch gedruckt: "www.else-buschheuer.de. Das New York Tagebuch". Es deckt die Zeit ab, die Buschheuer im Jahr 2001 in New York verbrachte, zunächst als Praktikantin bei der deutsch-jüdischen Zeitschrift Aufbau, dann als Mitleidende der Terroranschläge vom 11. September. Der Transfer vom Medium Internet zum Medium Buch tut dem Text nicht unbedingt gut. Die Unmittelbarkeit der mit heißer Nadel gestrickten Einträge wirkt gedruckt banal und nichtssagend. Flattersatz und Bildschirmschrift versuchen das Buch als Dokument des Online-Tagebuchs darzubieten. Dafür aber wurde der Text zu stark gekürzt und fällt im ersten Teil in einzelne Szenen auseinander. Erst im zweiten Teil nach dem 11. September findet er als Buch zu sich selbst.
In ihrer etwa drei Kilometer vom WTC entfernten Wohnung schrieb Buschheuer im Minutenrhythmus ins Tagebuch, als Selbstversicherung und einzig übrige Kommunikationsmöglichkeit, da die Telefone nicht funktionierten. Daraus entstand ein Dokument der Verstörung. Gedankensplitter und Erinnerungen, Beobachtungen "Auf meiner Straße stehen Hunderte von Menschen, trinken ihren Morgenkaffee aus dem Pappbecher, ..., und starren auf das furchtbar qualmende World Trade Center", körperliche Reaktionen "Ich hab grad gekotzt" erschaffen eindringlich das Bild einer Situation, in der das Banale und Außerordentliche surreale Kombinationen ergeben.
"Die Zeit war außer Kraft gesetzt. Schreibenmüssen, Nichtschlafenkönnen, Bleibenmüssen. Und sich an den Kopf greifen, wenn man an sein früheres Leben denkt. An den Promischeiß. An die Talkshow-Auftritte. An die Wetterfee." 15.09.01
Schon im Buch klingt an, dass die Ereignisse Folgen haben werden. Die Pop-Referenzen werden weniger, die Medienbeobachtung seltener. Durch die Erschütterung der Ereignisse zurückgeworfen auf das eigene Dasein sucht die Autorin nach neuen Antworten. "Ich werde vermutlich religiös sein. Anders geht es nicht", schreibt sie am 15.9.2001. Else Buschheuer lebt gegenwärtig in einem New Yorker Krishna-Tempel, arbeitet an einem Roman und schreibt weiter in ihr Internet-Tagebuch.
Else Buschheuer beginnt ihre Lesetour am Donnerstag, den 11. April, um 18 Uhr im Kulturkaufhaus Dussmann in Berlin. Weitere Termine auf der Homepage www.else-buschheuer.de
http://www.heise.de/tp/artikel/12/12270/1.html- du vergißt... (11.4.2002 1:12)
- Literaturfaschismus (10.4.2002 17:11)
- Das ist bitte schön Promo-Scheiße... (10.4.2002 13:54)
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