Tod einer Kritik
Walsers umstrittenes Buch als Perl-Script im Internet
Es gab ein langes Hin und Her zu Martin Walsers neuen Roman "Tod eines Kritikers": Zunächst hatte im Mai die Frankfurter Allgemeine Zeitung es abgelehnt, eine Vorabversion des Manuskripts abzudrucken, da die Hauptfigur des Romans eine allzudeutliche Ähnlichkeit mit dem bekannten, jüdischen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki aufwies, vor allem aber, weil der Roman ein "Repertoir antisemitischer Klischees" enthielt.
Während sich der Suhrkamp Verlag dann schließlich trotz "kontroverser Diskussionen und Bedenken, die im Haus bestehen", dazu entschloss, den Roman "Tod eines Kritikers" am 26. Juni 2002 vorzeitig zu veröffentlichen, war jedoch auch textz.com auf das Walsermanuskript aufmerksam geworden. Als Pool für elektronisch publizierte, kritische Textproduktionen schien man hier jedoch nicht besonders von Walsers Werk angetan zu sein und beförderte auf der Website eine Datei mit dem Titel "walser.pdf" kurzerhand in den virtuellen Trashordner. Eine literaturkritische Randnotiz, die Folgen haben sollte. Denn kurze Zeit später erhielt textz.com von Anwälten des Suhrkamps wegen angeblichen Urheberrechtsverstößen eine Abmahnung.
Pikanterweise verbirgt unter der verdächtigen Dateibenennung walser.pdf nicht etwa das berüchtigte Walsermanuskript, sondern Bruce Sterlings Veröffentlichung "The Hacker Crackdown - Law and Disorder on the Electronic Frontier", ein von dem amerikanischen Autor als sogenannte "Literary Freeware" freigegebenes und autorisiertes E-Book, das sich mit den urheberrechtlichen Streitigkeiten und Grauzonen des elektronischen Publizierens auseinandersetzt. Die Betreiber von textz.com verstießen somit also keineswegs gegen die Veröffentlichungsrechte des Suhrkamp Verlags, dessen Rechtsabteilung schließlich nach einer kurzen Mailkorrespondenz auch nichts weiter von sich verhören ließ.
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Am 24. Juni führte textz.com nun diesen Literaturstreich noch einen Schritt weiter: Statt Walsers Manuskript, an dessen Verbreitung unabhängig von der eigentlichen Verlagspublikation nach wie vor mit Sicherheit ein großes öffentliches Interesse vorhanden ist, direkt als Textdatei zum Download anzubieten oder einen weiteren Link auf eine entsprechende Kopie zu setzen, hat textz.com den 10.000 Zeilen umfassenden Quellcode eines Perl-Scripts veröffentlicht, das über einen entsprechenden Perl-Interpreter eine ASCII-Textversion zu Walsers "Tod eines Kritikers" generieren kann.
Ausdrücklich weist textz.com auf seiner Website daraufhin, dass dieses Skript nicht ohne die ausdrückliche, schriftliche Genehmigung des Suhrkamp Verlags in Frankfurt ausgeführt werden darf. Auch gehöre das "Reverse-Engineering der Schriften eines senilen deutschen Revisionisten nicht gerade zum Kerngeschäft von textz.com". Als freie Software unter der GNU General Public License der Free Software Foundation jedoch darf der Sourcecode frei verteilt und modifiziert werden.
http://www.heise.de/tp/artikel/12/12807/1.html- Was einem Journalisten zu steht! (8.7.2002 12:18)
- Ich wuensch dir viel Erfolg! (30.6.2002 18:26)
- Schönheitsfehler / einseitige Recherche (30.6.2002 6:23)
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