The WTC Conspiracy

Let one happen, stop the rest

19.04.2002

The WTC Conspiracy XLII

"Hören Sie auf, mir Emails zu schicken. Sie wissen, wer gemeint ist. Und Sie wissen, welche Emails ich meine ... OK, ich werde es sagen: diese weitergeschickten Emails, die suggerieren oder geradewegs behaupten, dass die CIA und die US-Regierung irgendwie in die grauenhaften Anschläge vom 11. September involviert sind", beschwerte sich unlängst der Washington-Redakteur des Magazins The Nation, David Corn, über die Hinweise, seinem Job als politischer Journalist ordnungsgemäß nachzukommen.

Alles Verschwörungstheorien, die "zu blöde sind, um darauf zu antworten". Wie zum Beispiel:

"Emails über einen Burschen, der in Kanada einsitzt, behauptet ein ehemaliger US-Geheimdienstmitarbeiter zu sein und angeblich schriftliche Warnungen vor den Anschlägen Mitte August an seine Wärter übergab. Oder Emails, die italienische Zeitungsberichte zitieren, nach denen Usama Bin Ladin im Juli im American Hospital in Dubai an seinen Nieren behandelt wurde und sich dort mit einem CIA-Offiziellen traf. Dann gibt es Emails, die sich auf ein in Frankreich erschienenes Buch beziehen, das feststellt, die Attacken seien einen Monat später gekommen, nachdem die Verhandlungsführer der Bush-Regierung, die mit den Taliban über ein Pipeline-Projekt verhandelten, den Afghanen gedroht hätten: 'entweder ihr akzeptiert unser Angebot eines Teppichs voller Gold oder wie beerdigen euch unter einem Teppich von Bomben'."

Nun haben diese Behauptungen, die Corn schlicht für "Scheiß" (crap) hält, und die daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen, die er als "verrückt" bezeichnet, schon ein bisschen mehr Wertigkeit als eine bloße Email. Das Zitat aus den Geheimverhandlungen mit den Taliban wurde vom pakistanischen Außenminister wiedergegeben, der Bericht über Usamas CIA-Meeting stammt ursprünglich aus dem französischen "Figaro" und beruft sich auf Beobachtungen des französischen Geheimdiensts; und der in Kanada einsitzende Delmart "Mike" Vreeland konnte seine Zugehörigkeit zur US-Navy einem Gericht in Toronto eindrucksvoll beweisen: Sein Anwalt rief aus dem Gerichtssaal die Telefonvermittlung des Pentagon an und ließ sich Vreelands Büronummer und Durchwahl geben.

Das sagt alles noch gar nichts. Kann der Navy-Geheimdienst so dumm sein, einen zu heiß gewordenen Agenten nicht aus seinem Telefonbuch zu streichen ? Hat Frankreich nicht eigene geopolitische Interessen und ein Motiv, mit Desinformation Sand ins Getriebe der US-dominierten Allianz zustreuen? Ist Pakistans Außenminister als Bundesgenosse der Taliban ein glaubwürdiger Zeuge? Doch solche Fragen stellt Corn erst gar nicht, seine Begründung aber, warum dieser ganze Verschwörungsscheiß "absurd" ist, verdient festgehalten zu werden:

"Wären U.S.-Offizielle fähig zu solch einer niederträchtigen Tat? Fähig im Sinne von in der Lage dazu zu sein, sie durchzuführen, und willens dazu. Um es einfach zu sagen: Die Spione und Spezialagenten sind nicht gut genug, böse genug und nicht mutig genug, so eine Operation zu inszenieren. Dieser Schluss basiert teilweise auf, ich darf sagen, gesundem Menschenverstand, aber ich habe mich auch jahrelang mit Themen der nationalen Sicherheit beschäftigt (für ein Buch, das ich über die CIA schrieb, habe ich Interviews mit über 100 ihrer Angestellten geführt). Nicht gut genug: So ein Plot - die simultane Zerstörung der beiden Türme, und Teile des Pentagons, und vier Flugzeuge, die es aussehen lassen, als ob alles von jemand anderem begangen worden sei: das ist weit jenseits des Fähigkeits-Levels der US.Geheimdienste."

