Die Offenheit und der Pluralismus sind in Israel verschwunden

19.06.2002

Gespräch mit Ilan Pappe, der wegen seiner politischen Ansichten von der Universität entlassen werden soll, über die geistige Situation in Israel

Dr. Ilan Pappe, Jahrgang 1954, ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität von Haifa und Leiter des dortigen Instituts für Konfliktforschung. Von ihm stammen zahlreiche Veröffentlichungen wie Die israelische Haltung im Friedensprozess über den israelisch-arabischen Konflikt und über die Geschichte des Nahen Ostens. Er hat die Theorie einer postzionistischen Gesellschaft in Israel mitentwickelt und ist einer der führenden "new historians", die die herrschende israelische Geschichtsschreibung für Mythenbildung halten. Unter anderem deshalb drohen Pappe auf Betreiben der Universitätsleitung von Haifa nach einem internen "Gerichtsverfahren" die Entlassung und das Ende seiner akademischen Karriere.

Beginn der Auseinandersetzung war die sogenannte "Katz"-Affäre an der Universität Haifa. Fast 2.000 Akademiker aus der ganzen Welt protestieren inzwischen in einer Petition gegen das Verfahren gegen Pappe und fordern die Rückkehr zur akademischen Freiheit in Israel.

Sie sind möglicherweise der erste jüdisch-israelische Sozialwissenschaftler, der in Israel wegen öffentlicher Äußerungen seinen Job verliert. Wie lautet die Anklage der Universitätsleitung gegen Sie?

Ilan Pappe: Die Anklage wird repräsentiert vom Dekan der Sozialwissenschaften an der Universität Haifa. Man fordert meine Entlassung wegen der Positionen, die ich in der Katz-Affäre bezogen hatte. Ich hatte das Verhalten der Universität kritisiert, die unseren Studenten Theodor Katz im Jahr 2000 wegen dessen Magisterarbeit disqualifiziert hatte. Katz hatte in der Arbeit mithilfe von Oral History ein Massaker der israelischen Armee nachgewiesen. Ein zionistischer Militärverband, die "Alexandroni"-Brigade, hatte 1948 im Rahmen der israelischen Staatsgründung mehr als 200 arabische Zivilisten im Dorf Tantura abgeschlachtet. Anders als die Universitätsleitung und die Medien fand ich nicht, dass die Studie "gefährlich" oder "rein erfunden" sei. Ich bezog für Katz und für die akademische Freiheit Stellung, veröffentlichte auf der internen Webseite Auszüge aus den Interviews, die Katz mit israelischen Soldaten und palästinensischen Überlebenden geführt hatte, und schrieb in der Sache einen offenen Brief.

Weshalb reagierte die Universität nicht sofort?

Ilan Pappe: Damals war die Zeit für die Zerstörung der akademischen Freiheit noch nicht reif. Ich hatte vor, im kommenden Semester einen Kurs über "Al-Naqba", die palästinensische "Katastrophe" von 1948, zu geben. Außerdem habe ich den Boykott Israels unterstützt. Gekoppelt mit dem politischen Klima, das bei uns jetzt herrscht, muss dies zum Entschluss der Universität geführt haben, dass man mich jetzt nur durch Rauswurf aufhalten kann.

Werden Sie vor dem internen Universitätsgericht erscheinen?

Ilan Pappe: Es geht nicht um mich, sondern zum Beispiel darum, dass meine palästinensischen Kollegen in den besetzten Gebieten unter der täglichen Belästigung und brutalem Missbrauch durch die israelische Armee leben müssen. Es geht darum, dass dieser Fall nach dem Willen derjenigen, die ihn vorantreiben, eine Tür öffnen soll. Viele meiner Kollegen, und vor allem meine palästinensischen Kollegen innerhalb Israels, könnten die nächsten sein. Man gibt vor, es handele sich um ein "faires Verfahren". Aber angesichts der Umstände und der Vorverurteilungen kann es das nicht geben. Ich habe nicht vor, bei dieser Charade mitzumachen. Es erinnert mich an die Verfolgungen unter McCarthy in den USA während der 50er Jahre.

