Unbeugsame an der Heimatfront

Michael Klarmann 08.05.2002

Aachener Friedenspreis geht an Bernhard Nolz und Barbara Lee

Nach dem 11. September ist nichts mehr, wie es einmal war. Auch die Auswahl der diesjährigen Träger des Aachener Friedenspreis e.V. ist geprägt von den Terroranschlägen - mehr noch aber von den gesellschaftlichen Folgen. Der Siegener Lehrer Bernhard Nolz ist deutscher, die kalifornische US-Kongressabgeordnete Barbara Lee internationaler Preisträger. Beide verurteilten die Terrorakte, mahnten indes auch vor dem globalen Antiterrorfeldzug.

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"Ein solcher Mann, der muss aus dem Verkehr gezogen werden," schimpfte der CDU-Bundestagsabgeordnete Paul Breuer gegenüber dem TV-Magazin Monitor. In der Bild-Zeitung nannte der verteidigungspolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion Nolz das "fünfte Rad am Wagen des Terrorismus". Stein des Anstoßes war eine Rede des Friedenspädagogen auf einer Kundgebung von Schülern, auf der er zur Besonnenheit aufgerufen hatte - und zur Kriegsdienstverweigerung (vgl. Viel Trouble um einen Peacemaker). Der 57-Jährige wurde daraufhin "das Opfer einer gleichfalls beispiellosen Repression seitens staatlicher Stellen (Schulleitungen, Vorgesetzte, Bezirksregierung) in Verbindung mit einer Hetzkampagne," so das Preiskomitee heute in seiner Begründung.

Für den Vorsitzenden des Aachener Friedenspreises, Gerhard Diefenbach, sollte an Nolz, der suspendiert, dann an eine 50 Kilometer entfernte Schule versetzt wurde und dessen Zentrum für Friedenskultur (ZFK) die Landeszuschüsse gekürzt wurden, "offensichtlich ein Exempel statuiert werden". Das "unbeugsame Friedensengagement" des Lehrers, "der moralisch denunziert und in seiner materiellen Existenz bedroht" wurde, sei für seinen Verein preiswürdig. Nolz selbst sieht die Ehrung "als eine Art Wiedergutmachung und späte Anerkennung" der Rede. Er hofft aber auch, dass Gegnern und Behörden auffällt, dass er, das ZFK und die "Pädagoginnen und Pädagogen für den Frieden" - er ist ihr Sprecher - seriöse Arbeit leisten.

International geht der Friedenspreis an Barbara Lee, der einsamen Stimme der Opposition. Die Abgeordnete im US-Kongress war die einzige von 420 Parlamentariern, die am 14. September gegen die "Use-of-Force"-Resolution stimmte. Diese ermächtigte US-Präsident George W. Bush, militärische Mittel im Kampf gegen den Terror ohne Einschränkungen einzusetzen. In ihrer Rede vor dem Repräsentantenhaus warnte die bekennende Patriotin vor "einem übereilten Gegenschlag" mit vielen unschuldigen Opfern und ebenso vor dem Aufkommen von Vorurteilen gegenüber Arabern und Muslime in den USA.

Die Abgeordnete der Demokraten verweigerte nicht zum ersten Mal ihre Unterschrift auf dem "Blankoscheck zur Kriegführung" (Barbara Jentzsch). 1998 stimmte sie mit vier Abgeordneten gegen die Bombardierung des Irak, ein Jahr darauf gegen den Krieg der Nato gegen Jugoslawien. Nach dem 14. September musste sie Beschimpfungen per Telefon, Fax und Email hinnehmen. Infolge von Morddrohungen stellte man die 55-Jährige unter Polizeischutz. Für den Friedenspreis indes repräsentiert Lee jene Amerikaner, die sich gegen den Krieg und "gegen das beängstigende Klima des Abbaus von elementaren Bürgerrechten" stellen. Lee habe Mut zur Zivilcourage bewiesen, denn Kritiker machten sich seit den Anschlägen scheinbar wie zu Zeiten von McCarthy verdächtig.

Der Aachener Friedenspreis ist eine seit 1988 existierende Bürgerinitiative. Traditionell werden die Preisträger am 8. Mai, dem Tag der Kapitulation Nazideutschlands, bekannt gegeben. Die Preisverleihung findet am 1. September, dem Antikriegstag statt. Ausgezeichnet werden "Männer, Frauen und Gruppen, die von unten her" dazu beitragen, Frieden zu stiften. Im letzten Jahr ehrte man die Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl und den Atomwaffengegner Kazuo Soda.

http://www.heise.de/tp/artikel/12/12499/1.html
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