Von Enron lernen heißt siegen lernen

15.07.2002

Ist das Konzept der Ich-AG bisher missverstanden worden?

Die Ich-AG - ständig ist die Rede davon, aber kaum jemand hat eine konkrete Vorstellung, wie dieses Buzzword inhaltlich ausgefüllt werden soll. Da heißt es erst mal: das Problem in seine Einzelteile zerlegen und sich fragen "Was macht eigentlich eine AG?"

Eine AG ist eine Aktiengesellschaft. Die derzeit bekanntesten Aktiengesellschaften sind die Deutsche Telekom AG, die Kirch New Media AG, Enron und WorldCom. Sehen wir uns also an, was diese AGs so auszeichnet:

Beginnen wir mit Enron und WorldCom. Die beiden AGs sind dadurch aufgefallen, dass sie ihre Bilanzen (also das Äquivalent zum "Antrag" auf dem Arbeits- oder Sozialamt) "kreativ" ausfüllten und nicht - wie der unkreative deutsche Durchschnittsarbeitslose - "ordentlich" und "wahrheitsgemäß." Erster Schluss: Der Arbeitslose kann und muss als Ich-AG "kreativer" sein und in seinen Anträgen beispielsweise 10 Kinder angeben. Die Union hat schon angekündigt, das Kindergeld auf 1200 Mark (Vulgo: 600 Euro) erhöhen zu wollen und damit Anreize hierfür zu schaffen. Das ist echte Hilfe zur Selbsthilfe: So kann sich jeder Arbeitslose am eigenen Staat wieder aus der Misere ziehen.

Sehen wir uns das nächste Beispiel an: Die deutsche Telekom AG. Die verbuchte in kurzer Zeit einen Wertverlust, der dem Schweizer Bruttoinlandsprodukt entspricht und hat soviel Schulden wie Neuseeland. Trotzdem erhöhte sich der Vorstand dieses Jahr selbst die Bezüge um 90%. Da fragt man sich: Wie geht das eigentlich? Die Telekom machte das mit - Zitat BR Rundschau - Sendung vom 14. Juni; 18.45-19. h. etwa bei 6 Minuten "Drückerkolonnenführer Manfred Krug", der 13 Millionen vertrauensselige Omis betörte und sie dazu brachte, ihm (oder der AG, die er verkörperte) für "Anteilsscheine" Geld zu geben. Auch hiervon könnten Arbeitslose lernen. Wenn man ihnen - wie den Parteien zur Wahl oder n-tv der Telekom - kostenlose Werbezeit im Fernsehen gibt, könnten auch sie sich selbst über den grünen Klee loben und danach unbegrenzt Anteilsscheine - z.B. an ihrer Seele - verkaufen.

Auch in einem anderen ganz wichtigen Punkt können Arbeitslose von der DTAG lernen: Die Behandlung auf den Arbeits- und Sozialämtern ist oft entwürdigend: Lange Wartezeiten, Beamte die ihre Umgangsformen aus amerikanischen Gefängnisfilmen gelernt haben, Köpenickiaden und mehr Bürokratie als sonst irgendwo. Einer Ich-AG könnte es der Gesetzgeber erlauben, diesen Prozess so bequem zu handhaben, wie Telefonfirmen das tun. Also: nicht mehr demütigend beim Arbeitsamt anstellen und Formulare ausfüllen, sondern sich das Geld selbst nach Gusto abbuchen und dem Beamten dann eine 0180- oder 0190-Beschwerdenummer geben, auf es nur eine Warteschleife zu hören gibt. Sollte es das Arbeitsamt dann tatsächlich schaffen, sich zuviel abgebuchte Beträge wiederzuholen, hat man immer noch das Geld aus der 0190-Nummer. Den Vorgang wiederholt man natürlich jeden Monat.

Von der Kirch New Media AG kann der fortgeschrittene Arbeitslose, der vielleicht schon vor dem Sprung zum Sozialhilfeempfänger steht, lernen, wie man auch in der Pleite nicht darben muss. Will sich das Sozialamt oder der Gerichtsvollzieher Auto, Häuschen oder Computeranlage unter den Nagel reißen? Für die Ich-AG kein Problem: Sie macht's wie Kirch und sagt ihren Gläubigern einfach, dass all die Sachen einer anderen AG vom gleichen Ich gehören, die in der Schweiz registriert ist, und mit der insolventen Ich-AG nichts zu tun hat. So lassen sich auch Schizophrene wieder gut ins Wirtschaftsleben integrieren.

Eigentlich also eine tolle Sache, so eine Ich-AG. Jetzt muss nur noch der Gesetzgeber handeln und die Sozialbetrugskontrollen auf Börsenaufsichtsniveau herunterschrauben.

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