Medien und Demokratie
Ist zu viel Öffentlichkeit schädlich?
"Ohne Medien sind Politiker besser.": Der sächsische Justizminister Thomas de Maizière provozierte am vergangenen Wochenende die Journalisten und Medienwissenschaftler, die in den Landtag von Sachsen gekommen waren, um über Medien und Demokratie zu diskutieren. Dem "unsichtbaren Politiker", der seine Akten studiert, sich mit Experten berät und Lösungen erarbeitet, stellte er den mediengewandten Showstar gegenüber, den man meist mit dem Sektglas in der Hand sieht. Er bedauerte, dass der "Was-und-warum-Journalismus" zurückgegangen sei gegenüber dem "Wer-gegen-Wen-Journalismus". Sein Fazit für die Politiker: Wer inszeniert, wird selbst inszeniert; wer seine gute Ehe im Wahlkampf einsetzt, darf sich nicht wundern, wenn das Scheitern der Ehe in den Medien später genüsslich instrumentalisiert wird.
"Die Medien haben der Politik ihre Regeln aufgezwungen.": Das Wort von Hans Mathias Kepplinger haben fast alle Vorträge auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften (DGPuK) in Dresden aufgenommen und teilweise widerlegt, teilweise bestätigt. Das Tagungsthema "Chancen und Gefahren der Mediendemokratie" wurde in zwölf Panels wie "Politik als Beruf: Die Rolle der Journalisten" oder "Medien-Schablonen für die Politik-Wahrnehmung" vor allem anhand empirischer Untersuchungen beleuchtet - schließlich versteht sich die an den Unis betriebene Journalismus- und Medienforschung als Sozialwissenschaft.
Präsenz Journalisten:Politiker verhält sich 6:1
Noch über jeden Präsidenten der USA wurde in den Medien mehr Negatives statt Positives berichtet, berichtete Thomas E. Patterson, Journalistik-Professor aus Harvard, in seinem Vortrag "The miscast Institution: The Media's Role in Modern Democracies". Beunruhigender fand er, dass Journalisten, die ja eigentlich Information vermitteln und dabei eher in den Hintergrund treten sollten, gegenüber den Politikern in den Medien sechsmal so häufig in Bild oder Ton präsent sind wie die Objekte ihrer Berichterstattung.
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"Es gibt einen Trend zu mehr Interpretation, zu mehr Meinungsäußerung der Journalisten", bestätigte Jürgen Willke, Mainz. Doch dass Journalisten ihre Leser direkt beeinflussen, stimmt so nicht. Gemeinsam mit Carsten Reinemann untersuchte Willke anhand von 4.675 Beiträgen, wie die vier großen Tageszeitungen seit 1949 die Kanzlerkandidaten im Wahlkampf bewertet haben. Ihre Ergebnisse verblüffen: Aussagen über den der Zeitung nahestehenden Kandidaten sind in Nachrichten und Berichten am negativsten, in Reportagen und Porträts am positivsten. In Kommentaren finden sich insgesamt überwiegend negative Aussagen. Aber: Die meisten negativen Aussagen über die Kandidaten stammen von Politikern, die meisten positiven von Journalisten.
Ereignis oder Inszenierung?
"Wie bestimmen die Medien Themen"? Die Frage nach dem Agenda Setting beanwortete Jörg-Uwe Nieland anhand des Themas "Metrorapid" im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf negativ: Die Bevölkerung verhielt sich in ihren Themeninteressen "veränderungsresistent" gegenüber der starken Berichterstattung in den Medien. Dafür fand er heraus, dass der Ministerpräsident erfolgreich Agenda-Building ("Wie finden sich Politiker in den Medien wieder?") betrieben hatte: Die SPD konnte durch geschicktes Taktieren ihr Konzept durchsetzen.
Die Wahlkampf-Parteitage 2001 von CDU und SPD hat Marion G. Müller, Hamburg, daraufhin untersucht, wie sie durch die Medien beeinflusst oder gar verändert wurden. Sie fragte: Sind solche Wahlkampf-Parteitage genuine Ereignisse, die auch ohne die Medien so stattfinden würden, sind sie mediatisiert, also bereits auf die Medien hin ausgerichtet, oder werden sie eigens für die Medien inszeniert? Anhand von Fotos der Bühnengestaltung und der Choreografie der Politikerauftritte zeigte sie eindrucksvoll, wie die Werbeagenturen die Vorgaben der Parteien umsetzen, beispielsweise "Geschlossenheit vermitteln". Ein Ergebnis: Offene Diskussionen über kontroverse politische Themen, etwa den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr, kommen in öffentlichen Veranstaltungen nicht mehr vor - wenn überhaupt, dann in geschlossenen Gesprächsrunden, ohne Journalisten.
