Das Geheimnis der X-BOX oder der 250 Dollar-PC

Peter Riedlberger 01.06.2002

Wo ist die Marge versteckt?

In einem gut informiertenArtikel geht Scott Corley der Frage nach, womit Microsoft bei der X-Box Geld machen will. Telepolis kennt die Antwort.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Im Kern läuft die Argumentation von Scott Corley wie folgt:

seitdem kann sich dies kaum um mehr als vielleicht $100 verbilligt haben

der Startpreis der X-Box lag bei $299, jetzt wird sie für $199 verkauft

eine "ich schenk-dir-den-Rasier-du-kauf-meine-Klingen"-Strategie geht nicht auf, weil die Lizenz pro Spiel nicht mehr als $5-10 beträgt und man während des Life Cycles einer Konsole im Schnitt nur rund sieben Spiele kauft

während Sony und Nintendo wesentlich billiger produzieren können, bleiben die Kosten für Microsoft hoch, da zu viele Standard-PC-Komponenten (Intel-Prozessor, nVidia-Grafikchip) integriert sind

Laut Scott Corley haben sich die Microsoft-Jungs schlichtweg verkalkuliert. Doch ist dies glaubhaft bei einer Firma, deren Management über die geradezu midashafte Fähigkeit verfügt, aus allem (wirklich allem) Gold machen zu können?

Ich kann Ihnen zwei Erklärungsmuster anbieten, ein langweiliges und ein spannendes. Wer sich nicht für Verschwörungen begeistern kann, möge lediglich (!) den folgenden Absatz lesen, danach sofort die Lektüre abbrechen und vor allem nicht zum Rest des Artikels posten.

Die langweilige Erklärung ist der Eintritt in einen neuen Markt (d. h. Home-Entertainment) und eventuelle Synergien, die sich durch die Internetfähigkeiten der X-Box ergeben. Vielleicht melden sich ja alle Kiddies, die sonst nix von Computer verstehen ("Krass ey - und Inndernet iss konkret auch dabei"), dank der X-Box bei MSN an, und wenn sie dann später doch einen Computer haben, dann bleiben sie gleich bei MSN. Oder die dedizierten Spielserver von Microsoft, die milliardenschwer ausgebaut werden sollen, machen dank der Monatsgebühren die ganzen X-Box-Anlaufverluste wieder wett.

Nun zum spannenden Teil. Das Einzigartige an der X-Box ist ja gerade, dass sie auf PC-Standardhardware basiert. Mehr als einmal posteten Schelme, dass man lediglich herausfinden müsse, mit welchen Hardwaremodifikationen man die X-Box als vollwertigen PC nutzen könne, um Microsoft deftig eines auszuwischen: Gäbe es ein entsprechendes Umrüstkit für, sagen wir, $50, dann gäbe es endlich, endlich den 250 Dollar-PC, der für ungefähr genauso unrealistisch angesehen wurde wie das Einliter-Auto. Und Microsoft würde mit jeder verkauften X-Box Verlust machen, ohne dafür das Spiel-Scherflein einziehen zu dürfen.

Aber haben dabei unsere Schelme nicht etwas vergessen? Ein noch übelsinnigerer Schelm könnte etwa wie folgt argumentieren: Was nutzt der schönste PC ohne Betriebssystem? Kaufen sich (für gut $200) die Leute brav ihre XP-Retailversion (das ist dieses Betriebssystem mit ziemlich gut funktionierender Anmeldepflicht) zur X-Box, dann tritt eine Monsterdonation an die Stelle des Spiel-Scherfleins. Niemand profitiert mehr von billiger PC-Hardware als der Softwarehersteller, doch eigene PC-Hardware kann Microsoft nicht auf den Markt werfen, ohne die großen OEMs gehörig zu verärgern. Was aber, wenn Microsoft nur eine harmlose, superbillige Spielkonsole auf den Markt bringt, die dann von bösen, bösen Hackern zum PC umfunktioniert wird? Sodass Microsoft genauso zum Opfer würde wie all die armen Hersteller von DVD-Laufwerken, die mit Tränen in den Augen sehen müssen, wie teuflische Cracker Firmware-Patches programmieren, um die Laufwerke regioncode frei zu schalten? Nun würde sich DVD-Laufwerk kaum auf dem Retailmarkt verkaufen lassen können, gäbe es keinen Regionfree-Patch - aber wäre hätte die Unverschämtheit, den Herstellern zu unterstellen, sie würden sich deswegen heimlich über Patches freuen?

Freilich ist auch dies nur eine bodenlose Verschwörungstheorie - denn gäbe es das Umrüstkit wirklich, könnte niemand die Benutzer zur Installation von Windows zwingen. Und all die Abweichler (die kleinen Pinguine und Teufelchen und anderen Kuschelmonster) kämen dann dem Hersteller wirklich richtig teuer zu stehen. Insofern wird wohl doch eher die langweilige Erklärung stimmen - oder Microsoft hat sich dieses eine Mal wirklich verrechnet.

http://www.heise.de/tp/artikel/12/12625/1.html
Kommentare lesen (21 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS