La règle du jeu

Literarisches Online-Gaming beim Suhrkamp Verlag

Künstliche Erregung in Frankfurt: Nachdem man etlichen Journalisten per Email den Volltext von Martin Walsers "Tod eines Kritikers" zukommen ließ, wundert man sich nun über die Verbreitung des Machwerks im Internet (Das inszenierte Nichts). Mittlerweile gibt es auch Kopien auf deutschen Servern.

Das hat sich gründlich geändert. Nicht nur ist heute die Website www.suhrkamp.de ein Muster an Funktionalität und schlichter Ästhetik. Wie der Skandal um das neueste Buch von Martin Walser zeigt, ist man bei Suhrkamp heute durchaus in der Lage, die Macht der neuen Medien im eigenen Sinn einzusetzen. Eine kurze Chronik:

Schritt 1: Walsers Roman, gespickt mit Ressentiments und zweideutig-eindeutigen Anspielungen antisemitischer Prägung, wird den großen deutschen Zeitungen zum Vorabdruck angeboten. Das Feuilleton reagiert wie im Roman selbst vorausgesagt, der Skandal ist da.
Schritt 2: Angeblich, um Walser vom Verdacht des Antisemitismus zu befreien, wird das Manuskript an weitere Journalisten verteilt, unter anderem per Email.
Schritt 3: Umgehend taucht der Text im Web auf.
Schritt 4: Bei Suhrkamp bricht Empörung über die Indiskretion aus.

Es ist schon bemerkenswert, mit welcher Nonchalance dabei das Internet gehandhabt wird. Wer heutzutage bei einem Skandal dieser Größenordnung darauf pocht, das Skandalon selbst habe geheim zu bleiben, nachdem er es per Email in alle Richtungen hinausgeblasen hat, muss sich Fragen nach seiner Glaubwürdigkeit gefallen lassen. Wie glaubwürdig wäre der Zorn der Justitiziare, hätte man das gedruckte Manuskript in den Vorgärten von 30 Frankfurter Kulturjournalisten hinterlegt, zusammen mit einem großen Schild "Hier der neue Walser"? Genauso glaubwürdig wie die Verblüffung Walsers über die öffentlichen Reaktionen auf seinen Text. Besonders komisch ist in diesem Zusammenhang die Strapazierung des Begriffes "Urheberrecht", denn inwieweit der Verlag durch seine hemdsärmeligen Verteilaktionen das Urheberrecht seines eigenen Autors selbst gebrochen hat, steht noch dahin.

Offenbar hat man in Frankfurt die Spielregeln des Netzes begriffen. Und zu diesen Spielregeln gehört es auch, einerseits den "umstrittenen" Walser nach allen Regeln der Kunst zu befiedeln, und andererseits in vorsichtigen Worten per Presseerklärung Distanz zu den Eskapaden des Autors anzumelden, damit die Stammleserschaft nicht verprellt wird.

Fazit: Die Zeiten ändern sich, auch beim Suhrkamp Verlag. Mit dem Generationenwechsel, der das Ende der Ära Unseld markiert, ist auch in der Frankfurter Lindenstraße die Gewissheit eingezogen, dass im Medienzeitalter Aufmerksamkeit das kostbarste Gut überhaupt ist.

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