Aufmerksamkeit

Die FAZ und die Trittbrettfahrer

08.05.2002

Der aufmerksamkeitsorientierte "Hacker mit Ethik", der die gefakte Website des Erfurter Amokläufers Steinhäuser vom Netz genommen hat, kann sich in der konservativen Zeitung feiern

Die FAZ hatte weder mit dem reißerisch aufgemachten Kurzschluss zwischen den Massaker in Erfurt und "Killerspielen" wie Counterstrike (Die Wahrheit über das Massaker in Erfurt) noch mit dem daran anschließenden "Expertengespräch" (Der Mörder, die Journalisten und ihre Öffentlichkeit) sonderlich geglänzt und eher ein Beispiel dafür abgegeben, wie man schnell versucht, auf einem Ereignis mitzusegeln, um "Quote" zu machen. Diese Neigung scheint die Zeitung jetzt mit einem anderen Trittbrettfahrer zu verbinden, der nicht erst durch das Hacken einer gefaketen Website auf sich aufmerksam gemacht hat (Update: Aufmerksamkeitstäter).

Nun also hat es Christoph Kastius dank der FAZ geschafft, noch ein wenig mehr Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Wer auch immer die gefakte Website des Erfurter Amokläufers ins Netz gestellt hat - Kastius behauptet, es sei die Betreiberin der Netzseite Nachtkatze.de, deren Namen und Adresse jeder, selbst die Polizei und auch ein FAZ-Journalist, in einer Sekunde herausbekommen kann -, so war es ganz offensichtliche der Sinn des "Hackers mit Ethik", durch die Überschreibung der Seite auf sich aufmerksam zu machen. Natürlich hinterlassen Cracker von Webseiten ihre Pseudonyme und geben gelegentlich ihre mehr oder weniger guten Gründe an, Kastius aber gab gleich seinen Namen bekannt und legte einen Link auf seine Website Suchhotline, woselbst er nach und nach die Spuren seiner glorreichen Tat zur Besichtigung ausstellt (Homepage des Erfurter Amokschützen).

Dietmar Dath von der FAZ bezeichnet nun unter dem denkwürdigen Titel Netz-Trittbrettfahrer kann man fangen in Einklang mit Kastius nur den Autor der gefaketen Website als "Trittbrettfahrer" und schenkt dem "Hacker mit Ethik" offenbar volles Vertrauen. Der habe nämlich "in Eigenrecherche" - er hatte sich offenbar gegenüber der Erfurter Polizei als Pressevertreter ausgegeben und dadurch die URL der Webseite erfahren - die Seite "gehackt und dann gesperrt, wofür ihm nicht nur Lob zuteil wurde".

Das fehlende Lob zollt nun die FAZ im Feuilleton dem Hacker, der auf seiner Website es nicht lassen kann, sein Können zu beweisen, und sich damit brüstet, schon wieder eine Website gehackt zu haben, nämlich www.musikraetsel.ch - angeblich weil es dem ethischen Hacker oder Aufmerksamkeitstäter nach eigenem Bekunden grade zu "langweilig" war. Da ist dann Ethik nicht mehr so gefragt. Zerstört hat er weiter nichts, nur diesen Spruch und natürlich wieder die URL seiner Website hinterlassen (Screenshot), damit auch jeder weiß - möglicherweise auch einmal die Polizei -, mit wem er es hier zu tun hat:

"Der Hacker mit Ethik war hier. (www.suchhotline.org) ! Wer ist besser? Adolf Hitler oder Erich Honecker?. Viel Glück

Der HaCkEr MiT eThIk WaR hIeR 3"

Den Hinweis auf den Hack findet man nicht nur unter Suchhotline.de, sondern auch unter der ebenfalls auf seinen Namen registrierten Seite www.kastius.de. Dort wird zu weiteren Taten aufgerufen, die selbstverständlich "ethisch" sind, schließlich ist Kastius darin Experte:

"HaCkE gEgEn GeWaLt - MaCh MiT

Bald geht's los. In den nächsten Tagen findest Du hier mehr Info's zum neuen Projekt. Die Ziele sind dann Naziseiten weghacken und der El-Khaida etwas auf die Nerven gehen. Bist Du bereit? Dann melde Dich an oder gib mir eine Homepage die ich hacken soll."

