Gewalt und Medien

03.05.2002

Gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse über Medienwirkung gibt es noch nicht

Der Amoklauf und Massenmord in Erfurt hat viele Auswirkungen. Neben dem unsäglichen Leid der direkt Betroffenen finden Medien und Politiker in den Ereignissen ein quotenträchtiges Thema. Was nicht verwundert, weil es eingeübten Regeln und Ritualen folgt, ist die schnelle Findung der letztlich Schuldigen: Film, Fernsehen, Musik, Computerspiele bzw. allgemeiner Gewaltinhalte der Medien. Doch es stellt sich die Frage, auf welcher Basis solche Schuldsprüche eigentlich aufbauen.

Auch in Telepolis sind schon eine Reihe von Texten zum Erfurter Massaker und der Rolle der Medien sowohl als Berichterstatter über das Ereignis als auch als Ursache des Massenmordes selbst erschienen (vgl. Gamer gegen Terror, Brutale Spiele(r)?, Die Wahrheit über das Massaker in Erfurt, Homepage des Erfurter Amokschützen, Zeitbombe Schützenvereine, Aufmerksamkeitsterror) . Allgemein lässt sich über die mediale Diskussion ebenso wie über die Statements von Seiten der Politik sagen, dass nicht selten von gesicherten Ergebnissen über Medienwirkungsprozesse gesprochen wird, obwohl diese in dieser Form gar nicht existieren.

Die Debatte in der Öffentlichkeit, welche (schädlichen) Wirkungen von Medien ausgehen (können), ist jedoch nicht besonders originell. In der Vergangenheit wurde immer dann, wenn ein neues Medium - sei es Film, Rundfunk, Fernsehen oder heute das Internet - eingeführt wurde, heftig und in der Regel polemisch bis irrational eine Diskussion über die negativen Folgen jenes neuen Mediums auf Individuen und Gesellschaft geführt. Es ist zu vermuten, dass die Art und der Stil dieser Auseinandersetzungen an der wissenschaftlichen Erforschung (massen)medialer Wirkungen nicht spurlos vorbeigegangen ist.

Ein Blick in die nähere Vergangenheit zeigt zumindest, dass die Zahlen von Forschungsprojekten und Publikationen auch im Bereich "Gewalt" stark schwanken und durchaus mit gesamtgesellschaftlich relevanten Ereignissen korrelieren. Es kann deshalb angenommen werden, dass auch die Wissenschaft Trends oder Moden unterliegt. Beispielsweise wurde das Thema "Gewalt in den Medien" 1985 in der (damals noch alten) Bundesrepublik Deutschland sehr intensiv mit der Einführung des Privatfernsehens bearbeitet, wohingegen eine ähnliche Konjunktur vorher und nachher nicht zu beobachten war.

Die Debatte um Gewalt krankt aber auch daran, dass gar nicht klar ist, was mit dem Ausdruck eigentlich bezeichnet wird. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit werden mindestens folgende Bedeutungen von "Gewalt" in den einschlägigen Untersuchungen verwendet: direkte Gewalt gegen Personen oder Sachen; physische Gewalt; psychische Gewalt als Androhung von physischer Gewalt; indirekte Gewalt als strukturelle Gewalt, z.B. Folgen sozialer Ungleichheit; innergesellschaftliche Gewalt; zwischenstaatliche Gewalt, also Krieg. Außerdem wird in der öffentlichen Diskussion - z.B. in der Auseinandersetzung um Computerspiele und Schützenvereine - zwischen akzeptierter bzw. "guter" Gewalt und abgelehnter bzw. "schlechter" Gewalt unterschieden. So wird das Abreagieren von Aggressionen beim Sport(schießen) positiv angesehen, hingegen der Konsum von Filmen oder Computerspielen zur Entspannung eher negativ. Dabei geschieht die Ablehnung bzw. Befürwortung aber nicht selten entweder kriterienfrei oder ausgerichtet an politischer Opportunität - gerade die aktuellen Ereignisse und Diskussionen nach den Erfurter Morden zeugen davon. Der kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema hilft beides nicht.