Dank dieser Aufklärung durch einen ausgewiesenen Experten, der u.a. über 100 CIA-Angestellte interviewt hat, können wir jetzt auch erahnen, was die Fähigkeiten der US-Geheimdienste trotz 30 Milliarden $ Jahresetat weit überschreitet: eine Höhle, ein Bösewicht und 19 Räuber mit Cessna-Flugstunden. Obwohl einer der prominentesten der intellektuellen Debunker von "Verschwörungs-Schwachsinn" scheint sich auch David Corn der Schwäche dieses Arguments bewusst zu sein, und sieht sich deshalb genötigt, im "Schlamm" einiger Verschwörungstheorien zu wühlen, um sie beispielhaft zu zerpflücken.

Dass er sich dabei das vermeintlich schwächste Glied - die Geschichte von Delmart Vreeland - und ihren lautstärksten Vertreter - den "Cop vs CIA" und "Form The Wilderness"-Herausgeber Mike Ruppert - vornimmt, ist legitim, doch mit deren Antwort hat Corn wohl nicht gerechnet - und sie dürfte unter dem Teppich der liberalen "The Nation" genauso verschwinden, wie die kritischen Fragen der Kongressabgeordneten McKinney unter dem Teppich der nationalen Sicherheit.

Der merkwürdige Fall des windigen kleinen Agenten Delmart "Mike" Vreeland, der im Dezember 2000 in Kanada verhaftet wurde und im August 2001 seinen Gefängniswärtern eine Notiz zukommen ließ, in der er vor einem großen Anschlag auf exponierte Ziele in den USA warnte, ist aufmerksamen Lesern dieser Serie schon seit Mitte Oktober bekannt (Juli 2001: Usama meets CIA!). Im Februar berichteten wir von dem Gerichtsverfahren und dem spektakulären Beweis für seine Identität als Navy-Mitarbeiter (Von Al-Capone-Land nach Pipelineistan). Mittlerweile ist der 35-jährige Vreeland, der wegen Kreditkartenbetrugs angeklagt war, vom Gericht in Toronto gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt worden - und kämpft jetzt juristisch gegen das Auslieferungsersuchen der USA, das er nach eigenen Befürchtungen nicht länger als ein paar Stunden überleben würde.

Er hat einen offenen Brief an David Corn von "The Nation" geschrieben, sowie Mike Ruppert in einem ausführlichen Interview 35 Fragen beantwortet. Danach hat Vreeland, der aus Moskau kommend in Toronto festgenommen worden war, von den geplanten Anschlägen erstmals Anfang Dezember 2000 erfahren, aus dem Dokument eines US-Agenten, der zu der Kopie einer Warnung gekommen war, die Russlands Präsident Putin aus dem Irak von Saddam Husseins Sohn zugestellt worden sein soll. Nachdem die kanadischen Behörden Vreelands Ersuchen, mit dem Militärgeheimdienst zu sprechen, abgelehnt hatten, schrieb er im August jene ominöse, hastige Notiz, die seine Wächter dann versiegelt zur Habe nahmen und erst am 14. September wieder öffneten. Neben einer Liste mit Gebäuden - WTC, Sears Towers, White House, Pentagon - enthält der Notizzettel auch den merkwürdigen Satz: "Let one happen, stop the rest" - Lass eins passieren, stoppe die anderen" - zu dem sich Vreeland im Interview auf Rat seiner Anwälte aber nicht äußert. Auf die Nachfrage Mike Rupperts, ob dieser Satz nicht impliziere, dass die Vereinigten Staaten oder ein anderer Geheimdienst die ausführende Terrorzelle komplett unterwandert habe, antwortete er:

"Das stimmt ohne Frage. Manchmal schaffen bestimmte Regierungen Netzwerke wie al-Qaida, die in Afghanistan ja wirklich die Regierung waren. Und diese Einheiten schaffen dann spezielle Probleme im Sinne der sie steuernden Regierung."
- Wissen Sie, wer diese Unterwanderung ausführt hat?
"Ich kann dazu keinen Kommentar abgeben."
- Ist es möglich, dass die Terrorzellen "geführt" wurden, ohne dass sie davon wussten?
"Absolut."

