Die Netzwerkgesellschaft und ihre Wirklichkeitsromantiker

18.04.2002

Hubert L. Dreyfus: On the Internet - eine Rezension

Was passiert, wenn ein alter Philosophie-Professor Online geht? Das Ergebnis könnte unschätzbar sein, aber es ist auch recht wahrscheinlich, dass er (oder sie) daneben liegt. So steht im Zentrum der Studie On the Internet von Berkeley-Professor Hubert L. Dreyfus das unglückliche Missverständnis, dass wir mit dem Netz bald unsere Körper hinter uns lassen werden.

Cover von "On the Internet", Hubert L.Dreyfus

Für Dreyfus entspricht das Internet der Gleichung Hans Moravec plus Max More multipliziert mit John Perry Barlow plus Ray Kurzweil, aber er macht nicht klar, warum gerade diese Fraktion in der legitimen Position sein sollte, das Internet zu definieren. Er setzt dann an, diesen angeblich vorherrschenden platonischen Wunsch, den Körper zu überwinden, zu dekonstruieren, ohne aber im Detail auf die spezifischen politischen, ökonomischen und kulturellen Agenda dieser Tendenz und ihrem Bezug zum neuen Mediendiskurs einzugehen.

Dreyfus verwechselt nämlich den sehr spezifischen Cyber-Traum der Extropianer von einer "Entkörperlichung" mit dem Internet als solchem. Es gibt keine Internet-Vertreter, die versprechen würden "dass jeder von uns bald in der Lage sein wird, jene Grenzen zu überschreiten, die uns von unseren Körpern auferlegt wurden". Da mag es viele konkurrierende Ideologien geben, die um eine Hegemonie des Internet-Diskurses kämpfen, wie Pragmatismus, Kommunitarismus, und Liberalismus, aber keine von ihnen verspricht, dass der Cyberspace das Übermenschliche oder das Posthumane bringen wird. Es wird viel eher über die Globalisierung diskutiert und über das Verschwinden des Nationalstaates, aber Dreyfus umgeht vorsichtig solch ökonomische und politische Themen.

Die Mantras vom Virtuell-Werden

Laut Dreyfus "könnte das Leben mit dem und im Web letztlich doch nicht so attraktiv sein". Mit diesem Urteil ist er nicht allein. Nach einer anfänglichen Phase der Neugier und der Aufgeregtheit fällt Dreyfus' Neueinschätzung des Internet mit der Katerstimmung nach der Blasen-Zeit zusammen. In diesem kulturellen Klima kann ein konservativer Rückschlag leicht an Popularität gewinnen. Es mag für manche eine befreiende Erleichterung sein, dass es mehr im Leben gibt als das Internet, aber diese Binsenwahrheit kann wohl schwerlich eine philosophische Untersuchung begründen.

Es ist wohl verführerisch, populäre kulturelle Motive der virtuellen Realität mit der eher dumpfen Realpolitik der Netzwerkarchitektur zu vermischen. Doch warum können Philosophen keinen Unterschied zwischen Substanz und Erscheinung machen? Die Werbung ist nicht das Produkt, so sehr auch die PR-Manager die New Age-Mantra des "virtuell" - Werdens wiederholen mögen. Körper-Politik war bis zu irgendeinem Punkt vielleicht bedeutsam, kann aber keinesfalls die Vielfalt der allzu realen Belange abdecken, die das Internet als ein globales Medium aufwirft.

Das Internet braucht keine Rückbesinnung auf Leiblichkeit, sondern strebt nach einer Aktualisierung und Verteidigung zentraler Werte wie Offenheit und Zugang. Philosophen könnte man beispielsweise recht gut brauchen, um den Unterbau für Open Source und Free Software in Bezug auf Kategorien wie "Freiheit" und "Eigentum" zu definieren. Die simplifizierende Rede von "Freiheit" im Sinne von "Freibier" können viele ja nicht mehr hören. Oder war es "Meinungsfreiheit"? Ist die Geek-Kultur wirklich schon so abgehalftert, wie es scheint, oder gibt es doch mehr Signifikanz hinter der Richard Stallman-Eric Raymond Kontroverse? So was wäre ein idealer Fall für Techno-Philosophie, wenn sie eine ordentliche Untersuchung über die Online-Menschheit machen möchte.

