Der Mörder, die Journalisten und ihre Öffentlichkeit

04.05.2002

Der "Expertenchat" bei faz.net

Verschiedene Medien haben das Ego-Shooter-Spiel Counterstrike in Verbindung mit den Morden von Erfurt gebracht. Der Artikel Software für Massaker der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) sorgte für eine Resonanz in der Community, die die Zeitung nutzt, um angeblich eine längst notwendige gesellschaftliche Debatte anzustoßen.

Als der 24 Jahre alte Johann Wolfgang von Goethe in nur vier Wochen das kleine Büchlein Die Leiden des jungen Werthers zusammenschrieb, konnte er nicht ahnen, dass sich Dutzende von Lesern seine Poesie zum Vorbild für ihren eigenen Freitod nehmen würden. Die auch tödliche Wirkung seines Buches führte zu derben Anschuldigungen gegen den Dichter. In manchen Regionen und Städten wurde das Buch verboten. In der Psychologie untersuchen Wissenschaftler die Bedeutung und die Umstände des so genannten "Werther-Effekts", also von medial vermittelten Suiziden. (vgl. Die interaktiven Leiden des jungen Werther).Vielleicht wird sich nach den Morden von Littleton und Erfurt eine entsprechende Disziplin bilden, die den Counterstrike- oder Quake-Effekt untersucht. Anzunehmen ist das nicht. Denn so erschreckend die Taten waren, gemessen an der Vielzahl der Spieler lässt sich bis heute (noch) kein wissenschaftlich fundierter Zusammenhang herstellen (vgl. Brutale Spiele(r)?).

Der Artikel "Software für Massaker" der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) versuchte, genau einen solchen Zusammenhang herzustellen oder zumindest miteinzubeziehen. Die so genannte "Gamer-Szene" protestierte mit weit über 2.500 Emails, vor allem wegen der vielen Recherchefehler und dem agitatorischen Grundton des Textes (vgl. Die Wahrheit über das Massaker in Erfurt). Die Resonanz führte zu einem ganz und gar ungewöhnlichen Vorgang:

Am Dienstag kündigte faz.net an, dass auch der für das Feuilleton zuständige Herausgeber Frank Schirrmacher in die Diskussion "eingreifen" werde. Liebe User, Gamer, Leser, begann Schirrmacher und versuchte den Vorwurf der Agitation zu entkräften:

Sie alle machen es sich zu einfach, wenn Sie behaupten, wir hätten Counterstrike-Spieler zu Killern erklärt. Das stimmt nicht. Wir haben nur gesagt, dass der größte Massenmord in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands aller Wahrscheinlichkeit nach am Computer vorgespielt wurde.

Welche Haltung Schirrmacher und manche seiner Kollegen zu dem Thema haben, lässt sich aus dem Zugeständnis einer mangelhaften Recherche ableiten, die für ihn, da es ums große Ganze geht, aber vernachlässigbar ist:

Dass der Ablauf des Spiels in Details anders sein mag (Besetzung von Gebäuden/Fahrzeuge), ändert ja nichts daran, worum es in diesem Spiel geht.

Unter der Schlagzeile "Offene Diskussion verhindert gesellschaftliche Ächtung" kommt Schirrmacher zu der Erkenntnis:

Wenn ich es richtig sehe, ist durch den Artikel in der Sonntagszeitung zum ersten Mal eine Debatte zwischen den Betroffenen in Gang gekommen.

Genau das scheint allerdings nicht der Fall zu sein, wenn man sich durch die Postings der Gamer liest. Sie fühlen sich erst durch die FAS geächtet und die überwiegend nicht polemischen, sondern inhaltlich orientierten Beiträge widmen sich fast ausschließlich den inhaltlichen Fehlleistungen der Zeitung und nicht den Inhalten des Spiels: "Hier kommt doch zum Ausdruck, dass wir doch alle potentielle Amokläufer sind", fasst ein User, Gamer, Leser den Protest der "Betroffenen" zusammen.. Viele fürchten, ihre Eltern könnten ihnen die Spiele verbieten: "Ich denke ihnen ist gar nicht klar, was sie mit diesem Artikel bei Eltern, Großeltern und anderen "Machtpersonen" angerichtet haben".

Am Donnerstag lud faz.net schließlich zum Experten-Chat mit dem Feuilleton-Redakteur Dietmar Dath. Der Ansturm der diskussionsbereiten Community machte den Zugriff auf die Seiten fast unmöglich. Dath orientierte sich kaum an den Fragen der Postings, was der Moderator des Chats, Simon Kaatz, mit folgender Analyse begründet:

Herrn Dath ist das Meisterstück gelungen, auf die meisten Kernfragen gebündelt zu antworten. Einzelantworten waren aufgrund der vielen Beiträge leider nicht möglich.

Was Daht allerdings dazu veranlasste, aus den Postings eine Argumentationslinie herauszulesen, es fehle an Jugendzentren und dann müsse die Gesellschaft mit Amokläufern rechnen, bleibt fraglich. Immerhin nutzte Daht diese Einschätzung zum Beitrag: Jammern statt Urteilen, in dem er zum Schluss eine rhetorische Figur entwarf, die seine Haltung gegenüber Computernutzern recht deutlich macht:

Man sieht daran eine Passivität, die fast noch erschreckender ist als die Vorstellung, daß jemand den ganzen Tag nur vor dem Rechner sitzt und was auch immer treibt, es muß nicht mal ein Ballerspiel sein.

Allerdings gibt Daht auch Einblicke in seine Erlebniswelt:

Wer jemals, wie millionen Spieler und also auch ich, nachts am Schirm durch konstruierte Map-Gänge gefahren ist und wirklich aufregende ANGST hatte vor dem, was da passiert, weiß, daß nur sehr, sehr gute Bücher ähnliche viszerale Kicks bieten."

Insgesamt kam der Experte aus einer Art Rechtfertigungsspirale kaum heraus, die in einer Art pubertären Trotzhaltung endete: Ich bin an allem schuld.

Kein einziger der differenziert geschriebenen Beiträge wie der von Tim Adler ("Das einzige was die Community möchte ist eine faire Chance sich darzustellen, und dies ist gegenüber einem starken und etablierten Medium wie der FAZ schwer möglich.") wurden direkt beantwortet. Eine immer wiederkehrende Forderung der Postings, die Fehler und Verdrehungen des ersten Artikels zu korrigieren, schmetterte der Moderator Simon Kaatz ab:

Schade ist, dass wir einige Gamer erlebt haben, die nicht eher in echte Diskussionen eintreten wollen, ehe eine Entschuldigung vorliegt. Das ist schade, da die Debatte eigentlich über diesen Punkt schon hinaus ist, wenn Sie die täglichen Forumsbeiträge und Artikel in der F.A.Z. und FAZ.NET (und auch bei anderen Medien) verfolgt haben.

Kurios: Obwohl die FAZ behauptet, sie wolle eine Debatte in Gang bringen und am Leben halten, gestattete sie nach dem Ende des "Experten-Chats" keine weiteren Postings mehr. Dafür kündigte Dath aber an, dass es jetzt offiziell werde: In der nächsten FAS werde ein Vertreter der Counterstrike-Community zu Wort kommen.

Ob die nächste FAS in erhöhter Auflage wegen des zu erwartenden Interesses erscheint, wollte der Verlag auf Anfrage nicht sagen. Goethes Werther jedenfalls wird heute in den Schulen als Unterrichtsmaterial geschätzt. Ob das für Counterstrike auch einmal so sein wird, muss noch debattiert werden.

Die gesammelten Statements von Dietmar Dath

Pressespiegel bei Counterstrike.de

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