Aufmerksamkeit

Erfurter Medien-Massaker?

03.05.2002

Verfälschende Berichterstattungen buhlen in der Medien-Arena um Aufmerksamkeit

Der Erfurter Amoklauf ist jetzt schon zu einem Debakel der Medienberichterstattung geworden. Im Kopf blieb keine Aufklärung, sondern nur ein Mythos haften: Die Killerbestie, auf mehreren Stockwerken und dem Parkplatz hyperaktiv, alle in Schach haltend, und der pädagogische Dompteur, der mit Wort und Blick Wunder vollbringt - eine plakative Geschichte mit Leerstellen, Übertreibungen und Widersprüchen. Aus dem öffentlichen Tatort Schulgebäude wurde ein privatisierter Erlebnis-Horror-Container, aus dem eine Falschmeldung nach der anderen drang, um dem Aufmerksamkeitsterror von Täter und Medium in die Hände zu spielen.

Morphologie eines Schauer-Märchens

Nach den ersten Netz- und TV-Meldungen über den noch aktuell anhaltenden Überfall auf das Erfurter Gutenberg-Gymnasium, über die unklare Situation einer möglichen Amoktat und die Zahl von Todesopfern am Freitag Nachmittag kam auf den Tickern der Nachrichten-TV-Sender (u.a. n-tv) sowie über verschiedene Radiokanäle (z.B. 1 Live) die Kurzmeldung von der Wendung im blutigen Geschehen: Ein Lehrer habe einen einzelnen Attentäter stellen können, ihm die Mütze vom Kopf gerissen und ihn in einen Raum gezerrt und darin eingesperrt. Dieses Ende mit Schrecken wurde dann später zu einer seltsamen Begegnung des pädagogischen Helden mit der Bestie ausgebaut, und zwar in mehreren Versionen, die vor allem aus den unterschiedlichen n-tv-Interviews oder Statements mit Heise sowie ihrer Weiterverbreitung in den Printmedien und in anderen Sendern stammen:

In den teils willkürlich zusammengestellten ntv-Netz-Auszügen vom Sonntag, 28. April 2002, 15:30 Uhr Lehrer stoppte Amokläufer trifft Heise den Amokläufer während der Evakuierung auf dem Korridor (A), der mutmaßliche Täter gibt sich dann selbst freiwillig zu erkennen (B), Heise fordert ihn selbst aktiv auf, ihn, Heise, zu erschießen (C), Robert gibt auf und sagt, dass es für heute reiche (D). Übergangslos wird die Einsperraktion in den Kunstmaterialraum (E) angeclippt:

A) "Da hab' ich auf einmal das Gefühl, dass neben mir auch noch ein Schüler steht. Ich sag 'Komm weg, weg, weg!' Und irgendwie, wenn Sie das Gefühl haben, jemand steht seitlich hinter ihnen und der geht nicht weg. Da dreh ich mich so um, gucke wieder geradeaus und registriere: dunkle Gestalt von oben bis unten eingemummt und gucke nochmal hin."

B) "Mit der anderen Hand zieht er sich in dem Moment gleichzeitig die Kopfbedeckung herunter und ich sage: 'Robert!' In dem Moment wusste ich (...), das ist ein ehemaliger Schüler von uns. Da habe ich dann etwas ganz Einfaches gesagt: 'Was denkst Du dir eigentlich dabei? Hast Du geschossen?' Und gucke runter, blöde Frage hab' ich natürlich hinterher gedacht, natürlich hat er geschossen."

C) "Da hab' ich dann so gemacht, (zupft am Pullover) so und jetzt kannst Du auch schießen. Aber wenn Du mich jetzt erschießt, ich hab noch gesagt: 'Drück ab! Wenn Du mich jetzt erschießt, dann guck mir in die Augen.' Da guckt er mich an und nimmt die Pistole runter und sagt: 'Für heute reicht es, Herr Heise!'"

D) "Instinktiv habe ich dann nur noch eins getan: Ich hab' ihm mit der rechten Hand einen Stoß gegeben, so dass er regelrecht reinflog. Die Tür zugeklatscht, Schlüssel reingesteckt, zwei Mal umgedreht, Schlüssel abgezogen und bin runter ins Sekretariat gerannt. Da wollte ich meiner Schulleiterin das mitteilen."

Dagegen vermeldet n-tv einen Tag zuvor, Samstag, eine abweichende Interview-Aussage Heises zu der Begegnung mit dem Täter:

A) Wiederum begegnet der 60-jährige Pädagoge dem 19-jährigen Täter auf dem Schulflur und stellt ihn zur Rede.

C) 1. Variante, ohne B) Die Aufforderung, bei der zu erwartenden Tötung ihm, Heise, in die Augen zu sehen, wird nun vorgezogen. Noch ist der Täter vermummt und damit unerkannt. Er habe dem Schüler gesagt: "Du kannst mich erschießen, aber sieh mir dabei in die Augen"" Robert S. habe daraufhin geantwortet: "Nein Herr Heise, für heute reicht's."

