Bewusstsein: Minderwertige Buchführung oder Heiliger Geist?

Goedart Palm 20.04.2002

Anmerkungen zur Künstlichen Intelligenz und dem Problem des Bewusstseins

Das Bewusstsein bereitet dem Bewusstsein erhebliche Probleme. Weder weiß man so genau, wo es liegt, noch wie es funktioniert. Von welchem Bewusstsein ist überhaupt die Rede, wenn Neurowissenschaftler, Psychologen, Philosophen, aber auch Dichter seine hochkomplexe Topografien in Formeln und Metaphern beschreiben? In diesem selbstbezüglichen Zirkel haben sich bereits zahlreiche Weisheitsliebhaber verirrt, nachdem Descartes' die heftig angefeindete Losung ausgegeben hatte, Leib und Seele zu trennen. Seitdem spukt heftig der "Geist in der Maschine" (Gilbert Ryle, 1949) und kann sich nicht so recht entscheiden, wo er neben dem Energieerhaltungssatz seinen Platz findet.

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iSHA von der Waseda Universität

Die zum Standard gewordenen Hypes der Künstlichen Intelligenz (KI), einen Computer zu entwickeln, der über Bewusstsein verfügt, sorgen für immer neue Kapriolen in dieser unendlichen Suche des Bewusstseins nach sich selbst. Roger Penrose hält es nach seiner stark angezweifelten Theorie zum Quasiquantenbewusstsein beim Stand des gegenwärtigen Wissens für unmöglich, ein menschenähnliches Bewusstsein künstlich herzustellen (Ist die Quantentheorie des Bewusstseins Humbug?). Dagegen meint der reizbare Marvin Minsky mitunter, das Problem längst gelöst zu haben. Bewusstsein sei nicht anderes als eine Art "minderwertiges Buchführungssystem".

Zwischen Erzreduktionisten und den Apologeten des heiligen Geistes stehen nicht allein geistes- wie naturwissenschaftliche Differenzen, die sich immer wieder terminologisch verfehlen und vermischen, wenn so unterschiedliche Phänomene wie Selbstbewusstsein, Wahrnehmung, Intentionalität, Gedächtnis, Schmerzen oder Emotionen verhandelt werden. Entscheidend für dieses erregte Diskursklima ist letztlich die Frage, welche Stellung der Mensch selbst in der von ihm geschaffenen artifiziellen Umwelt einnimmt, die ihn immer stärker bedrängt, während sie ihm zugleich fast alles verheißt. Wer über künstliche Intelligenz redet, redet zugleich über natürliche Intelligenz. Und diesen Vergleich beleben die Ängste des Menschen, seine evolutionär exklusive Stellung an Maschinen abzutreten. So ist etwa auch Gerhard Roths Feststellung zum Computerbewusstsein zu verstehen, der Rechner solle gar nichts denken. Wir wissen noch nicht, wie zukünftige Rechner über dieses Dekret des bekannten Hirnforschers denken werden. Rodney Brooks sieht das jedenfalls schon seit längerer Zeit fundamental anders.

Bottum-up oder mit einem Körper in der Welt

Der Forscher am berühmten MIT, der angeblich bereits mit 12 Jahren eine künstlich intelligente Maschine gebaut haben soll, stellte nun auf einer Konferenz in Tucson neue Roboteralgorithmen vor. Brooks bescheinigt seinem anthromorphen Roboter Kismet Wahrnehmungsverhalten, elementare Vokalisationen und expressive Züge, die ihn zu einem sozialen humanoiden Wesen machen sollen. So kann "Kismet" ovalförmige Objekte von der Umgebung isolieren und mit Hilfe geometrischer Muster in diesen fleischfarbenen Landschaften - respektive Gesichtern - menschliche Augen verorten. Weiterhin erkennt die "Schicksalsmaschine" Bewegungstypen, die etwa eine bewusst gesteuerte Hand von einem ballistischen Gegenstand unterscheiden. Kismet kann auch der Direktionsrichtung einer Hand, die auf ein Objekt zeigt, folgen. Mit seiner Kinderstimme soll er zudem für sein menschliches Gegenüber eine Eltern-Kind-Beziehung plausibel machen.

Rodney Brooks wendete sich vor fast zwei Jahrzehnten von symbolorientierten Repräsentationen der Welt ab, weil er echte Bewusstseinsleistungen nur für möglich hält, wenn sie an einen Körper gebunden sind (vgl. auch Werthern schubst Lotte). Erst die Wahrnehmung der Umwelt und Anpassung an sie durch einen sensomotorisch ausgestatten Körper können echte Intelligenz entwickeln. Ähnlich sieht das bekanntlich auch Hans Moravec, der den Versuch, Intelligenz "bottom-up" zu entwickeln, schon deshalb für attraktiv hält, weil das evolutionär langwierige "Buch der Natur" im Zeitraffer durchlaufen werden kann (Kleine Wellen und Pfützen).

Bei der Entwicklung der ersten Robotergeneration werden auch die späteren Evolutionskapitel schon nach brauchbaren Ideen durchforstet. Blechtrottel, die sich nicht vom Fleck rühren, mögen fantastische Rechner sein. Komplexe Weltbezüge, die wir bei menschlichem Bewusstsein voraussetzen, werden sie mangels Mobilität und sinnlichem Input nicht erreichen. Die jetzt von Brooks vorgestellten Modelle sind Geschwister vonCog, der bereits - bei großzügiger Betrachtung - menschenähnliche Grundbewegungen nachahmte. Danach kam iRobot, der als Hausknecht einfache Handbewegungen durchführen sollte, aber wohl bei der Schließung von tropfenden Wasserhähnen leicht überlastet reagierte.