Festzuhalten bleibt, dass in den Studien über Gewaltdarstellungen in den Medien kein einheitlicher Begriff der Gewalt verwendet wird. Resultat ist, dass Ergebnisse verschiedener Studien oft nicht vergleichbar sind; ohne eine Vielzahl von Studien mit in ähnlicher Richtung gehenden vergleichbaren Ergebnissen ist aber von "gesicherten Erkenntnissen" nicht zu sprechen. Wegen dieser Unvergleichbarkeit und der uneinheitlichen Auffassung von Gewalt aber sind selbst quantitative empirische Studien mit Vorsicht zu genießen, da nicht klar ist, was überhaupt gemessen wurde. Eine Folge davon ist, dass inhaltsanalytisch ausgerichtete Studien oft auf das Zählen der Leichen und Verletzten bzw. der Handlungen, die diese "produzieren", beschränkt bleiben. Doch einen monokausalen Zusammenhang zwischen der Quantität der Gewalt und den künftigen Handlungen der Rezipienten zu behaupten, wäre mehr als bedenklich. Interessant ist, dass jene Medienwirkungsforscher, die zur Besonnenheit und Vorsicht in der Deutung von Forschungsergebnissen aufrufen, die einen monokausalen Zusammenhang ablehnen bzw. entsprechend andere Resultate ihrer Studien vorweisen können, in aller Regel nicht in den Prime-Time-Nachrichten auftauchen, sondern allenfalls in Diskussionsrunden, die in den Dritten Programmen, bei 3 SAT oder PHÖNIX, versteckt werden.

Auch in der Diskussion um das Erfurter Massaker ist wieder - wie in vielen anderen Fällen spektakulärer Ereignisse - zu beobachten, dass kritische, abwägende und fundierte Stellungnahmen nicht in das publikumswirksame Medienberichtsschema passen. Hier werden 30-Sekunden-Statements vorgezogen, die notwendigerweise verkürzen und polarisieren, statt Aufklärung zu bieten.

Ähnlich unklar wie der Begriff der Gewalt ist jener der Gewaltdarstellung in der Medienwirkungsforschung. Welchen Einfluss die Art der Darstellung von Gewalt hat, ist nicht völlig gesichert. Ein Parameter ist hierbei z.B. der Grad der Realitätsnähe. Realitätsnahe Gewaltdarstellungen scheinen bei Rezipienten eher zu Angst, Betroffenheit und Ablehnung der Gewalt zu führen, wohingegen realitätsferne Gewaltdarstellungen wesentlich als Unterhaltung begriffen werden - Comics und Cartoons sind hierfür ein Beispiel. Nachrichtensendungen wiederum scheinen in ihrer Wirkung eher angsteinflößend zu sein, da hier ein Grad der Authentizität und Realitätsnähe geboten wird, der eine Identifikation mit den Gewaltopfern erlaubt. Es gibt auch Studien, die praktisch alle Darstellungen, die in irgendeiner Weise als Gewalt, so auch als Natur-"gewalt", zu bezeichnen wären, als solche zählen und damit natürlich zu ungeheuer hohen Gewaltraten in den untersuchten Medien kommen - als Gewalt gezählt werden die Verwüstungen, die Erdbeben, ein Vulkan oder ein Sturm anrichten. Auch hieran wird recht deutlich, wie vorsichtig Forschungsergebnisse interpretiert werden müssen.

Aus den Ergebnissen von Beobachtungen im Feld - was immer dies auch im konkreten Fall ist, von Laborexperimenten, aus dem Studium von einzelnen Biographien oder aus Befragungen von Kinderpsychologen wird ex post facto geschlossen, dass Medien Wirkungen haben. Es liegt dann ein bestimmtes, meist nicht erwünschtes Verhalten vor oder eine bestimmte, nicht erwünschte Einstellung, z.B. eine unterstellte höhere Gewaltbereitschaft und Gewalttätigkeit. Aus dem beobachteten oder erfragten Konsum bestimmter Medieninhalte wird ein kausaler Zusammenhang zwischen ausgeübter Gewalt und konsumierten Gewaltdarstellungen in den Medien konstruiert.

