Deep Mourning

23.04.2002

Die den Pornofilm aus der Illegalität holte ist tot

Die Schauspielerin Linda Lovelace starb gestern in Denver im Alter von 53 Jahren an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Ein einziger Film hatte sie bekannt gemacht: Der Kassenschlager Deep Throat - eine Art Lederhosenkomödie mit Hardcoreszenen - räumte 1972 mit den letzten Resten des Hayes-Code-Filmzensursystems, das Hollywood seit 1934 beherrscht hatte, endgültig auf und holte den Pornofilm aus der Illegalität in den Mainstream.

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Deep Throat war kein wirklich guter Film - aber ein Meilenstein in der Revolution gegen die Zensur. Ein Film den man gesehen haben "musste". Jeder kannte ihn - und jeder konnte es zugeben. Als die beiden Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein, bei ihrer Aufdeckung der Watergate-Affäre ihrem ominösen Informanten den Namen Deep Throat gaben, verstand ganz Amerika den Witz.

Dabei war die antizensorische Leistung von Linda Boreman, wie die am 10. Januar 1949 in der Bronx geborene Darstellerin mit bürgerlichem Namen hieß, ebenso wenig bewusst wie freiwillig: Die Darstellerin behauptete später, dass ihr damaliger Gatte Chuck Traynor sie zum Drehen von Pornofilmen gezwungen habe und dass sie nie einen Pfennig für den Kassenschlager, der angeblich 600 Millionen Dollar einspielte, bekommen hätte. Mehr Geld verdiente die Schauspielerin in den 1980er Jahren mit ihren Autobiographien und indem sie ihren Namen für Anti-Porno-Kampagnen zur Verfügung stellte. Danach arbeitete sie als Call-Center-Angestellte in einer Investment-Firma und als Putzfrau. Zuletzt kündigte sie an, ihre alten Kleider über eBay versteigern zu wollen.

Vor Linda Lovelace hatte amerikanisches Kino anders ausgesehen als wir es heute kennen: Der Hayes Code verbot nicht nur Nacktheit und Geschlechtsakte, sondern beispielsweise auch, dass Mann und Frau gemeinsam auf einem Bett sitzen - was zur Erfindung der getrennten Ehebetten führte, die sich erst nach dem Auftauchen der Hollywood-Vorbilder auch im wirklichen Leben verbreiteten. Positive Nebenwirkung der Zensur war, dass sich eine reichhaltige Symbolsprache entwickelte: Blumen für weibliche Geschlechtsteile im Musical, Zigaretten für männliche Geschlechtsteile im Film Noir, Trampolinszenen für Vergewaltigungen im Abenteuerfilm und "Folksänger werden" für "schwul werden" im Melodram. Auch ein großer Teil aller Gegenstände in Hitchcock-Filmen wurden von ihm weniger wegen ihres dekorativen Werts, als wegen ihres sexuellen Symbolwerts ausgewählt.

Obwohl der Hayes Code schon 1968 von der MPAA durch das Rating-System ersetzt wurde, kam die endgültige Befreiung für den Pornofilm erst mit Deep Throat. Während Hollywood unter dem Aussterben seiner Symbolsprache litt und sich erst in den 1980er Jahren wieder erholte, konnte sich der amerikanische Pornofilm, der vor dem Linda-Lovelace-Erfolg überwiegend aus illegalen "Tijuana-Filmen" bestand, die in der nahe Los Angeles gelegenen mexikanischen Grenzstadt mit überschüssigen Schauspielern und Schauspielerinnen aus Hollywood gedreht wurden, sowohl zum Mainstream als auch zur Kunst entwickeln.

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