Kismet vom MIT

Brooks Weg über die Bewegungs- und Umweltintelligenz klingt nur vordergründig weniger aufregend als das jüngst vorgestellte Projekt der KI-Forscher John G. Taylor und Neill Taylor vom King's College London, die mit ihrem Unternehmen Lobal Technologies lernfähige Computer bauen wollen. Nach John. G. Taylor ist es angeblich bereits jetzt möglich, das Sprachzentren des Gehirns nachzubilden. Mit dem "Language Acquisition Device" (LAD) soll ein natürliches Sprachverarbeitungsprogramm vorliegen, das menschliche Kommandos versteht, von ihnen lernt und bereits die Lernfähigkeit eines 18-Monate alten Kindes besitzen soll. Für Ende nächsten Jahres wird die Lernfähigkeit eines sechsjährigen Kindes prognostiziert. Nun bleibt auch hier die Frage unbeantwortet, warum dann die Ausreifung zum Erwachsenenbewusstsein nicht auf dem kognitiven Fuße folgt. Vielleicht fehlt diesen Programmen aber noch das von Brooks verordnete Bewegungstraining in einer Umwelt, die sie schlau werden lässt, wenn sie nur oft genug gegen Mauern laufen.

Viele Bewusstseinsarten und der solipsistische Knoten

Klar ist jedenfalls, dass die Rede vom Bewusstsein viel zu pauschal ist, um die funktionellen Differenzierungen seiner komplexen Welterschließung zu beschreiben. Und eine besonders harte Kopfnuss für die Bewusstseinsforscher dürften die höheren Formen des Geistes sein, die nach dem Maharishi Mahesh Yogi geradewegs in das "kosmische Bewusstsein" münden. Fred Travis von der Maharishi University of Management verfolgt gegenwärtig das Bewusstseinsproblem bei besonderen Zeitgenossen, die regelmäßig transzendental meditieren. Travis legte sich die vordergründig eigenartige Frage vor: "Gibt es eine Selbstwahrnehmung ohne geistigen Inhalt", oder in anderen Worten: "Kann ein Mensch sich seiner eigenen Struktur bewusst sein, ohne gleichzeitig wahrzunehmen oder zu denken?" Travis stützt sich auf EEG-Daten, die Theta- und Alpha-Aktivitäten anzeigten, obwohl die kosmischen Probanden in tiefen Schlaf versunken waren. Bei den "Transzendentalzerebralen" werden danach bewusste Hirnaktivitäten nicht nur während des Wachzustands, sondern auch während des Schlafens und des Träumens beobachtet.

Elementarer experimentiert Randolph Blake von der Vanderbilt University. Mit der Methode der binocular rivalry will er sich den Außenbezirken des Bewusstseins zu nähern. Rechtem und linkem Auge werden jeweils zwei völlig verschiedene Bilder präsentiert, sodass die bewusste Aufmerksamkeit zwischen diesen beiden Eindrücken hin- und herwandert. Wenn ein Auge gerade dominant auf einen Bildeindruck reagiert, liegt das Bild vor dem anderen Auge jenseits des visuellen Bewusstseins.

Bekannt ist folgender Effekt: Zunächst wird Testpersonen ein rotierendes Kreiselmuster gezeigt und anschließend ein unbewegtes Bild, das auf Grund des Voreindrucks aber bewegt zu sein scheint. Diese optische Illusion kann nun auch erzeugt werden, wenn das sich drehende Rad nur von dem unbewussten, gleichsam ausgeblendeten Auge betrachtet wird. Das Gehirn verarbeitet also visuelle Reize selbst dann, wenn die bewusste Wahrnehmung eines Menschen unterdrückt wird. Allerdings versagt die Methode, wenn fortgeschrittenere visuelle oder verbale Wahrnehmungen notwendig werden, die über die einfache Bildverarbeitung hinausgehen. Blake täuscht sich selbst aber nicht darüber, dass die Phänomene der "binocular rivalry" zwar rudimentäre Formen des Bewusstseinsprozesses deutlicher machen, aber eine befriedigende Bewusstseinstheorie damit noch längst nicht in Sicht ist.

Aber vielleicht widerspricht es gerade einem wirklich aufgeklärten Bewusstsein des Bewusstseins, analytisch saubere Zustände zu unterscheiden. William James, der ähnlich wie James Joyce im "Strom des Bewusstseins" keine klar abgrenzbaren Zustände unterscheiden wollte, hat einmal den Ausspruch des heiligen Augustinus über das Wesen der "Zeit" modifiziert: "Wir wissen, was Bewusstsein ist, so lange uns keiner auffordert, es zu definieren".

Folgt man Rodney Brooks und anderen Robotniks, käme es weniger darauf an, das Bewusstsein zu verstehen, als es nach dem Modell leiblicher Welterfahrung zu entwickeln. Dann könnte irgendwann die Frage verblassen, ob künstliche Systeme sich intelligent verhalten, weil sie nun Bewusstsein haben, nur simulieren oder wir Geist in Maschinen projizieren, wo nur Verhalten zu beobachten ist. Das alte solipsistische Problem, dass niemand vom anderen sicher weiß, ob er Bewusstsein hat, wird auch gegenüber Maschinen nicht zu lösen sein. Wer also wissen will, ob ein Android von elektrischen Schafen träumt, müsste erst selbst einer werden.

http://www.heise.de/tp/artikel/12/12365/1.html
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