Dreyfus entwickelt seine Version der "Netzkritik" auf vier unterschiedlichen Feldern:

  1. Die Beschränkungen von Hyperlinks und der Verlust der Fähigkeit, Bedeutung zu erkennen;
  2. Der Traum vom Distance-Learning (keine Fähigkeiten ohne Anwesenheit)
  3. Die Absenz von Telepräsenz
  4. und ein Kapitel über "Anonymität und Nihilismus", was zu einem Leben ohne Bedeutung führe.

Im Prinzip könnten solche Themen relevant sein, doch sie sprechen keine aktuellen Belange an. Als bewusster Außenseiter haftet sich Dreyfus an die Oberfläche vorgestriger Mythologien. Nicht einmal Erwähnung finden Themen wie freie gegen proprietäre Software, die Politik der Domain-Bezeichnungen, die Gefahr unternehmerischer Vereinnahmungen, Kryptographie und Zensur, die digitale Kluft, oder geistiges Eigentum. Die Kontrolle über die Netzwerk-Architektur war wohl zu gewöhnlich für Dreyfus.

Dasselbe kann aber auch über Dreyfus' hauptsächliche Voreingenommenheit gesagt werden: den Körper. Internet-Kritiker haben sich die mythologischen Entkörperlichungs-Träume der 90er-Cyberkultur vorgenommen. Zu jener Zeit wurde diese spezifisch futuristische Vorstellung dazu benutzt, den noch unbekannten "Cyberspace" zu popularisieren und für ihn zu begeistern. Es gab eine Menge Spekulation über "virtuelle Körper". Doch im Jahr 2001, als das Büchlein von Dreyfus erschein, waren die Aufregung und die Neugier für die Entkörperlichung längst verblasst. Es gab von Anbeginn eine ernsthafte (feminisitische) Kritik an diesem Konzept eines männlichen Traums, die "schmutzige" Körperlichkeit zu überwinden - nichts davon findet bei Dreyfus Erwähnung. Mittlerweile hat sich eine ganze Reihe von Künstler-Praktiken entwickelt, die extropianische Tendenzen weit hinter sich lassen, während sie eine kritische "Körperpolitik" in der virtuellen Arena entwickeln.

Das nihilistische Medium

Es ist nun wenig überraschend, wenn Hubert Dreyfus sich als Kulturpessimist outet. Um genau zu bleiben, ist er ein Medienökologe vom Schlage eines Neil Postman, George Steiner oder Peter Handke. Was die Medienökologen so anwidert, das ist die Flut an bedeutungsloser Information. Dieser Unsinn sollte verboten werden (nicht gefiltert). So sollte den hehren Intellektuellen die Rolle zustehen, darüber zu entscheiden, was ins mediale Archiv kommt und was nicht. Die Medienökologen träumen von einem autoritären Aufklärungs-Regime, unter welchem Plaudereien und bloßes Geschwätz schwere Verstöße wären. Ganz in diesem Sinne denunziert Dreyfus das World Wide Web als ein nihilistisches Medium, wenn er sich wie folgt beschwert:

"Dank der Hyperlinks wurden alle sinnvollen Unterscheidungen eingeebnet. Relevanz und Bedeutsamkeit sind verschwunden. Und das ist ein wichtiger Teil der Attraktivität des Webs. Nichts ist zu trivial, um nicht aufgenommen zu werden. Nichts ist so wichtig, dass es nach einem besonderen Ort verlangte."

Anwender und Gruppen, die ihre eigenen Bedeutsamkeiten und Kontexte am Netz schaffen, finden hier keine Erwähnung. Offensichtlich hat Dreyfus auch noch nie von Mail- und Web-Filtern gehört. Wie ein kleines Kind, das durch eine Bibliothek streift und die Regale berührt, ist Dreyfus überwältigt von der schieren Quantität zugänglicher Information, die keinerlei Sinn für ihn macht:

"Man kann eine Kaffee-Maschine in Cambridge anschauen, oder die letzte Super-Nova, das Kyoto-Protokoll studieren, oder einen Roboter steuern, der in Österreich einen Samen pflanzt und bewässert."

