Brain drain oder brain circulation?

05.05.2002

Zumindest im Fall von hochqualifizierten indischen und chinesischen Migranten im Silican Valley profitieren beide Seiten

Je höher die Qualifikation, umso größer sind die Chancen, eine Nische auf dem Weltarbeitsmarkt zu finden. Diese Chancen nutzen viele hoch- und höchstqualifizierte Wissensarbeiter aus Entwicklungs- und Schwellenländer, um vor allem in den USA, aber auch in Europa bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu suchen. Welche Konsequenzen diese Abwanderung von Hoch- und Höchstqualifizierten für die Herkunftsländer hat, ist umstritten. Kommt es zu einem "brain drain", wenn wichtiges Personal für die ökonomische Entwicklung eines Landes verloren geht? Oder wiegen die Vorteile transnationaler Netzwerke, die zwischen Migranten und ihrem Geburtsland geknüpft werden, diesen Verlust auf, da Kapital, Wissen und Technologie transferiert werden?

In einer letzten Freitag veröffentlichten empirischen Studie des Public Policy Institute of California wurden erstmals Daten über die Vernetzung von nicht in den USA geborenen Wissenschaftlern und Ingenieuren aus dem Silicon Valley mit ihren Geburtsländern erhoben. Die Ergebnisse der Studie weisen nicht auf einen "brain drain", sondern auf eine komplexe "brain circulation" zwischen dem Silicon Valley und den Geburtsländern der Migranten hin, sagt AnnaLee Saxenian, Leiterin der Untersuchung und Professorin an der University of California, Berkeley.

Im Zentrum der Studie stehen indische und chinesische Migranten der ersten Generation, welche die größte Gruppe von hochqualifizierten Einwanderern im Silikon Valley bilden. Von den geschätzten 320.000 High-Tech-Arbeitern, die in der San Francisco Bay Area beschäftigt sind, wurden 18.400 in Indien und 20.700 in China (inklusive Hongkong und Taiwan) geboren. Die insgesamt 2.300 Befragten sind alle Mitglieder einer von 17 Berufsorganisationen, die ursprünglich gegründet wurden, um offensiv gegen Karrierehindernisse für Migranten in der Hochtechnologie-Branche vorzugehen. Heute fungieren sie hauptsächlich als Karriere- und Business-Netzwerke. So repräsentiert die Studie nicht den Durchschnitt, sondern den aktivsten und erfolgreichsten Teil der chinesischen und indischen Migranten.

Die Migranten haben "erfolgreich die einzigartige Geschäftskultur adaptiert, die das Silicon Valley hinsichtlich der Start-Ups, der Netzwerke und des Informationsaustausches besonders macht", sagt Saxenian. Immerhin waren 51 Prozent der befragten Personen an der Gründung oder der Leitung eines Start-Up-Unternehmens beteiligt, obwohl der weitaus größte Teil der Migranten erst in den 90er Jahren in die USA kam.

Gleichzeitig findet eine transnationale Vernetzung mit den Herkunftsländern statt: 80 Prozent der Befragten gaben an, Informationen über Technologien an Berufskollegen in ihrem Geburtsland weiterzugeben. 30 Prozent der Migranten trafen sich mindestens einmal oder regelmäßig mit Regierungsvertretern aus ihrem Geburtsland und immerhin 27 Prozent beraten dort ansässige Unternehmen. Aber nicht nur Wissen, auch Kapital wird in die Herkunftsländer transferiert. Die Hälfte der in den USA unternehmerisch tätigen Migranten gründete bereits Tochtergesellschaften oder "Joint Ventures" oder beteiligte sich auf andere Weise an Geschäftsgründungen in ihren Herkunftsländern. 70 Prozent aller in der Studie Befragten gaben an, dies zumindest für die Zukunft in Erwägung zu ziehen.

So zeigt sich zumindest für die Gruppe der in der Hightech-Industrie tätigen, hochqualifizierten Migranten im Silicon Valley, dass deren Abwanderung kein reines Verlustgeschäft für die Herkunftsländer ist. Der Transfer von Kapital, Wissen und auch der amerikanischen Unternehmenskultur stellt einen Zwei-Wege-Prozess der "brain circulation" zwischen dem Silicon Valley und einzelnen urbanen Zentren in Indien und China dar. Und von diesen transnationalen Netzwerken, die eine ökonomische Globalisierung jenseits multinationaler Konzerne sichtbar machen, profitieren beide Seiten. Allerdings wurde in der Studie nur die Elite der Wissensarbeiter betrachtet, die zudem in einem innovativen und bislang für Kapitalgeber interessanten Wirtschaftszweig arbeitet. In anderen Branchen kann sich die Situation durchaus anders darstellen.

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