Mediales Vergessen
Die Kommunikationstechnologien und das Gedächtnis der Gesellschaft
Die moderne Gesellschaft ist eine Gesellschaft des Vergessens, behauptet zumindest Elena Esposito. Der Luhmann-Schülerin sind die modernen Medien Maschinen, die seit Jahrhunderten besonders die Fähigkeit zur Auslöschung von Daten steigern. Ein Höhepunkt soll nun durch die Computermedien erreicht sein, die laut Esposito keine Inhalte, sondern nur noch Entscheidungen festhalten. Daraus folgt - einmal mehr - die Ankündigung einer medialen Revolution der westlichen Weltsicht, der Unterscheidungen wie Subjekt und Objekt oder Diesseits und Jenseits verloren gehen, was nebenbei den boomenden Markt für Esoterik erklären soll.
Dass zwischen den Kommunikationsmedien einer Gesellschaft und ihrer Fähigkeit, Dinge zu erinnern, ein Zusammenhang besteht, vermutet schon Platon im Phaidros-Dialog. Die Erfindung der Buchstaben werde - den Seelen der Lernenden Vergessenheit - einflößen, weil sie im Vertrauen auf die Speicherfähigkeit der Schrift das eigene Erinnerungsvermögen vernachlässigen könnten. Die italienische Soziologin Elena Esposito würde Platon wohl zustimmen, wenn auch ihr neues Buch Soziales Vergessen sich weder mit Menschen noch ihren Seelen, sondern allein mit kommunikativen Strukturen befasst, in denen Esposito das - Gedächtnis der Gesellschaft - findet. Die modernen Kommunikationsmedien, lautet ihr Credo, seien "Werkzeuge des Vergessens" - und auch die zunehmend "ausgefeilten Formen der Speicherung von Informationen" stellten "zuerst eine Form des Vergessens" dar.
Nur scheinbar kollidieren diese Diagnosen mit der Klage vom Informationsüberfluss, die zum Inventar der Moderne gehört und in der ebenso verzweifelten wie morbiden Behauptung des amerikanischen Medientheoretikers Neil Postman gipfelt, die Informationsflut sei "kulturelles Aids". Tatsächlich bedingen sich für Esposito Informationsüberschuss und Herrschaft des Vergessens gegenseitig, lässt gerade der Informationsstrom die Rhetorik der Erinnerung zunehmend hohl klingen. Der Jubel um stets gesteigerte Speicherkapazitäten, die gigantische Informationsmengen festhalten können, täusche zu unrecht vor, dem Erinnern zu dienen. Die Fähigkeit zur Aufbewahrung von immer mehr Daten führe nur zu einer desto schnelleren Überschreibung verwendeter Daten und damit effektiv zu ihrer Tilgung im kommunikativen Gebrauch.
Geschichte des gesellschaftlichen Gedächtnisses und "telematische Wende"
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Espositos eigentliches Interesse ist indes ein historisches, und so macht sie sich daran, auf gut dreihundertfünfzig Seiten scharfsinnig die Geschichte des "gesellschaftlichen Gedächtnisses" zu schreiben. Erinnert ist, was kommunikativ wiederholt wird, lautet die zentrale These, und: vergessen wird, was in der Kommunikation nur einmal vorkommt. Der Begriff des Gedächtnisses wiederum umfasst Erinnern und Vergessen und betrifft damit das Verhältnis von Wiederholung und Varietät. Dieses Verhältnis aber, erläutert die Soziologin, hat sich im Lauf von über zwei Jahrtausenden gewandelt. Lag in archaischen Gesellschaften mit begrenzter medialer Ausstattung der Akzent auf dem Festhalten einer begrenzten Zahl kommunikativer Beiträge, die bei minimaler Variation beständig wiederholt werden mussten, kippt es mit Buchdruck und Massenmedien zu Gedächtnisformen, die nur eine begrenzte Zahl abstrakter Themen wiederholend herausdestillieren, an denen eine Vielzahl beständig variierender Beiträge mit zunehmender Geschwindigkeit vorbeiströmt.
Ins Extrem gesteigert zeigt sich dieser Wandel erst seit der von Esposito ausgerufenen "telematischen Wende", dem Siegeszug der elektronischen Computermedien. Hier, lautet die These, ist das Vergessen gegenüber dem Erinnern bis an die Grenze des Denkbaren gesteigert. Im öffentlichen Bewusstsein wird das "Gedächtnis" des elektronischen Netzes zwar noch mit Begriffen aus der Buchkultur beschrieben. Besonders hartnäckig ist die Behauptung, das elektronische Netz sei ein großes "Archiv", in dem eine Anzahl von Beiträgen abgelegt sind, die mithilfe eines Katalogs gefunden werden können. Falsch, behauptet Esposito, sei jedoch diese Betrachtungsweise, denn der eigentlich revolutionäre Aspekt des Netzes sei gerade, keine festen Datensätze mehr aufzubewahren, wie dies in Bibliotheken noch der Fall ist.