Aber bei israelischen Intellektuellen erfolgte im vergangenen Jahrzehnt doch ein Klimawechsel. Haben sich Universitäten, Sozialwissenschaften, Literatur und Kunst denn ebenso schnell von den Rechten vereinnahmen lassen wie der Rest der Gesellschaft?

Ilan Pappe: In den Jahren des Oslo-Prozesses blühte an den israelischen Universitäten, besonders bei den Sozialwissenschaften, der Pluralismus auf wie nie zuvor. Ich habe dies in einem meiner Artikel die "postzionistische Periode" von 1993 bis 2000 genannt. Wissenschaftler, aber auch Kulturschaffende aus Theater, Film, Medien, Literatur, Poesie und Bildung experimentierten mit der Sichtweise der "Anderen" und entwickelten langsam ein kritisches Verhältnis zu Vergangenheit und Gegenwart. Das gehörte zeitweise sogar zum guten Ton, zumindest bis zur Ermordung Rabins. Und es diente der Suche nach einer Lösung mit der PLO. Dieser Post-Zionismus litt unter Netanjahu zwar, aber er überlebte.

Und dann kam Camp David...

Ilan Pappe: Als der Gipfel scheiterte und die zweite Intifada ausbrach, wurden diese pluralistischen Knospen zerdrückt, und sie verschwanden fast gänzlich. Es ist erstaunlich, wie schnell Anzeichen von alternativem Denken und neuer Offenheit eliminiert wurden. Seit Oktober 2000 haben sich Wissenschaftler und ihre Institutionen fast gänzlich von der staatlichen Politik und ihren Zielen vereinnahmen lassen. Zum guten Ton gehört es heute, den Konsens zu unterstützen, den der Diskurs vom Krieg und von der Einheit in der Regierung und in den Medien wiederspiegelt. Die Analyse des israelisch-palästinensischen Konflikts war von dieser Positionsveränderung ebenfalls betroffen. In der postzionistischen Periode waren Sozialwissenschaftler eher willig, wenigstens einen Teil des palästinensischen Narrativs zuzulassen. Jetzt geht es wieder darum, die palästinensische Version der Geschichte zu delegitimieren und der zionistischen zu huldigen.

Welche theoretischen Ansätze benutzen israelische Intellektuelle, um den israelisch-palästinensischen Konflikt zu erklären?

Ilan Pappe: Die führende Theorie ist der essentialistische Ansatz, der die Unfähigkeit der Palästinenser behauptet, eine moderne Gesellschaft zu werden. Tradition und Islam seien daran Schuld. Daraus werden die Selbstmordattentate, Arafats angebliche Weigerung, mit Israel einen Vernunftfrieden zu schließen, und die Operationen der Scharon-Regierung erklärt. In vielerlei Hinsicht tragen israelische Wissenschaftler zur Ent-Humanisierung der Palästinenser bei, ein Prozess, der der israelischen Armee Angriffe und Überfälle wie bei "Operation Schutzschild" erlaubt. Es gibt trotzdem noch ein paar alternative Stimmen, die eine historische Analyse jenseits zionistischer Mythen wagen. Sie stützen sich auf die Vertreibung der Palästinenser 1948, auf ihre Diskriminierung in Israel und auf die brutale Besatzung der 1967 eroberten Gebiete. Aber sie werden mehr und mehr stillgelegt und ihrer Legitimation beraubt.

Sind die Selbstmordattentate in Israel und die Ausweitung des israelischen Besatzungskrieges nicht eher Anzeichen dafür, dass die Idee vom Postzionismus obsolet ist?

