Aus der Wir-Perspektive

Tilman Baumgärtel 20.05.2002

Das Buch "Wir waren Space Invaders" erzählt die Geschichte der Videospiele aus der Sicht zweier Fans

Nach dem Amoklauf von Erfurt steht Computerspiel-Bashing wieder hoch im Kurs. "Medien-" und "Jugend-Experten" aller Couleur, deren wichtigste Eigenschaft zu sein scheint, dass sie nicht unter 40 sein und möglichst noch nie am Computer gespielt haben dürfen, erklären in Zeitung und Fernsehen der Erwachsenen-Welt mal wieder, wie gefährlich das Zocken am Rechner für den Nachwuchs doch sei. Verrohung! Abstumpfung! Erhöhte Gewaltbereitschaft! Verminderte Mitleidsfähigkeit!

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Allen Menschen, die derartige Ansichten vertreten, sei die Lektüre von "Wir waren Space Invaders" der beiden Medienwissenschaftler und Autoren Mathias Mertens und Tobias Meißner dringend ans Herz gelegt: Das Buch ist der beste Beweis dafür, dass jahrelanger Computerspiele-Konsum die Menschen keineswegs zur stumpfen Couchpotatos oder zum verblödeten Schläger macht: "Wir waren Space Invaders" ist ein witzig und flott geschriebenes Buch voll schlauer Einsichten. Immer wieder verfallen die Autoren dabei in die Wir-Perspektive. Aus der Sicht echter Fans singen sie in einem Stil, der auch Game-Laien einleuchten dürfte, ein Loblied auf die Computerspiele, und ihr Enthusiasmus ist über weite Strecken des Buches ansteckend.

Erzählt wird die Geschichte des Videospiels mit den aus einer Reihe von englischsprachigen Publikationen inzwischen bekannten Stationen: "Tennis for Two", "Odysee", "Spacewar!", die Gründung Ataris. Danach halten sie sich nicht weiter mit technischen Details und Konsolentypen auf, sondern widmen sich einer Reihe von mehr oder weniger bekannten Spielen, die zur Entwicklung und Erweiterung des Genres beigetragen haben: "Breakout", "Space Invaders", "Pac-Man", "Donkey Kong", "Pitstop", "Tetris", "Sim City", "Doom", "Myst", "Tomb Raider". Unterbrochen werden diese kurzen Kapitel von einigen medienwissenschaftlichen Betrachtungen über grundsätzliche Aspekte des Gamings. Während die Analysen der Spiele in leichten Ton oft erstaunlich tiefe Einsichten vermitteln, sind diese Texte zum Teil leider enttäuschend flach. Hier hätten sich die Autoren an der Art, wie der englische Autor Steve Pool in seinem Buch "Trigger Happy" Spiele ausforscht, ein Beispiel nehmen können.

"Wir sind die Space Invaders" und Konrad Lischkas fast gleichzeitig erschienendes Spielplatz Computer sind wohl die ersten deutschsprachigen Bücher seit "Pac Man & Co" von Georg Seesslen und Christian Rost aus dem Jahr 1982, die Computerspieler nicht in erster Linie als Jugendgefährdung und Anleitung zur Gewalt betrachten, sondern versuchen, eine Geschichte und eine Ästhetik von Games dingfest zu machen. Nachdem in den USA bereits seit Jahren Bücher wie "Joystick Nation" von J. C. Hertz oder der opulente Bildband Supercade von Van Burnham zu diesem Thema erscheinen ist nun offenbar auch die erste Generation, die hierzulande mit Games sozialisiert wurde, in das Alter gekommen, in dem man die eigene Jugend zu kanonisieren und zu historifizieren beginnt.

Mertens und Meißner wie auch Lischka verlassen sich dabei allerdings inhaltlich stark auf die Recherchen der US-amerikanischen Autoren, und geben viele der Mythen und Anekdoten wieder, die sich um bestimmte Games gerankt haben und die seit Jahren von Fan-Mund zu Fan-Ohr weitergereicht werden: die Pizza, die angeblich die Form von Pac Man beeinflusst haben soll, die 100-Yen-Stücke, die in Japan nachgeprägt werden mussten, weil sie so schnell in den "Space Invaders"-Automaten verschwanden, die kiffenden Hippies, die - wie es die Legende will - bei Atari Konsolen zusammengelötet haben sollen - je öfter man diese Geschichten hört, desto stärkere Zweifel kommen einem daran, ob das alles wirklich so wahr ist. Immerhin melden Mertens/Meißner an einigen dieser Mythen auch Zweifel an, oder wiederlegen einige der Klassiker sogar - zum Beispiel die berühmte Geschichte vom ersten Pong-Automaten, der in seiner Debut-Nacht in einer kalifornischen Kneipe so oft gespielt wurde, dass die Münzen nach wenigen Stunden die Maschine verstopften. Die erzählt Pong-Erfinder Nolan Bushnell inzwischen sogar selbst, obwohl sie längst durch die Literatur widerlegt ist.

Mathias Mertens; Tobias O. Meißner : Wir waren Space Invaders - Geschichten von Computerspielen, Eichborn, EUR 17,90

http://www.heise.de/tp/artikel/12/12565/1.html
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