Stattdessen erzeugten die telematischen Medien die zur Disposition stehenden Daten in ihren Rechenverfahren jeweils neu. Was die Computermedien schaffen, sei daher ein "Gedächtnis", das ein Repräsentationsmodell durch ein "authentisches performatives Modell" ersetzt.
"Der Computer verfügt nicht über statische Bilder, die für zukünftige Zwecke erinnert werden, sondern er konstruiert seine Objekte nach und nach."
Jede Suchanfrage, kann man exemplarisch sagen, ist einmalig und erzeugt Resultate, die es in dieser Form vorher nie gegeben hat. Festgehalten werden nur noch Entscheidungen und Verknüpfungen, nicht aber Inhalte. Die Wiederholung und damit die Erinnerung ist gegenüber der Varietät und dem Vergessen auf ein absolutes Minimum, fast bis zur Unsichtbarkeit, reduziert.
Telematische Medien und Revolution der westlichen Weltsicht
Die Steigerung des Vergessens durch die telematischen Medien nutzt Esposito, um eine - man wird im Kontext der Medientheorie sagen müssen: weitere - Ankündigung der Revolution der westlichen Weltsicht zu lancieren. Die Einmaligkeit jeder telematischen Rechenoperation bedeutet ihr eine genuine Interaktion zwischen Nutzer und Maschine, wie sie im klassischen Archiv noch nicht stattgefunden hatte, in dem Beobachter den Texten fremd gegenüberstanden. Nun werden Beobachter in die Oberflächenwahrheit der telematischen Medien eingesaugt, was in einem Kollaps jener Ebenenunterscheidungen resultieren soll, die eine Grenze zwischen Beobachter und Außenwelt ziehen: Subjekt und Objekt vor allem, sowie Diesseits und Jenseits.
Die Welt wird nach ihr eindimensional. Die moderne Gesellschaft nähert sich vergangenen Kulturen wie etwa der des antiken Griechenlands an, welche die Welt als beseelt und Wohnsitz auch der Götter begriffen, Kulturen also, die kein Außen der einen Welt kannten. Durch die telematischen Computermedien, vermutet Esposito, werden sich ähnlich bald die westlichen Unterscheidungen von Diesseits und Jenseits, Subjekt und Objekt in der einzigen Realität des telematischen Datenstroms auflösen.
Einen Beleg sieht sie im wieder erstarkten Interesse an religiösen und esoterischen Modellen, welche die (freilich: spirituell aufgeladene) eine Welt propagieren. Denken müsse man hier "nur an die Wiederaufnahme des Okkultismus seit den 70er Jahren, an die Verbreitung des Buddhismus und anderer östlicher Religionen im Westen, oder an Bewegungen wie New Age". Gerade weil den Nutzern telematischer Medien eine Orientierung verloren gehe, die sie selbst in Opposition zu etwas Anderem - den Texten, dem Jenseits - setzten, sei ein neues Interesse an Modellen bloßer "Immanenz" festzustellen.
Inkonsequent scheint dabei nur, dass das neue Modell der Immanenz am Beispiel einer archaischen Vergangenheit entwickelt wird, deren Darstellung zudem überaus konventionalisiert ist. Nicht nur die Avantgarde der Medientheorie, sondern auch die europäische Philosophie nämlich bezieht seit über zweihundert Jahren - wohl nicht immer in revolutionärer Absicht - Inspiration aus dem antiken Griechenland. Und schon Friedrich Schiller sehnte sich am Ende des 18. Jahrhunderts nach einer Welt zurück, in der Götter und Menschen neben einander existierten. Möglicherweise werden die von Esposito prognostizierten Entwicklungen daher trotz digitaler Medien noch länger auf sich warten lassen.
Elena Esposito: Soziales Vergessen. Formen und Medien des Gedächtnisses der Gesellschaft. Mit einem Nachwort von Jan Assmann. Frankfurt/Main (stw) 2002. Ca. 420 S. Preis: 14,00 E.
http://www.heise.de/tp/artikel/12/12874/1.html- sei froh wenn du alles wieder vergessen kannst ;) (owt) (18.7.2002 20:04)
- immer noch Ignorant (18.7.2002 10:04)
- Ansichtssache und kein falscher Ansatz (18.7.2002 9:57)
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