Reaktion verpflichtet

16.06.2002

Rechtsrock als Propagandainstrument der Neonazis

"Musik ist (...) das wichtigste Mittel zur Verbreitung rechtsextremer Propaganda vor allem unter Jugendlichen", stellt Klaus Farin, Leiter des Archivs der Jugendkulturen im Vorwort des Buches "Reaktionäre Rebellen" fest. Mitte der 90er Jahre erwirtschaftete die Rechtsrock-Szene sogar mittels jener Agitation satte Gewinne, einzelne Tonträger wurden indes zum Ziel staatlicher Zensur. Damals umging man diese und stellte verbotene Lieder als MP3-Files im "Weltnetz" auf Servern im Ausland zum Download bereit. Mittlerweile sind das Internet und Selberbrennen von CDs zum finanziellen Problem für die Szene geworden, denn nahezu alle Aufnahmen rechter Musik sind so gratis verfügbar. Ihren Propagandawert mindert das allerdings nicht.

"Die Welt des Rechtsrock ist eine Welt des ewigen Kampfes", schreibt Farin in dem Sammelband, der eine sorgfältige Auswertung von Texten, Dresscodes und Meinungen innerhalb der rechtsextremen Musikszene in Deutschland liefert. So sang die Band Foierstoss etwa 1997: "Wir sind Rebellen mit der Gitarre in der Hand, unsere Waffe ist der Gesang."

Bleibt man dieser Rhetorik treu, drängt sich die Frage auf: Was wissen "Gegner" jener Rebellen, etwa Pädagogen oder Jugendarbeiter, über die "Feinde der Demokratie"? Oft zu wenig, und so führen Vorurteile über Rechtsrocker zu irrationalen Mythenbildungen. Zudem, schreibt Burkhard Schröder, "scheint es gerade in Deutschland nicht darum zu gehen, effektive Mittel zu finden (im Kampf gegen Rechts; mk), sondern eher, das eigene Gewissen zu beruhigen."

Was Schröder im Beitrag über Rassismus und Antisemitismus im Internet anhand der Diskussion um die Zensur rechtsextremer Homepages anmerkt, steht auch dafür, dass Neonazis an Schulen oder in Jugendheimen ungestört Nachwuchs schon unter Zehn- und Zwölfjährigen rekrutieren. Denn allzu oft reagieren Gesellschaft, Schule oder Medienschaffende kaum oder nur falsch argumentierend auf schwadronierende und hetzende Neonazis, so dass diese als Sieger aus Diskussionen hervorgehen können. Das imponiert Interessierten und Mitläufern, für die Rechtsrock zudem eine spannende Subkultur darstellt. Für Farin gelingt "den Barden und Rechtsrockern der jungen, militanten Szene scheinbar mühelos" das, "was traditionellen Rechtsextremen mit ihren Schulungsabenden, Wehrsportübungen und Propaganda-Aktionen nie gelang - nämlich eine starke Verbreitung ihrer Ideen (...) vor allem unter Jugendlichen."

Das Archiv der Jugendkulturen als Herausgeber des Buches plädiert dafür, die von der Politik oft beschworene "wehrhafte Demokratie" könne nur den wachsenden Einfluss der Nazis verhindern, wenn sie die Codes, Symbole oder Meinung der Rechtsextremen kennt. Letzteres sollte dabei in Diskussionen fundiert zu widerlegen sein, ohne sich dem Spott der Szene aussetzen zu müssen. So reagierten etwa Rechtsextremisten hämisch mit einer eigenen Wäschekollektion auf den Mythos, Jugendliche mit T-Shirts der Marke "Lonsdale" seien Neonazis - die bei einer halb offenen Jacke zu lesenden Buchstaben NSDA des Schriftzuges sei nämlich eine Hommage an die NSDAP. Mittlerweile bietet die Szene "T-Hemden" an mit dem Schriftzug "Consdaple", und im gefakten Lonsdale-Design ist dann tatsächlich NSDAP zu lesen.

Jene detailliert dargestellten Hintergründe machen "Reaktionäre Rebellen" als Lese- und Lehrbuch wertvoll. Anhand von Textpassagen und Abbildungen informieren Klaus Farin und Henning Fad über die "Inhalte" des Rechtsrocks. Flad erklärt zudem im Beitrag "Kleider machen Leute" den Szene-Dresscode und Frauke Stuhl die "Symbolik der extremen Rechten", in der mittlerweile die "Schwarze Sonne", das Keltenkreuz oder die Triskele - eine dreizackige Form des Hakenkreuzes und Symbol des in Deutschland verbotenen "Blood & Honour"-Netzwerks (vgl. Rechtsextreme Kontinuität) - als Ersatz für das Hakenkreuz gelten. Rainer Erb informiert über "die Bildersprache des Antisemitismus in der rechtsextremen Szene" und Burkhard Schröder über das Treiben der Nazis im Internet. Der Band enthält zudem eine Auflistung von Musikgruppen und deren Veröffentlichungen, inklusive Indizierungs- und Verbotsanmerkungen.

Fraglich dürfe indes sein, ob Schulen, Bildungseinrichtungen und Jugendämter das Blatt (noch) wenden können. So merken Farin und Flad an, es verwundere kaum, "dass zentrale Feindbilder der rechtsextremen Szene mit denen des konservativen Mainstreams und großer Teile der bürgerlichen Mitte identisch sind." Etwa Linke, Drogenhändler oder Ausländer.

"Die Rechtsextremen sind nicht fundamentalistische Außenseiter der Gesellschaft, sondern die gewalttätige Avantgarde der Spießer. (...) Brennende Asylbewerberheime statt Abschiebung, antisemitische Verschwörungstheorien und Rassenwahn statt 'Leitkultur' und Walser-Rede."

Daher ist auch Schröders Hinweis auf einen Propagandatrick nicht zu unterschätzen: "Einzelne, besonders aktive Neonazis, sprechen sich vorher ab und treten als Gruppe einer newsgroup auf, deren einzelne Mitglieder sich angeblich nicht kennen und sich in den Diskussionen positiv aufeinander beziehen." Radikale Ansichten - teils offen, teils gemäßigt verpackt - sickern so in die Mitte der Gesellschaft ein oder wecken und stärken unterschwellige Ressentiments gegen Fremde, Juden und "Feinde" der Rechten.

Archiv der Jugendkulturen: Reaktionäre Rebellen. Rechtsextreme Musik in Deutschland. Verlag Thomas Tilsner; Berlin 2001, 250 Seiten; 24 Euro

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