Journalisten benutzen "Frames"
Was soll die Öffentlichkeit davon halten? Bestimmen die Medien das "How to think about"? Das Second-Level-Agenda-Setting oder die Frage nach den Schablonen, mit denen Journalisten politisches Geschehen vermitteln, wird seit einigen Jahren nicht nur in der Soziologie, sondern auch in der Medienwissenschaft mit Hilfe des "Framing-Konzepts" beschrieben. Journalisten verhalten sich entsprechend, wenn sie bei einem Thema überlegen: Behandle ich es über diese oder jene Schiene? So kann ein Journalist über einen Parteitag auf der "Schiene parteiinterne Demokratie" berichten, aber auch auf der "Theaterkritiker-Schiene": Wie gut war die Inszenierung? Je nachdem vermittelt er seinem Publikum eine andere Sicht der Dinge (was das Auditorium mit den Botschaften anstellt, ermittelt man in der Rezeptionsforschung anhand der Schemabildung - aber das ist ein anderes Thema).
Solche Schablonen für die Politikvermittlung gibt es überraschenderweise nicht nur in den interpretierenden und kommentierenden Darstellungsformen des Journalismus, sondern auch in den informierenden. Jörg Matthes, Matthias Kohring und Urs Dahinden untersuchen in verschiedenen Ländern, welche Frames beim Thema "Gentechnologie" eingesetzt werden. Die Schablonen "ethische Kritik" und "Skepsis gegenüber der Wissenschaft", die in der bundesdeutschen Presse nicht selten zu finden sind, tauchen etwa in britischen oder US-amerikanischen Medien gar nicht auf.
Matthes und Kohring haben das Framing-Konzept von Entman so operationalisiert, dass man es auf alle journalistischen Darstellungsformen anwenden kann: 1. Das eigentliche Thema, den Nutzwert des Beitrags, findet man überall, von der Nachricht bis zum Kommentar. 2. Auch das Herstellen von kausalen Zusammenhängen ("who is responsible?") leisten alle untersuchten Artikel. 3. Eine Bewertung (moral evaluation) findet sich nur mehr in interpretierenden und kommentierenden Beiträgen, und dasselbe gilt auch 4. für Appelle ans Publikum (treatment recommendation). Irgendwie beruhigend: Es gibt auch Beiträge, die ganz ohne Framing auskommen - darauf wies Lars Harden hin.
Wer Internet nutzt, ist politisch informierter und aktiver
So simpel lässt sich das Ergebnis der Panel-Untersuchung von Martin Emmer und Gerhard Vowe aus Ilmenau natürlich nicht zusammenfassen. Sie fragten: Führt das Internet zu einer politischen Mobilisierung der Bevölkerung? Welche sozialen Differenzierungen zeigen sich beim Nutzen des Internet? Klare Unterschiede, das beweisen die Daten, gibt es zwischen Internet-Nutzern und Nicht-Nutzern. Haben bei den Nicht-Nutzern die am besten ausgebildeten Gymnasiasten und Studenten mehr Möglichkeiten der politischen Partizipation, so ändert sich das bei den aktiven Onlinern: Formal niedrigere Bildung wird mehr als ausgeglichen durch aktives Nutzen des Internet. Der Schwerpunkt liegt dabei bei den kommunikativen Formen und Formaten des Internet. Damit verändert das Internet auch die politische Kommunikation insgesamt.
Auf die Partizipationskluft - wer benutzt welche Medien wozu? - hatte bereits der Gastgeber der DGPuK-Jahrestagung, der Dresdner Professor Wolfgang Donsbach, hingewiesen. Die fulminanteste Verteidigung des Internet als Informations- und Kommunikationsmedium kam von Wolfgang Hoffmann-Riem, Richter des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe und ausgewiesenem Medienwissenschaftler. Zwischen "normativer Vision und normativem Albtraum" forderte er den Schutz des Rechts für die Macht-Schwachen ein. Die Vielfalt der Gesellschaft mit ihren Entgrenzungen und flüchtigen Bündnissen werde durch die traditionellen Medien nicht angemessen wiedergegeben.
Erfolgreiche Partizipation, so Hoffmann-Riem, habe als Voraussetzung vor allem die Chancengleichheit des Zugangs. Die transnationale Medienwirtschaft benötige ein Gegengewicht: Der Staat sei als Garant von Freiheit gegenüber privater Machtausübung gefordert. Denn das Internet selbst zeige ja deutlich die Spuren der medialen Professionalisierung und Ökonomisierung. Und mit entsprechenden Strukturen - einem "öffentlich-rechtlichen Internet" beispielsweise - könne man ein Gegengewicht bilden zur Machtkonzentration in den Händen der Medienkonzerne mit all ihren bekannten negativen Konsequenzen. Man solle "nicht immer gleich vor Albträumen erschrecken", forderte der Verfassungsrichter die Medienpolitiker auf, und wünschte sich von ihnen "etwas mehr Steuerungsoptimismus" - bessere Medien durch bessere Politiker.
http://www.heise.de/tp/artikel/12/12651/1.html- Zuviel lesen in Heise News-Foren schädlich? (14.6.2002 15:29)
- Link zu Kommunikationswissenschaften in Internet (3.6.2002 16:08)
- Es soll sich kein Blatt Papier zwischen mein Volk und mich stellen (3.6.2002 9:44)
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