Kultur-Apokalyptiker und philosophischer Grenzgänger

30.06.2002

Vor 100 Jahren wurde Günther Anders geboren - Erinnerung an einen Medienphilosophen avant la lettre

Glossen, Aphorismen, Paraphrasen, Romane und akademisch untaugliche Essays - Günther Anders, der Grenzgänger zwischen Theorie, Schriftstellerei und politischem Engagement bietet mit seinen paradox zugespitzten Thesen keinen leichten Zugang. Überheblich bis monomanisch im Gestus, sperrig im Stil, verbissen in der Argumentation und voll maßloser Übertreibung in der Zeitdiagnose, presst er einer sich der technischen Hybris unterwerfenden Kultur einige Wahrheiten ab. Und zwar ganz ohne seine Philosophie der Technik, wie manche seiner Zeitgenossen, mit dem Versprechen oder der Forderung einer Rückkehr zur Menschlichkeit zu entwerfen.

Günther Anders. Foto

Ein Autor, dessen Qualität sich gerade in einer Mischung von Beobachtung und Kritik entfaltet, einer, der nicht mehr nur Theoretiker sein wollte, der den theoretischen Anspruch beim Schreiben aber auch nie aufgegeben hat. Verfasst in einer Epoche, in der neue Technologien gerade begonnen haben, als Massenmedien in den Alltag einzudringen, gilt seine Kritik gilt nicht sosehr einer überbordenden Monstrosität der Technik, sondern dem menschlichen Unvermögen, darauf anders als mit einer gespenstischen Kompensationsmaschinerie (Spaßkultur & Sport) zu reagieren.

Für eine Philosophie der Technik

Günther Anders stellt der Philosophie ein denkbar schlechtes Zeugnis aus: sie hat es nicht geschafft, auf die Herausforderungen ihrer Zeit zu reagieren, suhlt sich vielmehr selbstzufrieden in einer Welt klassischer Texte. Noch in ihrer Selbstüberbietung gerät Philosophie zu einer anderen Tätigkeit, zur Heilsbringung in fataler Nähe zur nationalsozialistischen Geschichtsmetaphysik. Vor allem Heidegger und dessen Anhängern gilt die teils in Häme umschlagende Kritik, wie jetzt die Nachlasstexte offenbaren, in denen er mit dieser "Selbsterhitzung des Eigentlichwerdens" gnadenlos abrechnet.

Obwohl oder gerade weil Anders dem näher stand, als er zugeben mochte: Das Studium bei Husserl und Heidegger hinterließ Spuren. Für die Phänomenologie als eine zentrale Denkbewegung des zwanzigsten Jahrhunderts, die von Husserl ausgehend zur Medientheorie Vilém Flussers führt, sollte sich bei Günther Anders ein wichtiger philosophischer Drehpunkt herauskristallisieren: Wie Technik und Medien die Ästhetik der menschlichen Existenz beeinflussen.

Die Lebensgeschichte des Günther Anders entfaltete sich unter keinem guten Stern. Geboren als Kind eines Wissenschaftler-Ehepaares, werden er und seine beiden Schwestern von den Eltern, den Entwicklungspsychologen Clara und William Stern, als Forschungsobjekte missbraucht. Eine eigene wissenschaftliche Karriere deutet sich später an, musste aber an den Umständen scheitern. Zwar erfolgte eine Promotion beim berühmten Husserl, doch Heidegger fand keinen Gefallen an diesem Studenten, eher schon dessen enttäuschte Geliebte Hannah Arendt, die dann Anders auch geheiratet hat.

Wie es in den "Übertreibungen in Richtung Wahrheit" über jene Zeit heißt: Als Jude Philosoph zu sein, war kein Kunststück. Keiner zu sein, wäre fast ein größeres. Versuche zur weiteren akademischen Positionierung scheitern jedoch, fortan bewegt sich Anders im Understatement und spielt die Rolle des "Gelegenheitsphilosophen". Es folgt die Emigration nach USA, und der damit verbundene Kulturschock zieht sich durch seine weiteren Schriften. In den ersten Nachkriegsjahren lehrt Anders Ästhetik an der "New School for Social Research" in New York, bevor er 1950 Wien zur Wahlheimat nimmt, wo er 1992 gestorben ist. Hier hat er seine Aufzeichnungen zur Publikation vorbereitet, sie erschienen 1956 in einem ersten, 1980 in einem zweiten Band über "Die Antiquiertheit des Menschen".

Als Anders die längst von ihm geschiedene Hannah Arendt um 1960 wiedertrifft, schreibt diese über ihn: "Er denkt an nichts anderes als seinen Ruhm, völlig unbekümmert, leicht verrückt, ... außer aller Realität lebend, alles mit einem Klischee bezeichnend ..." Nach allem erst recht der Außenseiter par excellence, was ihn zur Kulturkritik geradezu prädestiniert. Dass der moderne Mensch sich nach den Bedürfnissen der Technik ausrichtet, statt umgekehrt, lautet die zentrale These. Die Kritik wird immer politischer, thematisiert die "Apokalypseblindheit" angesichts der globalen atomaren Bedrohung, reflektiert die Weltraumfahrt und engagiert sich gegen den Vietnam-Krieg.