Im Rahmen empirischer Studien ist es gar nicht möglich, auf eine andere Art und Weise Hypothesen zu überprüfen. Trotzdem sollte dieses methodologische Problem deutlich sein: Wenn empirische Studien durchgeführt werden, sind dabei immer leitende Hypothesen notwendig. Obwohl neuere Medienwirkungstheorien von monokausalen Wirkungszusammenhängen zwischen Gewaltdarstellungen in den Medien als Ursache und tatsächlicher Gewaltausübung in der Realität als Wirkung abgehen, steckt die Annahme dieser kausalen Relation weiterhin implizit in den Theorien. Dies ist unvermeidlich; ansonsten wäre es sinnlos, das Medienkonsumverhalten in Relation zu aggressiven oder gewalttätigen Handlungen zu setzen. Die Ergebnisse bzw. die Interpretationen empirischer Untersuchungen sind somit bereits als Voraussetzungen und leitende Hypothesen in das Design der Untersuchung eingeflossen.

Damit sind aber in gewisser Hinsicht die Wege zu alternativen Ansätzen verlegt. Kritikpunkte dieser und anderer Art lassen sich in der einschlägigen Literatur wiederfinden: Nur wenige Langzeituntersuchungen, zu geringe Zahl der Probanden (Problem der Repräsentativität), Laborexperimente künstlich und kurzfristig, kaum vergleichende Studien für verschiedene Medien, inhaltsanalytische Studien haben Probleme mit Abgrenzungskriterien (z. B. bei Gewalt), Theorien oft kontextfrei (in welchem Kontext sind bspw. Gewaltdarstellungen "schlecht" im Sinne einer negativen Wirkung auf die Rezipienten oder "gut" im Sinne einer möglichen Aufklärungswirkung), ideologiebefrachtete Theorien sind "auf einem Auge blind".

Am Beispiel der Erforschung rechtsradikaler Gewalt und Gewalttäter wird zudem deutlich, dass soziodemografische Faktoren in ihrer Wirkung sehr hoch einzuschätzen sind. Geschlecht, Alter, Bildung, Einkommen sind wesentliche Determinanten für gewalttätiges Handeln. Hinzu kommen Faktoren wie die Stabilität des sozialen Umfelds oder die familiäre Situation. Ohne Betrachtung solcher Ursachenquellen wird jedoch Medienwirkungsforschung notwendigerweise versagen. Menschen unterliegen einer Vielzahl von Einflüssen; Medien sind sicherlich ein wichtiger, aber eben beileibe nicht der einzige Faktor in unserem Leben.

Wenn also "von den gesicherten Ergebnissen" der Medienwirkungsforschung gesprochen wird, so ist das mit Vorsicht zu genießen. Wenn von einem monokausalen und deterministischen Zusammenhang beispielsweise zwischen Computerspielen und Gewalthandlungen gesprochen wird, so ist dies vielleicht politisch opportun, aber faktisch einfach falsch - ansonsten gäbe es nicht "nur" diesen Amokläufer, sondern Abertausende; jeder Computerspieler wäre ein potentieller Killer. Gerade um der Opfer von Erfurt willen sollten wir uns mit so einfachen "Lösungen" des Problems der Gewalt nicht zufrieden geben.

Niemanden wird geholfen, wenn in der Folge der Toten von Erfurt bestimmte Medieninhalte verboten werden, aber es gleichzeitig jungen Menschen möglich ist, ein Waffenarsenal und Munition für einen kleinen Krieg zu erwerben. Ohne Schusswaffe wären in Erfurt nicht so viele Menschen gestorben - hier liegt ein ziemlich klarer Zusammenhang.

Der Autor war von April 1996 bis Ende 1998 Mitglied einer Forschungsgruppe, die von Anfang 1996 bis 1998 ein vom Land Baden-Württemberg gefördertes Projekt mit dem Titel "Gewaltdarstellungen in den Medien" durchführte. Der Abschlussbericht kann hier eingesehen werden.

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