Aufmerksamkeit

Die Macht der Bilder

Florian Rötzer 29.06.2002

Ein von der israelischen Armee gefundenes und verbreitetes Foto, das ein Kleinkind als Selbstmordattentäter zeigt, heizt den Medienkrieg an

Bilder haben im gegenwärtigen Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern eine wichtige Rolle gespielt. Jetzt hat die israelische Armee bei einer Razzia in einem Haus im besetzten Hebron angeblich ein Foto von einem Baby gefunden, das als Selbstmordattentäter ausstaffiert wurde. Für Israels Regierung ein Beweis, wie die Palästinenser ihren Kinder den Hass auf Israelis einimpfen, für Palästinenser hingegen ein Propagandaschachzug, um das militärische Vorgehen Israels zurechtfertigen.

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Weil Politiker und Militärs um die Macht der Bilder wissen, wird natürlich mehr und mehr versucht, diese zu kontrollieren, indem beispielsweise der Zugang für Journalisten zu aktuellen Konfliktzonen behindert oder geschlossen wird, Bilder zensiert werden, wenn dies möglich ist, oder selbst für die eigene Seite günstige Bilder verbreitet werden.

Als im Herbst 2000 die jüngste Intifada begann, die Scharon zumindest durch seinen Besuch des Tempelbergs mit ausgelöst hat, waren erst einmal die Palästinenser im Vorteil (Intifada im Cyberspace). Um die Welt gingen die Bilder von den verletzten und getöteten Palästinensern, vor allem aber solche von Kindern wie dem 12jährigen Mohammed Aldura, der von den Israelis erschossen wurde. Als dann aber ein Mob in Ramallah israelische Soldaten getötet und unter Jubel aus den Fenstern geworfen hatte, während die Täter ihre blutigen Hände demonstrativ zeigten, konnte wiederum die israelische Regierung das Schreckliche mit Schrecklichem kontern (Krieg und Bilder), weswegen diese Bilder auch von dieser der Weltöffentlichkeit unterbreitet wurden.

Seitdem ist nicht nur viel Zeit vergangen und wurde Schreckliches mit Schrecklichem vergolten. Kurz blitzte einmal wieder eine Diskussion auf, als nach den Anschlägen vom 11.9. Bilder von Palästinensern um die Welt gingen, die angeblich diese feierten. Immer massiver wurden jedoch die Terrorattacken durch Selbstmordattentäter, die Angst und Schrecken nach Israel trugen, während immer wieder israelische Soldaten, Panzer und gezielte Anschläge für Vergeltung sorgten. Diese Spirale von Angst und Rache auf beiden Seiten offenbarte sich den fernen Beobachtern durch Bilder von den blutigen Folgen der Anschläge und von der militärischen Macht der Israelis, von den Panzern in den palästinensischen Städten, gipfelnd in den Zerstörungen, die in Dschenin angerichtet wurden.

Jetzt versucht die israelische Armee ein Foto im Medienkrieg auszubeuten, das ihr angeblich in die Hände gefallen ist, als am Dienstag ein Haus in Hebron durchsucht wurde. Es zeigt ein Kind, vermutlich keine zwei Jahre alt, das bereits als Selbstmordattentäter hergerichtet wurde. Das Kind - in diesem Alter noch fern jeder Möglichkeit, einen Hass auf eine bestimmte Gruppe von Menschen zu entwickeln - wurde offensichtlich bereits als künftiger "Märtyrer" drapiert: mit einer Kopfbinde, wie sie die Hamas-Kämpfer tragen, und einem Gurt, der mit Sprengstoff gefüllt sein könnte. Für die israelische Regierung natürlich eine mediale Trumpfkarte, nachdem mit dem erneuten Einmarsch in palästinensische Städte aufgrund der verhängten Ausgangssperre bereits sechs Kinder von der Armee erschossen wurden. In der Nacht hat die israelische Armee die Zentrale der palästinensischen Autonomiebehörde in Hebron gesprengt und dabei 15 angeblich wegen Angriffen gesuchten Fatah-Mitglieder, die sich dort verschanzt hatten, getötet.

Ob das Bild echt ist oder ein Propagandabild, lässt sich kaum überprüfen. Bekannt ist auch nicht, ob der Gurt mit dem Sprengstoff echt ist oder nur Attrappen enthält. Journalisten waren beim Einmarsch und bei der Besetzung von Hebron nicht zugelassen, das Haus, aus dem das Foto aus einem Fotoalbum stammte und das einem militanten Hamas-Mitglied gehört haben soll, ist inzwischen zerstört worden. Die Soldaten hätten in dem Fotoalbum nach einem neuen Bild des Militanten gesucht und wären dann auf dieses Foto gestoßen, von dem sie allerdings selbst nur wieder ein Foto gemacht hätten.