Angst vor dem digitalen Volk

Dreyfus fürchtet, wie schon John Stuart Mill und Alexis de Tocqueville, die Tyrannei des digitalen Volkes. Die Ursprünge der Medien werden bis zu Sören Kierkegaards Schrift "Present Age" von 1846 zurückverfolgt. (Vgl. Dreyfus' Vortrag: "Kierkegaard on the Information Highway")

Sören Kierkegaard

Kierkegaard, ein christlicher Philosoph des 19. Jahrhunderts, gibt der gesellschaftlichen "Gleichmacherei" die Schuld ("Alles ist darin sich gleich dass es für nichts mehr sich lohnt, zu sterben"). Was er, und mit ihm Dreyfus wirklich fürchtet, ist das demokratisierte Nichts. Der Öffentlichkeit und der Presse, heutzutage umbenannt in "die Medien" und "das Internet", sollte nicht gestattet sein, ihre radikale Zwecklosigkeit zu zelebrieren. Stattdessen sollten die Eliten die öffentliche Sphäre beschränken und die Masse zum Fortschritt führen, zum Krieg, zum Sozialismus, zur Globalisierung, oder was immer ansteht.

"Kierkegaard hätte das Internet mit all seinen Webseiten voll anonymer Information aus aller Welt und mit seinen Interessengruppen, an denen sich ohne Qualifikation jeder beteiligen kann, um beliebige Themen endlos und ohne jegliche Konsequenzen diskutieren zu können, sicherlich als die High-tech-Synthese der allerschlimmsten Züge von Zeitung und Kaffeehaus betrachtet. (...) In Newsgroups können alle, überall und jederzeit, zu allem eine Meinung haben. Sie sind nur allzu bestrebt, den ebenso entwurzelten Meinungen anderer anonymer Amateure zu antworten, die ihre Ansichten aus dem Nirgendwo posten. (...) Es braucht keinerlei Erfahrung oder Qualifikation, um ins Gespräch zu kommen." (Seite 78, 79, 120)

Wer wird entscheiden, was Sinn und was Unsinn ist? Internet-Enthusiasten verweisen auf die entscheidende Differenz zwischen den alten Medien, beruhend auf einer Knappheit von Kanälen, Ressourcen und Gestaltungsräumen, sowie dem Netz mit seinen unbeschränkten Möglichkeiten parallel laufender Konversationen. Zum ersten Mal in der Mediengeschichte hat sich die Entscheidung über Sinn und Unsinn vom Medium und seinen Herausgebern zum individuellen Anwender hin verschoben. Dreyfus erwähnt die Möglichkeiten und die Probleme, die mit diesem wichtigen techno-kulturellen Wechsel einhergehen, nicht einmal. Letztendlich dreht sich die Debatte um Rede- und Meinungsfreiheit. Aber Dreyfus möchte das sensible Thema, wer die Inhalte beurteilt, nicht offen ansprechen. Zensur soll wahrscheinlich aus dem Inneren des Selbst kommen, als freiwillige Selbstbeschränkung über die tägliche Informationsaufnahme und -produktion.

Erlösung kann, für Kierkegaard wie auch für Dreyfus, nur aus einer "religiösen Sphäre der Existenz" kommen, die in der wirklichen Welt erfahren wird. Ob eine reine und nicht-mediatisierte Welt jemals existiert hat (oder existieren soll, in Form von "Wirklichkeits-Parks") darf wohl bezweifelt werden. Real und virtuell werden zu leeren Kategorien. Ein Ruf zurück zur "Wirklichkeit" kann nur mehr nostalgisch sein und macht sich selbst irrelevant, stellt es doch eine Flucht dar vor den aktuellen Kämpfen um die Zukunft der globalen Netzwerk-Architektur. Notwendig ist eine radikale Demokratisierung der Mediensphäre.

Es gibt keine Wirklichkeit hinter dem Virtuellen, keine Körper außerhalb der Maschine. Das Internet wurde inzwischen zu einem unsichtbaren Teil des Alltagslebens, vergleichbar mit dem Staubsauger. Wie Manuel Castells in seinem neuen Buch The Internet Galaxy sagt - es gibt keinen Weg zurück in einen Zustand vor der Netzwerk-Gesellschaft. Das Netzwerk ist die Botschaft.

Aus dem Englischen übersetzt von Frank Hartmann

Hubert L. Dreyfus, On the Internet, London/New York: Routledge, 2001. 136 Seiten, Euro 15,91

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