Biodiversität und die Invasion fremder Arten

Welche Mechanismen ermöglichen es pflanzlichen Eindringlingen, sich in einem fremden Ökosystem niederzulassen

Der Umweltgipfel in Rio 1992 hatte sich auch die Verpflichtung der Erhaltung des biologischen Reichtums dieser Welt zum Ziel gesetzt und die Konvention über biologische Vielfalt verabschiedet. Biodiversität gilt als Grundlage für die Gesundheit des Planeten und die UNO erläutert: "Die biologische Vielfalt - also die in der Natur vorhandene Vielzahl an Pflanzen- und Tierarten - ist nicht nur für die Qualität des menschlichen Lebens von grundlegender Bedeutung, sie ist auch entscheidend für das Überleben der Menschheit." Bis heute haben 181 Staaten die Konvention ratifiziert und sich damit dazu verpflichtet, die Vielzahl der Arten und der Ökosysteme zu schützen, nachhaltig zu nutzen und die Vorteile der Nutzung gerecht aufzuteilen. Die Entwicklungsländer sollen in der Erreichung der Ziele durch die reichen Länder unterstützt werden.

Cedar Creek, Luftaufnahme des Grünlands

Eine große Rolle in der Diskussion um die Erhaltung der Artenvielfalt spielen die so genannten "invasiven" Arten, also Pflanzen oder Tiere, die in einem Ökosystem zuwandern und durch ihre Ausbreitung oder das Einschleppen fremder Krankheiten die bereits vorhandenen Arten in ihrer Existenz bedrohen. Sie werden nach der Zerstörung von Lebensraum für die zweitwichtigste Ursache des Artensterbens gehalten.

Inzwischen werden von vielen Staaten spezielle Programme zur Bekämpfung invasiver Arten aufgelegt (vgl. Evolution in Hochgeschwindigkeit). Im Zeitalter der Gentechnologie kommt die Befürchtung dazu, dass wiederstandsfähigere, genmanipulierte Pflanzen die natürlichen Arten zurückdrängen werden. Gezielte Projekte sollen deshalb die genetische Vielfalt sichern (vgl. Genbanken für künftige Generationen). Auch die Bundesregierung hat sich die Biodiversität aufs Panier geschrieben und hält unter anderem Naturschutzgebiete und die biologische Landwirtschaft für wichtige Schritte in Richtung der Erhaltung des natürlichen Lebensraums und der Artenvielfalt (vgl. Informationsplattform Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Biologische Vielfalt).

Bislang sind viele Mechanismen der Ansiedlung und Ausbreitung neuer Pflanzenarten in ökologischen Systemen nicht ausreichend verstanden. In Nature stellt jetzt das Biologenteam Theodore A. Kennedy, David Tilman und Peter Reich von der University of Minnesota, Shahid Naeem und Katherine M. Howe von der University of Washington sowie Johannes M. H. Knops von der University of Nebraska ihre Erkenntnisse zur Bedeutung der Artenvielfalt vor. Sie haben genau definierte Flächen im Grünland (vgl. Projekt Cedar Creek) untersucht, um zu analysieren, welche Rolle die Biodiversität bei der Ausbreitung von pflanzlichen Invasoren spielt. Ihr Resultat ist deutlich: die maximale Dichte und Vielfalt einheimischer Pflanzensorten sorgen davor, dass Eindringlinge schlechte Chancen haben, sich erfolgreich niederzulassen. Wenn die Vegetation in einem Lebensraum bereits hochgradig konkurriert und gut aufeinander abgestimmt ist, schützt sie sich selbst, und neuankommende Spezies haben es extrem schwer, sich durchzusetzen.

In einem weiteren Artikel widersprechen die neuseeländischen Ökologen Richard Duncan von der Lincoln University in Canterbury und Peter Williams von der Landcare Research in Nelson Charles Darwin, der in seinem Grundlagenwerk über den Ursprung der Arten die "Naturalization"- Hypothese aufgestellt hatte, die besagt, dass invasive Pflanzenarten weniger erfolgreich bei der Eroberung neuer Lebensräume sind, wenn in einem Lebensraum bereits angesiedelte Spezies eine ähnliche ökologische Nische besetzen.

Duncan und Williams haben in Fleißarbeit eine Liste mit 24.774 Pflanzenarten zusammengestellt, die nach und nach in Neuseeland auftauchten. Dabei stellte sich heraus, dass es erfolgversprechender für eine invasive Spezies ist, wenn es bereits ähnliche einheimische Sorten gibt, als wenn das nicht der Fall ist. Die Forscher konnten zeigen, dass sich 45% der 1.769 Pflanzensorten, die sich erfolgreich ansiedelten, in eine direkte Konkurrenz vor Ort begaben, während nur 18% sich komplettes Neuland erschlossen. Im Gegensatz zu Darwins Annahme scheint also das Überleben einfacher zu sein, wenn ökologisch verwandte Spezies schon vorhanden sind.

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