Phänomenologie des Fernsehens

Wir sind invertierte Utopisten

während Utopisten dasjenige, was sie sich vorstellen, nicht herstellen können, können wir uns dasjenige, was wir herstellen, nicht vorstellen.

Was der Mensch herstellt, übertrifft ihn. Er hat keine wirkliche Vorstellung mehr von seinen Produkten. Über banales Moralisieren hinausgehend, wollte Anders auf dieses grundlegende "Gefälle" aufmerksam machen. Der Mensch ist antiquiert, zum Objekt einer Technik geworden, vor der es kein souveränes Subjekt mehr gibt, sondern nur mehr "Human Engineering". Die Möglichkeiten und Grenzen der Technik bestimmen den menschlichen Handlungsspielraum. Ein objektiver Blick auf die Entwicklung der Dinge ist dadurch aber nicht mehr möglich, was vor allem an der Strukturierung der Wahrnehmungsformen durch die Medien offensichtlich wird.

Gewiss sind wir außerstande, uns eine Atomexplosion vorzustellen. Aber ebenso gewiss ist, dass die scheiternde Phantasie, oder die Verzweiflung über deren Scheitern, der Maßlosigkeit dieses Ereignisses ungleich näher kommt und angemessener ist, als die scheinbar augenzeugenhafte Wahrnehmung des TV-Bildes, das, weil es übersichtlich ist, das Unabsehbare verfälscht; und weil es uns überhaupt ins Bild setzt, uns betrügt.

Dass mit den Medien und ihrer neuen Form der Wirklichkeitserfahrung die alte Ontologie von Sein und Schein ins Wanken gerät, hat Anders als einer der ersten erkannt und am Beispiel des Fernsehens dechiffriert. Die philosophischen Betrachtungen über Rundfunk und Fernsehen aus dem ersten Band der "Antiquiertheit" sind es, die fortgesetzte Beachtung verdienen: Nirgends vollzieht sich die Adaption des Menschen an die Welt der Apparate so augenfällig wie im Bereich der Medien, nach deren Diktat die gesamte Lebenswelt ausgerichtet ist. Es ist eine Stärke der Analyse, den medialen Betrug nicht ideologiekritisch verdammt, sondern phänomenologisch zu entschlüsselt zu haben: indem gezeigt wird, wie die "ontologische Zweideutigkeit" des Medienbildes die Differenz zwischen Ereignis und Abbild, aber auch zwischen Wirklichkeit und Fiktion einzieht. Die Wirklichkeit wird zur Analogie ihres medialen Bildes. Audiovisuelle Medien repräsentieren nicht die Welt, sondern schaffen ein Reizmodell mit dem Ziel, die Lebenswelt dann kongruent zu machen: die Welt als Phantom und Matrize.

Dass die Unmittelbarkeit des Fernsehbildes eine Illusion ist, mehr noch: die Unterstellung eines Faktums oder einer Objektivität, wäre nichts weniger als eine strukturelle Täuschung, ein vorweggenommenes Urteil, und als solches zugleich eine Ware, die sich selbst anpreist. Eine pointierte Analyse der Nachricht als Ware - sie nimmt vorweg, was später über den Verlust der Urteilsbildung im Medienzeitalter gesagt worden ist:

Der Daseinsgrund der Nachricht besteht darin, dem Adressaten die Möglichkeit zu geben, sich nach ihr zu richten. (. . .) "Take it or leave it", scheint die Nachricht zum Adressaten zu sprechen. "Entweder akzeptierst du den Teil des Abwesenden, das Abwesende in seiner bereits geteilten, geurteilten Fertigwaren-Version; oder du bekommst gar nichts." Der Bote ist der Herr des Herrn.

Am Medium des Fernsehens wird klar, dass die vorrangige Botschaft die der Technik selbst ist. Als Husserl gegen die "Technisierung" der modernen Naturwissenschaften ein "vergessenes Sinnfundament" eingeklagt hatte, war diese Philosophie noch mit therapeutischem Anspruch auf eine Rückbesinnung angelegt. Anders philosophiert an genau der Grenze, da dies - nach Hitler, Auschwitz, dem Abwurf der Atombombe - nicht mehr möglich war. Es wäre allerdings eine arge Unterbietung, in seiner Philosophie das Ausspielen eines Menschlichen gegen die Technik herauszulesen; wusste sie doch zu genau, dass der Mensch ohne seine Geste der Technik nicht Mensch geworden wäre. Weil er aufgezeigt hat, welche Fragen die fortgeschrittenen Technologien aufwerfen - während allgemein fest daran geglaubt wird, sie wären schon die Antwort -, ist Anders ein ebenso unbequemer wie spannender Philosoph geblieben.

Günther Anders aktuell im Beck Verlag:
- Die Antiquiertheit des Menschen, Band I, Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution
- Die Antiquiertheit des Menschen, Band II, Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution
- Über Heidegger. Hg. von Gerhard Oberschlick
- Übertreibungen in Richtung Wahrheit. Stenogramme, Glossen, Aphorismen.
- Konrad Paul Liessmann: Günther Anders. Philosophieren im Zeitalter der technologischen Revolutionen

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