C) 2. Variante, mit B) Die gleiche Ansprache durch Heise wie in C,1, aber der Täter zieht sich, während er Heise mit der Pistole bedroht, die Mütze vom Gesicht, so dass Heise ihn erkennt und mit Namen anredet. Robert habe daraufhin angeblich die Pistole aus der Hand gelegt.

E) Heise bietet Robert ein Gespräch in einem Nachbarraum an. Er fordert ihn sogar auf, seine Waffe mitzunehmen. Robert geht folgsam, mit der Waffe, in den Raum voran.

D) Der Schüler wird an der Schwelle zum Raum von Heise hineingestoßen. Es handelt sich in verschiedenen Medien wahlweise um ein Zimmer, einen Raum, einen Klassen- oder Materialraum. Heise verschließt den Raum 110, in verschiedenen Varianten der Geschichte wird der Schlüssel mitgenommen oder bleibt in der Tür stecken. Heise eilt ins Sekretariat, wo sich die Polizei verschanzt hat.

F) Robert S. erschießt sich Raum 110, noch bevor die Polizei zu ihm vordringen kann.

Die verschiedenen Versionen schildert der Kunst- und Geschichtslehrer ruhig, mit Bedacht und überlegter Wortwahl, allerdings immer wieder mit einer gewissen Bereitschaft zur subjektiven erzählerischen Improvisation, die dann deutlich zu anderen Abläufen der Geschehnisse führt. Der Erfurter Polizeichef Grube bringt in der Pressekonferenz am Sonntag umständlich zum Ausdruck, dass die Aussagen von Heise, trotz des starken Medienechos, auf ihren Wahrheitsgehalt noch überprüft werden müssten. Währenddessen scheint das Bundesverdienstkreuz für Heise schon so gut wie sicher.

Die Palette der Versionen: Von n-tv, über Netzeitung bis Spiegel und SZ Online

Allein das Online-Medium "Netzeitung" (Lehrer beendete Amoklauf vom 27. Apr 2002 15:54, ergänzt 28. Apr 2002 18:36") hat einige der hier verdeutlichten Widersprüche ausformuliert und Unklarheiten präzisiert. Das Fazit der "Netzeitung" lautet:

"Verschiedene Medien brachten inzwischen teilweise unterschiedliche Berichte über den Einsatz des Geschichtslehrers."

So habe die "Bild am Sonntag" aus der stummen und coolen Ninja-Erscheinung des maskierten Täters in früheren Berichten einen lautstarken Auftritt mit Drohungen: "die krieg ich och noch", oder Flüchen: "verdammte Scheiße, ich muss nachladen" (wobei Robert S. Patronen aus den Taschen holte) gemacht.

Heise sei, laut einer weiteren Variante, zunächst ins Sekretariat gerannt, um Hilfe zu holen.

Dann habe er sich ins Klassenzimmer eingeschlossen. Bei einem Schlurfen auf dem Gang habe er die Türe vorsichtig, in zwei Phasen geöffnet. Nun erst erscheint der maskierte Kopf des Täters, es erfolgt die Begegnung, die demnach definitiv nicht gleich auf dem Korridor stattgefunden habe (siehe A).

Den späteren Verbringungsort nennt die "Netzeitung" einen Materialraum (siehe D).

Spiegel Online verkürzt und verflacht die Begegnung (A) und Roberts Demaskierung (B), und eliminiert vor allem Heises entscheidende Aufforderung, ihm in die Augen zu blicken (C). Übrig bleibt eine Einladung zum "gewaltfreien Diskurs":

"Als Heise die Tür einen Spalt öffnete, stand der schwarz gekleidete Mann direkt vor ihm. Gerade hatte er seine Maske abgezogen, und Heise erkannte ihn als seinen ehemaligen Schüler Robert. Mit schweißnassem Gesicht sah der Killer den Lehrer an und richtete die Waffe auf ihn. "Ich sah in den Lauf der Pistole und fragte ihn, ob er das alles getan habe", erzählt Heise. Robert Steinhäuser habe nur leicht genickt, aber nichts gesagt. Für Angst habe er gar keine Zeit gehabt, sagt Heise. "Ich habe die Tür ein Stückchen weiter geöffnet und Robert angesehen, er war völlig fertig mit den Nerven und sah mich starr an." Heise sagte: "Du kannst jetzt nicht einfach gehen, wir müssen darüber reden." Doch Robert antwortete nicht, legte aber die Hand mit der Waffe auf einen Sims."

Auch die für andere Versionen (siehe E) entscheidende Aufforderung Heises, die Waffe mit in den Raum zu nehmen, wird ausgelassen. Etwa um das Ausmaß der Verantwortung für den späteren Selbstmord herunterzuspielen? Oder mögliche der Justiz vorgreifende Hinrichtungs-Untertöne in manchen Medien zu überspielen? Die SPIEGEL-Geschichte schließt mit dem Schubser in den dann abgeschlossenen Raum (D).

