Die künstliche Insel der freien Daten

Florian Rötzer 23.06.2002

Auf einer Plattform aus dem II. Weltkrieg vor der britischen Küste hat sich der erste Internet-Datenhafen angesiedelt, der für seine Kunden die Umgehung fast aller Gesetze verspricht

Der virtuelle Wilde Westen im Internet verschwindet allmählich. Es werden nicht nur Grenzen gezogen, sondern es findet auch eine zunehmende Verrechtlichung des Cyberspace statt. Noch gibt es genügend Möglichkeiten, der nationalen Rechtssprechung zu entgehen und Inhalte anonym auf Server in anderen Ländern zu stellen, doch erste internationale Abkommen zur Verfolgung von Cyberkriminalität oder zur Regelung der "Eigentumsverhältnisse" werden bald einen zumindest minimalen globalen Rechtsraum schaffen. Noch aber gibt es vor der Küste Großbritanniens ein selbsterklärtes souveränes Fürstentum, das zu einem Datenhafen für die digitale Freiheit werden soll: Zuflucht für verbotene Inhalte, anonyme Kommunikation oder gekaperte Daten, die urheberrechtlich geschützt sind.

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Eröffnet wurde der "erste Internet-Datenhafen" im Juni 2000. HavenCo siedelte sich auf dem "Fürstentum" Sealand an und bot eine "sichere Infrastruktur für den E-Commerce" im Rahmen einer weitgehend freien Rechtssprechung und mit der Garantie, keine Regelungen für den Datenverkehr einzuführen, was andersherum bedeutet, dass HavenCo damit wirbt, auf Sealand Websites betreiben zu können, auf denen gemacht werden kann, was in anderen Ländern oder gar weltweit verboten ist. Profitabler E-Commerce würde nämlich gegenwärtig durch Regierungen verhindert, die Inhalte verbieten oder regulieren.

Ob es sich dabei um kommerzielle Interessen handelt oder um politische, ist den Gründern des Datenhafens egal. Verboten ist lediglich, die Server zu benutzen, um Spam auszusenden, Computer zu cracken, mit Pings zu überfluten, Ports auszuspähen oder Trojaner zu benutzen. Inhaltlich ist auf Sealand nur Kinderpornographie verboten, wobei sich die jungen amerikanischen Unternehmensgründer von HavenCo ausgerechnet an den gesetzlichen Bestimmungen der USA orientieren wollen. Keine Regelungen gäbe es für Copyright, Patente, politische Zensur, Kryptographie oder Geheimhaltungsverpflichtungen, auch Beschränkungen für die Nutzung von Kundendaten oder Tauschbörsen seien nicht vorgesehen. Garantiert wird Anonymität, Datenschutz und Sicherheit. Es herrscht eben fast absolute digitale Freiheit, die jedem etwas bietet, auch wenn das ganze Paket nicht für viele attraktiv sein dürfte.

Wie lange HavenCo diese digitale Freiheit wirklich garantieren kann, wird sich möglicherweise bald zeigen. Wahrscheinlich als eine Art Test soll in den nächsten Tagen DeCSS, die Software zum Umgehen der DVD-Verschlüsselung, auf einem Server gestellt und den Internetnutzern weltweit zum Herunterladen angeboten werden. DeCSS ist zu einem prominenten Fall geworden, nachdem die Filmindustrie massiv versucht hat, die Veröffentlichung der Software im Netz zu verhindern und damit den Digital Millennium Copyright Act durchzusetzen.

HavenCo scheint zumindest darauf zu vertrauen, dass das "Fürstentum Sealand" tatsächlich ein souveränes Land mit einer eigenen Gesetzgebung bleiben wird. Zumindest könnte die verhältnismäßig lange Existenz dieses seltsamen Fürstentums dafür sprechen, dessen Territorium eine aus dem Zweiten Weltkrieg stammende, mittlerweile ziemlich herunter gekommene Plattform in der Nordsee ist, 10 Meilen von der Küste Großbritanniens entfernt, was garantieren soll, dass sie außerhalb des britischen Hoheitsgebietes liegt. Gegründet hatten das Fürstentum der ehemalige britische Offizier Roy Bates und seine Frau Joan. Sie besetzten einfach die verlassene Plattform namens "Rogh Towers", die damals noch in internationalen Gewässern lag. Bates erklärte kurzerhand die Plattform zu einem souveränen Staat und sich selbst zum Prinz von Seeland. Seitdem gibt es auch bewaffnete Wächter für die Plattform, die 20 Meter über das Meer aufragt.

