Ehrentitel in vorauseilendem Gehorsam

21.06.2002

US-Uni verbittet sich Proteste bei Bush-Rede

Bei der Verleihung der Zeugnisse für die Hochschulabgänger der Ohio State University letzte Woche sprach George W. Bush, dem auch ein Ehrendiplom für Öffentliche Verwaltung (public administration) verliehen wurde. Im Vorfeld seiner Rede hatten Studenten eine Webseite ins Leben gerufen, auf der sie zu passivem Protest aufriefen: Man sollte seinen Protest zeigen, indem man mit dem Rücken zu Bush aufstand.

This is a form of protest based on the principles of Satyagraha -- nonviolent noncooperation with evil -- used by the Mahatma Gandhi and later by Martin Luther King, Jr.. Please remember it is important that you stay silent and that we maintain an air of dignity and an environment of respect for everyone. Remain calm and do not do anything that could harm the group or jeopardize our credibility.

Doch die Uni hatte für solche Späße überhaupt kein Verständnis, und so verkündete Richard A. Hollingsworth, Associate Vice President of Student Affairs von Ohio State, dass alle Protestler verhaftet würden. Professorin Louise Antony von der Ohio State University sagte gegenüber Telepolis, den Graduierten war gesagt worden, sie würden ihr Diplom nicht bekommen, wenn sie aus Protest aufstünden. Insgesamt sind nur eine Handvoll Stundenten mit dem Rücken zu Bush aufgestanden: 4 Graduierte und 10 andere Studenten. Ein schweigend aufgestandener Mann wurde samt seines 3 Jahre alten Kindes durch Sicherheitsbeamten aus dem Stadion begleitet; dem Mann wird Friedensbruch vorgeworfen. Auf welcher Rechtsbasis die Uni den Graduierten ihr Diplom verweigern wollte, ist unklar. Herr Hollingsworth hatte für Telepolis keinen Kommentar.

"If there was a protest in the stadium, it was not visible to reporters." - Washington Post

So wenige Proteste gingen wohl völlig unter in dem Stadion, in dem schätzungsweise 55.000 Menschen versammelt waren, um von rund 6.000 Studierenden Abschied zu nehmen. Während Prof. Antony nicht der Meinung war, dass die Drohungen seitens der Uni große Auswirkungen auf die Zahl der Protestierenden hatte, meinte Ohio State Prof. Furuhashi gegenüber Telepolis, die Wirkung sei "verheerend" gewesen. Furuhashi war bei einem Protest außerhalb des Stadions zugegen, an dem seiner Einschätzung nach rund 100 Menschen teilnahmen.

Hillary Tinapple, eine der protestierenden Graduierten, bestätigte gegenüber Telepolis, dass sie sich "massiv unter Druck gesetzt" fühlte, aber nicht nur von der Univerwaltung: Auch andere Graduierte hätten ihr klargemacht, dass die Zeremonie nicht der richtige Ort für einen Protest sei. Dabei ging es ihr am Ende nicht nur um Politik, sondern - gerade, weil man sie zum Schweigen hat bringen wollen - um ihr Recht auf freie Meinungsäußerung. Der Druck, so Tinapple, habe sie nicht umstimmen können, aber sie sei sicher, dass "Hunderte, wenn nicht Tausende" mundtot gemacht worden seien.

Tinapple bestätigte einen Bericht von CBS news, dass ein Univertreter den Graduierten, die kurz vor der Bush-Rede an einer Stellprobe teilnahmen, auch klargemacht hatte, dass alle Redner "respektiert" werden müssten, denn sonst drohe eine "Verhaftung". Der nach dem 11.9. erlassene Patriot Act besagt nämlich, dass Demonstranten als "unlawful combatants" festgenommen werden können.

Allen Studenten, die ihre Kurse mit der Note 'ausreichend' bestanden haben, kann ich versichern

auch ihr könnt Präsident werden.

Die Presse in den USA scheint sich weder für die Protestaktion noch für die Sanktionen wirklich zu interessieren. Bei Reuters sucht man vergeblich nach Informationen; stattdessen liest man, dass die Bush-Rede auf den Lehren von "Aristoteles, Adam Smith, de Tocqueville und Pope John Paul" basierte. Die Washington Post erwähnte auch keine Proteste, fügte aber noch die Lehren von "George Eliot, Emily Dickinson, William Wordsworth, Benjamin Rush, Thomas Jefferson, George Washington, Abraham Lincoln und Cicero" hinzu. Die Post vergleicht sogar die positive Reaktion auf diese Rede in Ohio mit den Protesten letztes Jahr an der "liberalen" Yale University, wo George W. Bush seinerzeit den Bachelor's Degree bekam, und behauptet, es habe wegen der "Veränderung von Bush als Präsident seit dem 11.9." in Ohio keine Proteste gegeben.

Everyone needs some cause larger than his or her own profit.

Ursprünglich war offenbar Tom Hanks als Sprecher eingeladen, doch der lehnte dankend ab. George W. Bush konnte aber einspringen, da er sowieso unterwegs war, denn anschließend wollte er auf einer Parteitagung in Houston $1.7 Millionen für die texanischen Republikaner einsammeln.

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