Tote Hose in der Community

Ernst Corinth 16.07.2002

Auch mit Moos ist oft nichts los

Manchmal traut man seinen eigenen Ohren nicht: Da klingelt also vor gut einem Jahr das Telefon. In der Leitung ist Herr X, der das Internet-Portal für die wichtige gesellschaftliche Gruppe Y ins Leben gerufen und dafür jede Menge an Geld vom Staat bekommen hat. Und Herr X bitte nun seinen zwar freien, aber ständigen Mitarbeiter dieser wichtigen "Community" doch am morgigen Experten-Chat teilzunehmen. "Es hat sich nämlich keiner angemeldet", sagt er. Und das wäre peinlich für ihn und für den eigens engagieren Experten.

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Ein vermutlich gar nicht so untypischer Vorfall. Viele der virtuellen Treffpunkte für Schwule, Kunstschaffende, Frauen oder Briefmarkensammler dümpeln halt vor sich hin. Nur wenige aus der erhofften Zielgruppe nutzen sie, das Angebot wird im Lauf der Zeit immer dürftiger und die veröffentlichten Termine sind von vorgestern. So ähnlich erging es auch beispielsweise dem hannoverschen NaNaNet, das als so genanntes Bürgerinformationsnetz bereits 1995 gegründet wurde - unter der Beteiligung zahlreicher sozialer und kultureller Einrichtungen.

Anfangs ­ als das Internet noch in jedem zweiten Mund war ­ war das zumindest für und in den Medien ein echter Knaller. Obwohl kaum ein Bürger etwas von seinem Bürgerinformationsnetz merkte und auch die Bürgerinnen augenscheinlich etwas Besseres zu tun hatten. So schlummerte das NaNaNet langsam ein, um nach Jahren des Dornröschenschlafs im Sommer 2001 plötzlich wieder wachgeküsst zu werden. Die Rolle des Prinzen spielte routiniert der hannoversche Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg, der kann nämlich so etwas. Und bei dem offiziellen Neustart der Netzseiten drückte er nicht nur auf den obligatorischen Startknopf, sondern sagte der Initiative jährlich 60.000 Mark an städtischer Unterstützung zu.

Das klang gut. Und das mit dem Startknopf, der in Wirklichkeit eine simple Computermaus war, war natürlich ein Pressefoto wert. Doch wer nun - fast genau ein Jahr später - dort online vorbeischaut, muss feststellen, dass die dornige Rosenhecke rings um das Bürgerinformationsnetz inzwischen wieder mächtig gewachsen ist. Und wer ganz genau hinhört, der vernimmt sogar das leise Schnarchen einer Prinzessin.

Schon auf der Startseite wundert man sich als Hannoveraner, dass ausgerechnet das hannoversche Theater im Künstlerhaus als "neue Seite" präsentiert wird. Obwohl dort dank kommunaler Sparmaßnahmen leider seit Wochen schon nichts mehr auf der Bühne geschieht und wohl auch nichts mehr geschehen wird. Im NaNaNet-Gästebuch steht kaum ein Eintrag. Und die diversen Foren, in denen die ­ wie es hier fraulich-korrekt heißt ­ NutzerInnen diskutieren oder Informationen austauschen können, sind gähnend leer. Die meisten der eh kaum vorhandenen Beiträge stammen zudem aus dem vergangenen Jahr. Und schon fast unfreiwillig komisch ist beispielsweise das Forum zur Kommunalwahl 2001, das am 2. Juli mit folgendem Aufruf eröffnet wurde: "Im September ist in Hannover Kommunalwahl und Wahl der/des RegionsPräsidentin/en. Wie ist die Stimmung der WählerInnen und Wähler? Ein Austausch hier im Forum wäre schön..."

Auf diesen flammenden Appell antwortete am 7. Juli 2001 ein Herr "NoSleep" mit der Bemerkung, dass er eigentlich gar nicht zur Wahl gehen wollte, nun aber doch hingehen müsste, weil er just per Brief zum Wahlvorstandsmitglied berufen worden sei. Es erwischt eben immer die Richtigen. Und der dritte und letzte Beitrag in dieser kontroversen Diskussion stammt von einer grünen Kommunalpolitikerin, die das Forum nutzte, um ein wenig Werbung für ihre Homepage zu machen. Ganz schön clever...

Ähnlich verschlafen wie die Foren schauen dann leider auch oft die Seiten der kooperierenden Initiativen und Einrichtungen aus. Zwar gibt es durchaus aktuelle Angebote und Informationen, doch immer wieder stößt man auf Karteileichen und auf Termine, die vor genau vier Jahren aktuell gewesen sind. Aber vielleicht schaut ja bald mal wieder ein Prinz vorbei, um das Dornröschen "NaNaNet" erneut wachzuküssen. Mit einem Sack voll Geld. Mit ein paar neuen Ideen. Oder er lässt es einfach weiter schnarchen.

http://www.heise.de/tp/artikel/12/12890/1.html
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