Auch die Süddeutsche Zeitung Online (ins Web gestellt am/um: 27.04.2002 19:15) gefällt sich in einer vulgären Vereinfachung: Sie greift die frühen Action-Meldungen auf und walzt sie zur unmittelbaren Schilderung aus (wer kann das bestätigen?):

"Der Pädagoge riss dem Amokläufer die Maske vom Kopf, stieß den Täter in einen Klassenraum und verschloss die Tür. (...) Der Geschichtslehrer Rainer H. war auf S. zugegangen und hatte ihm die Maske mit den Sehschlitzen heruntergerissen. Er sagte zu ihm: 'Robert, es hat keinen Sinn mehr - aber erschieß mich doch.' Der enttarnte Amokläufer habe geantwortet: 'Ich habe keine Lust mehr.'"

Dem Image des kampfmüden Robert widerspricht dem rastlosen Killer, der vorher die Insassen eines mehrstöckigen Gebäundes in Atem gehalten hat und dessen Aktionsradius bis zum Parkplatz reichte. SZ Online : "Ein Schüler der zwölften Klasse des Gutenberg-Gymnasiums sagte, er habe aus dem Fenster beobachtet, wie S. eine Lehrerin verfolgte: 'Sie rannte zu ihrem Auto und stolperte und er schoss ihr ins Bein. Dann lief er zu ihr, schoss ihr drei Mal mit seiner Pistole in den Kopf und rannte in die Schule zurück.'"

Andererseits ist bei SPIEGEL Online nachzulesen, wie ein Einzeltäter auf gleich mehren Stockwerken, seine Mordtaten verübte. Von einem wirren Amoklauf kann keine Rede sein, sondern eher vom traurigen Bravourstück einer Ein-Mann-Armee, die im Zick-Zack-Kurs alle Ebenen in der Zange von Angst und Schrecken hielt. Die Uniform sorgte für die Allgegenwart von Einem und Vielen, und für einen unklaren Ablauf:

"Vor allem die Tatsache, dass mehrere Schüler von einem zweiten Täter sprachen, verwirrte die Fahnder zu Beginn der Rekonstruktion. Nach diesen Aussagen soll ein Schütze im Gebäude von oben nach unten gegangen sein und der andere in umgekehrter Richtung. Mittlerweile schließt die Polizei jedoch aus, dass es einen zweiten Täter gab."

Auch zum abgeschlossenen Raums 110, wo Robert S. sein Ende fand, gibt es widersprüchliche Aussagen. Laut n-tv am Nachmittag und Abend des 28.04.02 hat Heise den Schlüssel später einem Polizisten gegeben. Der Erfurter Polizeichef Grube dagegen sagte (sinngemäß): "Der Raum 110 musste nicht aufgebrochen werden. Der Schlüssel steckte ja von außen. Man musste nur aufschließen." (Auf der Pressekonferenz am 28.04.02 ab 14:00 Uhr in Erfurt.) Auch hier kann nur eine Version wahr sein. Oder aber jemand hat sich zwischenzeitlich mit einem zweiten (Universal- oder Fach-) Schlüssel an dem Raum zu schaffen gemacht, was für die kriminalistische Aufklärung des Verbrechens wichtig ist.

Wenn amerikanische Verhältnisse, dann in den Medien

Die schaurige Story vom Anschlag des professionellen Einzelkämpfers, die Ahnungs- und Wehrlosigkeit der Pädagogen und Schüler, die Zahl der Toten, die düsteren Schatten der gezielten Hinrichtungsserie, der unersättliche Rachewille, dies alles sind Selbstläufer eines reißerischen Erfolgsquoten-Plots, den sich kein Blatt und kein Sender entgehen lässt.

Der Fokus auch der anspruchsvolleren Leitmedien rutschte an diesem Szenario entlang und suchte dann Halt in einer positiven Heldenfigur. Ein deutscher Feuerwehrmann sollte an der Schwelle zu den angeblich "amerikanischen Verhältnissen" Erste Hilfe leisten. Rainer Heise, der Held von Erfurt, der mutige Superlehrer, der die Killermaschine Robert Steinhäuser aus dem Takt brachte und den bösen kleinen Jungen aus ihm hervorkitzelte, den man mal eben in den Kunstmaterialraum schicken und einlochen kann.

Die Versionen dieser Erfolgsgeschichte sprechen für sich - und gegeneinander. Sie belegen, dass ein außer Kontrolle geratener Amokläufer der beste Garant dafür ist, dass ein unkritischer News-Markt ohne gemeinsame Aufklärung den Aufmerksamkeitsterror verstärkt, weil jeder die absolute Kontrolle über die Bestandteile einer Story suggeriert, die vor Unübersichtlichkeiten und Widersprüchen nur so strotzt.

Ralph Kutza sei für die vielen Hinweise zu den unterschiedlichen Versionen gedankt.

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