Die FAZ bzw. Dietmar Dath wird es wohl gut finden, schließlich betreibt Aufmerksamkeitstrittbrettfahrer Kastius damit weiter seine "ethische" Hackerei. Vor Dath darf Kastius dann seine Fertigkeiten schildern, wie er angeblich seine "eigentliche Recherche" betrieben hat. Unwidersprochen kann denn auch Kastius sagen:

"Wahrscheinlich stecken zwei Personen dahinter, die auch die Domain www.nachtkatze.de betreiben. Dort kommt man nach der Startseite nicht mehr weiter, weil die sich wohl auch gedacht haben, irgendwann geht die Aufregung los."

Als Journalist, der offenbar für Medien zuständig sein soll, hätte Darth nach diesen Angaben schnell mal wenigstens einen Namen herauskriegen oder den Namen der Webseite weglassen sollen. Und ob die Betreiber tatsächlich so dumm sein können, die Webseite im Netz zu lassen, auch wenn man mit einem Klick nicht mehr weiter kommt, und dann zu glauben, sie wären vor der "Aufregung" sicher, darf bezweifelt werden. Allerdings scheint die Betreiberin auch soziologische Expertin in Sachen Medienaufmerksamkeit zu sein und hat sich anlässlich "Big Brother" mit Menschen beschäftigt, die "medienkreierte Produkte" sind.

Kastius darf dann auf die Frage, wie sich die Ermittlungsbehörden zu dem verhalten, was er herausgefunden und unternommen habe, noch sagen, dass die "überfordert" seien. Und dann wird der "Hacker ohne Ethik" noch ganz selbstlos, wie es sich für einen gehört, der für das Gute in der Welt kämpft:

"Wir machen im Grunde deren Arbeit, aber von Unterstützung seitens der Polizei ist nicht viel zu sehen. Man darf keinen Dank erwarten - immerhin, der Journalist, der mich beschuldigt hat, die Site selbst gemacht zu haben, hat das inzwischen zurückgenommen."

Nun, zum letzten Satz: Wir haben keine Beweise, daher haben wir die Vermutung, dass Kastius möglicherweise auch für die gefakte Webseite selbst verantwortlich sein könnte, abgeschwächt - zumal es uns auch gar nicht darum ging, nun Kastius wegen der Webseite "vorzustellen", es ging uns um das Aufmerksamkeitsgetöse, das er auslösen will. Ob er nun als Aufmerksamkeitstäter eine Webseite faked oder eine Webseite - mit einem lauten: Ich wars! - crackt und eigenmächtig vom Netz nimmt, ist eigentlich gehupft wie gesprungen. Allerdings dürfte, was dem FAZ-Journalisten und Medienexperten möglicherweise entgangen ist, das Faken einer Website selbst nicht strafbar, sondern in diesem Fall höchstens moralisch verwerflich sein (was soll da auch eine Anzeige?), während das Cracken einer Website nicht gerade gesetzeskonform ist, selbst wenn dies ethisch möglicherweise gerechtfertig wäre.

Warum also, so hätte man sich doch eine Frage des Journalisten vorstellen sollen, ist der gute Mann aufgrund seiner eigenen Recherche nicht zur Polizei gegangen, um den mutmaßlichen Autor anzuzeigen (fragt sich wiederum nur weswegen?), anstatt im Selbstauftrag die Seite vom Netz zu nehmen und mit seiner Tat zu protzen? Kastius hat nicht die Arbeit der Polizei gemacht, die wohl nichts hat, um dem Fall nachzugehen, sondern eigenmächtig gehandelt, auch wenn die eine Website von einem amerikanischen Provider gehostet wurde und die andere von einem Schweizer, und wird damit von der konservativen FAZ geehrt. Aber möglicherweise ergänzen sich in diesem Fall die Intentionen von Trittbrettfahrern, denen es vor allem um das Hacken von Aufmerksamkeit geht ...

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