Das Wappen des Fürstentums

Das gefiel allerdings schon in den wilden Zeiten der Studentenrevolte der britischen Regierung nicht. Das Verteidigungsminister versuchte mit einem Hubschrauber und einem Schiff die Plattform wieder einzunehmen und deren Bewohner zu vertreiben. Bates gab Warnschüsse ab, wurde festgenommen und vors Gericht gestellt, da er immer noch ein britischer Bürger war. Ende November kam das Gericht zu dem Urteil, dass es in der Angelegenheit nicht zuständig sei, da sich die Plattform nicht im britischen Hoheitsbereich befinde. Daraus zog der neue Prinz die Folgerung, dass das Urteil eine indirekte Anerkennung der Souveränität seines Fürstentums sei. 1975 gründete man dann mit einer Verfassung "offiziell" den eigenen Staat mit eigenem Geld (Sealand Dollar), eigenen Pässe und Briefmarken, aber auch einer Nationalhymne. Einmal stand Sealand gar im Krieg, als Holländer und Deutsche die Plattform besetzten und Michael, den Sohn des Prinzen, als Geisel nahmen. Doch der ehemalige Offizier rauschte mit ein paar bewaffneten Männern an und sperrte die Eindringlinge als "Kriegsgefangene" ein. Zu den Verhandlungen über die Freilassung des Deutschen sei sogar ein Diplomat gekommen, was Bates wiederum als Anerkennung seines Staates verstanden wissen will.

Schließlich aber erweiterte Großbritannien 1987 die Hoheitsgewässer auf eine Entfernung von 12 Meilen, wodurch man sich Sealand wieder aneignete. Die britische Regierung erkennt die Souveränität von Sealand nicht an und erklärt, dass die britische Rechtssprechung auch für alle Aktivitäten auf der Plattform gelte. Im Gegenzug hat auch Prinz Roy die Hoheitsgewässer auf 12 Seemeilen um die Plattform vergrößert. Seitdem ist erst einmal Stillstand, was man im Fürstentum als Anerkennung auslegt. Mittlerweile "regiert" überdies der Sohn von Prinz Roy, "Michael of Sealand" - und unter dessen Herrschaft kam auch die Vereinbarung mit den geschäftstüchtigen Freiheitsrebellen zustande, die einen Ort für ihren "Datenhafen" suchten, nachdem sie bereits gesehen hatten, wie beispielsweise über das Internet Online-Kasinos in Steueroasen wie Anguilla florieren können.

Briefmarken des Fürstentums

Ryan Lackes, 23 Jahre, ehemals Student am MIT und Gründungsmitglied des Datenhafens, versteht sich sowohl als Geschäftsmann als auch als Kämpfer für die digitale Freiheit, also des freien und anonymen Informationsflusses. Gegenüber New Scientist (On rebel territory, 22.6.2002) sagte er, dass die Meinungsfreiheit und die Möglichkeit, anonym zu bleiben, für die Cyberbürger immer schwieriger werden würden. Besonders die Maßnahmen nach dem 11.9. haben diesen Trend zur staatlichen Regulierung und Überwachung verstärkt. Das könne zwar zur Bekämpfung von Kriminellen und Terroristen nützlich sein, aber bringe auch die Gefahr mit sich, abweichende Meinungen zu unterdrücken und Menschenrechte einzuschränken.

Angeblich mache HavenCo mit den Unternehmen, Organisationen oder politischen Aktivisten, die die anarchische Freiheit schätzen und Kunden geworden sind, bereits Gewinne. Bislang scheint es sich freilich eher um eher zwielichtige Unternehmen zu handeln, um Online-Kasinos oder Glücksspielsites, aber es gebe auch bereits politische Gruppen, die in ihren Ländern wie Tibet Online, die Website der tibetanischen Exilregierung, verboten seien. Angeboten wird auch ein Dienst zur Anonymisierung und Verschlüsselung von Emails und ein Server für Mailinglisten. Ganz heroisch versichert er denn auch, dass dann, wenn Vertreter des Gesetzes aufs Schiff kämen und die Server beschlagnehmen wollten, er diese eher zerstören würde, als sie in falsche Hände zu geben. Allerdings, die Satellitenverbindung zur Übertragung der Daten könnte schnell zum Opfer staatlichen Vorgehens gegen die Bürger des Fürstentums werden. Und ohne Verbindung zum Internet würde auch der schönste souveräne Staat als Datenhafen versagen und zum Datenfriedhof werden.

http://www.heise.de/tp/artikel/12/12769/1.html
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