SPACE SHUTTLE - Lernen vom Challenger-Unglück - oder: Die Angst fliegt immer noch mit

Harald Zaun 04.07.2002

Die Columbia-Mission STS-107 wird um Wochen verschoben, weil Techniker an zwei anderen Shuttles haardünne Risse entdeckten

Eigentlich sollte die NASA Columbia-Raumfähre am 19. Juli sieben Raumfahrer ins All bringen. Doch der Countdown für die geplante 16-tägige wissenschaftliche NASA-Mission mit ihren 80 vorgesehenen Weltraumexperimenten wurde jetzt abrupt unterbrochen. NASA-Techniker entdeckten haarfeine Risse im Antriebssystem zweier Schwester-Raumfähren. Sensibilisiert von dem Challenger-Desaster und mit Blick auf die statistische Wahrscheinlichkeit eines weiteren Shuttle-Unglücks, reagiert die US-Raumfahrtbehörde immer ängstlicher - dies teilweise zu Recht.

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Retrospektiv gesehen ist die junge Geschichte der Raumfahrt des Homo sapiens sapiens reich an historischen Momenten. Zeugen nicht Ereignisse wie der Sputnik-Schock, die Mondlandung oder die Pathfinder-Mars-Mission von außergewöhnlich menschlicher Kreativität. Und symbolisieren sie nicht zugleich den unermüdlichen Forschungsdrang der Menschheit auf plastische Weise. Schön und gut, werden wohl einige zu Recht sagen, wäre da eben nicht der 28. Januar 1986, wäre da nicht das Challenger-Unglück gewesen, das ungeachtet aller vorangegangenen Unfälle mit tödlichem Ausgang bis auf den heutigen Tag die negativste raumfahrthistorische Zäsur markiert und alle bis dahin geleisteten Anstrengungen entsprechend relativiert.

Statistisch alle 145 Flüge eine Katastrophe

Dass nach wie vor über jedem Raumfahrtprojekt ein "tödliches" Damoklesschwert schwebt, dass die Gefahr einer Katastrophe wie vor über 16 Jahren sich trotz jeglicher Vorsichtsmaßnahmen nicht gänzlich ausschließen lässt, hat die NASA in ihren Berechnungen natürlich längst berücksichtigt. Danach, so lautet es in einem NASA-Dossier, sei davon auszugehen, dass bei den über hundert Transport- und Versorgungsflügen der Shuttle-Flotte, die nötig sind, um das ISS-Mammutprojekt und die dort lebende Besatzung über 10 bis 15 Jahre lang am Leben zu erhalten, sich mindestens ein weiterer schwerer Shuttle-Unfall ereignen wird. Statistisch gesehen muss damit gerechnet werden, dass nach 145 Flügen ein Desaster den Routinebetrieb erschüttert, das mit dem Challenger-Unglück vergleichbar ist.

Vielleicht erklärt dies, warum die NASA, die seit 1986 eine ausgeprägte Sensibilität für jegliche Art von technischen "Anomalien" - und seien sie noch so geringfügig - entwickelt hat, den für Mitte Juli geplanten Shuttleflug der "Columbia" jetzt kurzfristig abgesagt hat. Tunlichst darauf bedacht, auch nur jedes Risiko im Vorfeld auszuschalten, das eine ähnliche Katastrophe heraufbeschwören könnte, wie damals, als nach einem nur 73 Sekunden währenden Flug die siebenköpfige Challenger-Crew sterben musste, nur weil ein spröder Gummidichtungsring an der rechten Feststoffrakete das Austreten von Treibstoff und damit die verheerende Explosion ermöglichte, häufen sich bei der NASA in der letzten Zeit die Absagen bei Shuttle-Missionen - und dies nicht grundlos.

Denn ungeachtet der Tatsache, dass die Raumschiffe bestens gehegt und gepflegt sind, optimal gewartet und permanent modifiziert werden, kommt doch die Flotte so langsam in die Jahre. Gerade in der Raumfahrt fordert Alter seinen Tribut. Wohl deswegen entdeckten NASA-Techniker kürzlich beim Überprüfen der Leitungen im Treibstoffversorgungssystem gleich bei zwei Raumfähren, sprich bei der "Atlantis" und der "Discovery", geringfügige "Anomalien" in Form von haarfeinen Rissen, die zwar nur millimetergroß waren, dafür aber immerhin als derart gravierend eingestuft wurden, dass der für den 19. Juli 2002 vorgesehene Start der "Columbia" im Rahmen der STS-107-Mission vorläufig nicht stattfinden wird

Risse sind Sicherheitsrisiko

Glücklicherweise befinden sich die detektierten millimetergroßen Risse, die mit einem speziellen Diagnoseverfahren in 30facher bis 100facher Vergrößerung zutage traten, just in jenem Bereich der Raumfähre, in dem kein Hochdruck existiert. Obgleich nach Aussage eines NASA-Sprechers keine akute Gefahr bestand, dass die betroffenen Leitungen, die dem Transport von flüssigem Sauerstoff und flüssigen Wasserstoff dienen, deren Entweichen ermöglicht hätten, wäre ein Unfall nicht gänzlich auszuschließen gewesen. "Diese Risse könnten ein Sicherheitsrisiko darstellen und wir haben mehrere Gruppen, die sich intensiv mit der Problematik beschäftigen", so Shuttle-Programm-Manager Ron Dittemore

Das ist ein sehr komplexes Problem und wir sind erst ganz am Anfang unserer Untersuchungen. Daher gibt es zur Zeit mehr Fragen als Antworten. Unser Hauptinteresse ist erst einmal sämtliche Hardware zu inspizieren und festzustellen, wo es Risse gibt, dann herauszufinden warum sie entstehen konnten und welches Risiko sie darstellen.

Um zumindest auszuschließen, dass weitere haarfeine Risse vorliegen, muss jetzt der Shuttle-Antrieb wohl oder übel zerlegt werden, eine Prozedur, die mehrere Wochen in Anspruch nehmen dürfte. Bislang nannte die NASA zwar noch keinen neuen Starttermin; es kann aber davon ausgegangen werden, dass aufgrund dieser Verzögerung der "Columbia"-Flug erst im August über die Bühne gehen wird.

Wenigstens scheint die siebenköpfige Mannschaft, die jetzt wohl ein paar Wochen länger in den Startlöchern verweilen muss, noch guter Dinge zu sein. "We have had a fair number of slips through the course of our training but we've made good use of those," so der Originalton von Mission Commander Rick Husband. "This will be no different."

Näheres zu dem wissenschaftlichen Programm der STS-107-Mission NASA-Movieclips zur Challenger-Katastrophe

http://www.heise.de/tp/artikel/12/12836/1.html
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