Das Netzwerk der globalen Städte

Florian Rötzer 19.04.2002

Ungleich verteilte Globalisierung: Erste empirische Analyse der am stärksten vernetzten Städte

Mit der Globalisierung und dem Umbruch von der Industrie- zur Informations- oder Wissensgesellschaft haben sich auch neue zentrale Orte für die nationalen und globalen Märkte herauskristallisiert, die man als wichtige Knoten im Fluss der Daten bezeichnen kann. Diese neuen Zentren haben sich bislang in schon bestehenden Städten angesiedelt, weil offenbar die Kontroll- und Steuerungsfunktionen einer durch die Telekommunikationsmittel eng vernetzten Welt noch eine hohe räumliche Dichte zu verlangen scheinen, die mit der globalen Verteilung der Aktivitäten einhergeht. Wissenschaftler haben jetzt versucht, das Netzwerk und die Hierarchie dieser globalen Städte empirisch zu erfassen.

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Wie in der soziologischen Theorie üblich, beispielsweise in den Arbeiten von Saskia Sassen, legten J.V. Beaverstock, R.G. Smith und P.J. Taylor für ihre Analyse des Netzwerks der "Weltstädte", die am dichtesten vernetzt sind, die Verteilung der unternehmensorientierten Finanz- und Dienstleistungsbranchen zugrunde. Diese Sektoren - Banken, Finanzen, Werbung und Accounting - gelten in der funktionalen Analyse als entscheidend für die Organisation und Steuerung der Weltwirtschaft. Für ihre Analyse haben die Wissenschaftler die Büronetzwerke von 100 dieser größten globalen Dienstleistungsunternehmen erfasst und deren Verbindung mit 315 Städten auf der ganzen Welt untersucht, um die relative Vernetztheit von diesen zu berechnen und daraus ihre Position zu bestimmen. Die Unternehmen hatten größere Büros in mindestens 15 Städten und mussten sowohl in den USA als auch in Westeuropa und Asien vertreten sein.

Während in den meisten Studien New York, London und Tokio, gelegentlich auch Paris oder Frankfurt zu den wichtigsten Weltstädten gezählt werden, kommt nach dieser Untersuchung Tokio erst an fünfter Stelle nach London, New York, Hong Kong und Paris. Die meisten der 123 Städte, die mindesten ein Fünftel der "Vernetztheit" von London aufweisen, liegen in Nordamerika, Westeuropa oder im asiatisch-pazifischen Raum, aber dazu gehören auch Städte in Afrika wie Lagos, in Lateinamerika wie Lima oder Karatschi in Südasien.

Näher betrachtet differenzieren sich nach den Wissenschaftlern die Unternehmenskonzentrationen aber in unterschiedliche Globalisierungsmuster aus. So gebe es ein globales Bankennetz, das sich asiatisch-pazifischen Raum konzentriert und dessen Kern wiederum Tokyo bildet. Ein europaweites Rechts- und Bankensystem baut sich um München und Frankfurt auf, während die Werbebranche sich um New York als Zentrum ausbreitet. Ein mit Schwerpunkt in den Westen ausgerichtetes Accounting-Netzwerk hat sein Zentrum in London.

Interessant seien nicht nur die Spitzenplätze für die "global cities", die sich mehr und mehr den Angaben anderer Untersuchungen decken, sondern die Gruppierungen in den unteren Rängen, aus denen sich die nicht gleichmäßige Verteilung der Globalisierung besser sehen ließe. Differenziert nach der gleichzeitigen Präsenz der zugrundegelegten Unternehmen und der Anzahl der Niederlassungen ergeben sich gewissermaßen Globalisierungsschichten. So sind die "Alpha-Städte" (London, Paris, New York, Tokio, Chicago, Frankfurt, Hong Kong, Los Angeles, Milan, Singapur), aber auch noch die "Beta-Städte (San Francisco, Sydney, Toronto, Zürich, Brüssel, Madrid, Mexico City, Sao Paulo, Moskau, Seoul) relativ gleichmäßig über die drei wichtigsten Globalisierungszonen verteilt. Bei den "Gamma-Städten", zu denen in Deutschland Düsseldorf, Hamburg oder München zählen, streuen jedoch schon weiter mit vier Städten in Lateinamerika und drei in Osteuropa. Johannesburg ist die einzige Stadt in diesem Rang in Afrika.

Das Netzwerk der globalen Medienstädte

Natürlich kann das Netzwerk von wichtigen globalen Städten auch unter anderen Gesichtspunkten erweitert werden. Eine andere Studie der Gruppe Globalization and World Cities Study Group and Network an der Loughborough University hat etwa die "globalen Medienstädte" als Zentren kultureller Produktion und der Medienindustrie empirisch analysiert. Untersucht wurde von Stefan Grätke die Vernetzung von 33 globalen Medienunternehmen mit 2766 Niederlassungen in 284 Städten. Auch im Bereich der Kulturökonomie sei eine fortschreitende geografische und organisatorische Konzentration in einem globalen Netzwerk zu beobachten.

Hergestellt und global vertrieben werden die Produkte der Medienindustrie in wenigen "globalen Medienstädten", an deren Spitze Los Angeles, New York, Paris, London, München, Amsterdam und Berlin stehen. Sind die ersten vier auch "Alpha-Städte" im spezialisierten Finanz- und Dienstleistungssektor, so scheren München, Berlin und Amsterdam aus, die als Medienorte "Alpha-Städte" sind, als Wirtschaftsorte im obigen Sinn aber nur "Gamma-Städte". Überdies konzentriert sich das globale Netzwerk der Medienindustriestandorte in Europa. Von den 39 globalen Medienstädten befinden sich 25 in Europa, 9 in den USA, Kanada und Lateinamerika sowie 5 in Asien und Australien. Afrika ist in dieser Hinsicht noch ein schwärzerer Kontinent.

http://www.heise.de/tp/artikel/12/12356/1.html
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