Ilan Pappe: Auf kurze Sicht ja. In der weiter entfernten Zukunft wird der Konflikt einen neuen Höhepunkt erreichen, und dabei wird das Konzept Postzionismus möglicherweise von breiteren Teilen der israelischen Bevölkerung akzeptiert werden. In der nächsten Zukunft ist Postzionismus aus zwei Gründen hinfällig: denn nur externer Druck kann Scharons Zerstörungskrieg gegen die Palästinenser aufhalten, und zweitens ist das Hauptopfer des Zionismus in Israel dessen palästinensische Minderheit. Und sie orientiert sich zunehmend am palästinensischen Nationalismus, wofür man sie allerdings nicht an den Pranger stellen kann.

Wie schwerwiegend ist der Rechtsruck in der israelischen Gesellschaft?

Ilan Pappe: Sehr, sehr schwerwiegend. Es gibt kaum noch ein Spektrum von Meinungen, es ist sehr eng. Nicht nur das System bewegte sich nach rechts. Auch extreme Ideen wie die vom "Transfer" der Palästinenser sind inzwischen in der Mitte der Gesellschaft anzutreffen. Die Labour-Partei ist als Ideengeber verschwunden, und Linkszionisten wie die "Meretz"-Partei sind unfähig, ihren Patriotenjargon abzustreifen. Ihre Message ist deshalb konfus. Eine neue, beeindruckende Linke existiert. Aber im Vergleich zu den Positionen von "Frieden Jetzt" von früher ist diese Linke der Gesellschaft entfremdet und von ihr weit entfernt, kurzfristig also ohne Wirksamkeit. Die Rechte wird deshalb eine lange Zeit an der Macht bleiben. es sei denn, gegen Israel würden Wirtschaftssanktionen verhängt, oder ein Krieg bräche aus. Eine Linke wird in keinem der genannten Fälle an die Macht zurückkehren.

Bedeutet der Rechtsruck auch auf einen Schritt weg von einem weltlichen Israel?

Ilan Pappe: Nicht unmittelbar. "Rechts" heißt Unterstützung für einen Zerstörungskrieg gegen die Palästinenser, dem jede Diskussion über das Wesen des jüdischen Staates unterzuordnen sei. Setzt sich die Rechte in den ersten Kriegsphasen durch, ohne dass die arabischen Staaten, Europa, die UNO oder die USA angemessen antworten, dann ist der folgende Schritt die Theokratisierung der Gesellschaft. Das Bündnis zwischen nationalreligiösen Institutionen und ultraorthodoxen Juden ist enger geworden, die früher antizionistischen Orthodoxen sind jetzt fanatische Anhänger von Siedlungen und "Transfer". Aber ebenso kompromisslos widersetzen sie sich dem Säkularismus. Umgekehrt sind die Nationalreligiösen frommer, aber auch fanatischer in religiösen Angelegenheiten geworden. Ihre Vorstellung von der ethnischen Säuberung des Landes von Palästinensern ist so stark wie zuvor.

Bereitet sich die israelische Linke auf die Zeit nach Scharon und Arafat vor?

Ilan Pappe: Es gibt zwei Strömungen in der Linken. Eine größere, linkszionistische hat keine Vorstellung davon, wie sie sich auf die zeit "danach" vorbereiten soll. Sie durchlebt einen Prozess der Auflösung. Einige ihrer Anhänger sind in die Mitte gerückt, die in Israel heute mit "rechts" gleichzusetzen ist. Andere schließen sich vielleicht dem kleineren Teil, dem anti- und postzionistischen, der Linken an: einer sehr kleinen Gruppe, aber mit einer klareren Vorstellung als "Frieden jetzt", wie Frieden aussehen könnte. Sie besteht aus kleinen NGOs und sagt offen, dass das Problem nicht nur in der Besatzung, sondern auch in der Apartheidspolitik gegenüber den Palästinensern Israels und der wirtschaftlichen Ausbeutung der orientalischen Juden liegt. Ich gehe davon aus, dass dieser kleinen Linken einmal genauer zugehört werden wird, wenn die israelische Gesellschaft den Preis für die Verbrechen zahlen soll, den ihre Regierung begeht.

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