David Backer, ein Vertreter von Ariel Scharon, nutzte jedenfalls die Chance, um zu erklären, es offensichtlich, dass "die Palästinenser den Hass auf die Juden und Israelis ihren Kindern schon im frühest möglichen Alter einflößen". Für Dore Gold, einen Berater von Scharon, symbolisiert das Foto den Hass, "den die palästinensische Führung verwendet, um eine ganze Generation von palästinensischen Kindern einer Gehirnwäsche zu unterziehen." In Israel ruft das Foto natürlich Abscheu und heftige Kritik hervor, nachdem während der letzten 21 Monate in bislang 71 Selbstmordattentaten 251 Israelis getötet und sehr viel mehr verletzt wurden. "Terror in Windeln" titelte die Zeitung Maariv, Yedoit Ahronot schrieb unter das Foto: "Beängstigende Maskerade".

Die israelische Armee veröffentlichte am Freitag zudem Videofilme, die unter anderem von dem Hisbollah-Sender Manar TV in Libanon stammen und auch andere Kinder, allerdings nicht ganz so jung, zeigen, die als Selbstmordattentäter ausstaffiert sind. In den letzten Monaten haben sich nicht nur Frauen und Mädchen als Selbstmordattentäterinnen zur Verfügung gestellt, sondern sind die "Märtyrer" auch immer jünger geworden. Überdies unterstützt nach jüngsten Umfragen mittlerweile eine Mehrheit der Palästinenser Selbstmordanschläge. Die Selbstmordattentäter werden als Helden und Märtyrer gefeiert. Hamas selbst hat vor kurzem dazu aufgerufen, dass die Jugendlichen unter 18 Jahren keine Selbstmordanschläge durchführen, sondern lieber ihrer Ausbildung nachgehen sollen. Dann aber sollen sie gegen Israel kämpfen.

Ghassan Khatib, der palästinensische Arbeitsminister, erklärte hingegen, dass die Israelis über das Bild nicht schockiert zu sein bräuchten. Er befürworte zwar keine Selbstmordanschläge, doch sie seien eine "bedauerliche, aber unvermeidbare Folgen der israelischen Gräueltaten". Es sei verständlich, dass die Palästinenser ihren Kinder beibringen, Israel zu hassen - und wie sie gegen das Land vorgehen sollen.

Eine palästinensische Journalistin aus Hebron bestätigte, dass Bilder wie dieses nicht selten seien. Viele Kinder würden die Erwachsenen nachahmen und Spielzeugmasken- und -gewehre besitzen, womit sie beispielsweise bei Demonstrationen mitgingen: "In unserer Gesellschaft geschieht dies oft. Das ist ein Phänomen."

Der palästinensische Informationsminister wiederum sagte, dass es sich bei dem Foto um ein gefälschtes Propagandabild handelt: "Das ist billige israelische Propaganda. Sie verwenden das Foto, um die israelischen Verbrechen gegen das palästinensische Volk zu rechtfertigen und mit der Besetzung der palästinensischen Gebiete fortzufahren. Solche Fotos können leicht gefälscht werden." Dazu neigt auch etwa der Artikel in den Gulf News.

Allerdings scheint die Familie, von der das Foto stammt, dessen Echtheit zu bestätigen. So sagte ein Onkel gegenüber British Sky News, dass es während einer Feier gemacht worden sei. Das Kostüm sei aber nur ein "Witz" gewesen. Die Aufregung verstehe er nicht.

Die Interpretation des Fotos dürfte weiter gehen, um seine Deutung der jeweiligen Interessenlage anzupassen. Beruhigend mag sein, dass Bilder alleine nicht notwendig eine Macht ausüben, es ist der Kontext, durch den sie ihre Überzeugungs- und Wirkungskraft schließlich ausüben. Bilder werden erst durch die kommentierenden und auslegenden Worte, über die herrschende Deutung zu wirklichen Waffen im Medienkampf. Andererseits können einprägsame oder schockierende einzelne Bilder, die wie das Foto des Kleinkind-Selbstmordattentäters, einen Krieg der Deutungen auslösen, aber sie werden auch immer eine Spur in der Psyche der Menschen hinterlassen, die ja bereits eine vorgeprägte Haltung besitzen, in die solche Bilder eingefügt werden.

http://www.heise.de/tp/artikel/12/12817/1.html
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