Mir schien die Geschichte dieses kleinen Agenten, der mit seiner von der Navy finanzierten Kreditkarte einen auf James Bond macht, Edel-Champanger kistenweise ordert und als Yachtkäufer auftritt, von Anfang an realistisch. Auch dass er bei seinen Spionagetrips nach Moskau, bei denen es angeblich um ein Projekt "Red Mercury" - basketball-große Atomsprengkörper - ging, von Kollegen am Rande etwas über die Warnung vor diesen Anschlägen erfahren hat, ist glaubhaft - und dass er dieses Wissen jetzt, wo ihn sein Arbeitgeber wegen seines windigen Agentenlebens via Kreditkarte hochgehen (bzw. einfahren) lässt, nutzt. um seine Haut zu retten, scheint logisch. Ebenso wie die Methode der Geheimdienste, "hot potatoes" unter ihren Undercover-Agenten im Falle eines Falles mit fingierten Anklagen und anderen Tricks aus dem Verkehr zu ziehen - und abzustreiten, jemals mit ihnen zu tun gehabt zu haben.

Nehmen wir einmal an, Vreeland sei wirklich nur ein gewöhnlicher Betrüger und Kreditkartenschwindler, was würde ihm so eine Geheimdienst-Räuberpistole, wie er sie den kanadischen Behörden lieferte, in diesem Fall nützen? Müsste er, wenn er ernsthaft auf einer völlig erfundenen Identität als Agent beharrt, nicht eher damit rechnen, in der geschlossenen Abteilung der Klapsmühle zu landen, statt in Freiheit? Also: diese kleine, halb-kriminelle Undercover-Wühlmaus, die seit ihrem Ausscheiden aus der offiziellen Navy für deren Geheimdienst als fester "freier Mitarbeiter" für 4.620 Dollar im Monat im Trüben fischt - dieser Lieutenant Delmart "Mike" Vreeland ist echt. Was aber bringt ihn dann dazu, im August 2001 seine Gefängniswärter vor einem Terroranschlag zu warnen, und die Namen der avisierten Gebäude auf einen Zettel zu kritzeln? Dass er die entscheidenden Fragen in seinem Interview nicht beantwortet, ist nachvollziehbar - schon so dürfte er sich als "whistleblower" seines Lebens augenblicklich nicht allzu sicher fühlen. Doch dank seines Falls könne wir die Szenarien des Vorauswissens um eine weitere Variante ergänzen:

Eine Terrorgruppe, nennen wir sie der Einfachheit halber al-Qaida, plant eine Serie von Anschlägen mit Passagierflugzeugen auf exponierte Gebäude der USA. Planung und Vorbereitung bleiben nicht unentdeckt, im Juni 2000 erfährt - laut Vreeland - der irakische Geheimdienst davon und meldet es im November an das befreundete Russland weiter. Spätestens jetzt erfahren auch die amerikanischen Dienste davon, scheinen aber nichts weiter zu unternehmen - und stattdessen die Parole auszugeben "Let one happen - stop the rest". Das jedenfalls notiert der im Dezember 2000 verhaftete US-Agent Vreeland im August 2001 auf einer warnende Notiz, die bis zum 14. September bei seiner Habe schmort. Was der kryptische Satz meinen könnte, zu dem er sich derzeit öffentlich nicht äußern will, deutet schon die Nachfrage Mike Rupperts an - er klingt wie eine Anweisung an die Undercover-Agenten in dieser Terrorgruppe. Stellt sich die Frage, auf welchen Kanälen diese inoffiziellen Mitarbeiter bei "al-Qaida" eingeschleust werden konnten? Hier bietet sich der pakistanische Geheimdienst ISI an, der engste CIA-Partner in der Region, von dem dann - laut Times of India unter Berufung auf indische Quellen und das FBI - unter anderem Mohammed Atta im Juli mit 100.000 $ bestückt wurde.

Ist al-Qaida am Ende mit inoffiziellen Mitarbeitern ähnlich durchsetzt wie der deutsche NPD-Vorstand mit IM des Verfassungsschutzes? Dann wurde Usama, dem Doppelagenten par excellence, nach seiner Rolle als Watschenmann sicher eine friedvolle Pension versprochen - in irgendeiner saudischen Oase, oder rasiert und mit neuem Pass in Florida ...

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