Verbände protestieren gegen Jugendschutzgesetzgebung

Stefan Krempl 11.07.2002

In einem Brief an die Ministerpräsidenten beklagen dmmv, eco und VATM gemeinsam die drohende Überregulierung durch den Jugendmedienschutz-Staatsvertrag

In einem Brief an die Ministerpräsidenten der Länder, der Telepolis vorliegt, untermauern der Deutsche Multimedia Verband (dmmv), der Verband der deutschen Internetwirtschaft eco sowie der Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten (VATM) gemeinsam ihre Bedenken gegen den geplanten Jugendmedienschutz-Staatsvertrag (JMStV).

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Als besonders problematisch betrachten die verbündeten Verbände die nicht sachgerechte Definition des Begriffs "Anbieter" von Telemedien. Sie befürchten, dass nach dem jetzigen Wortlaut auch Zugangsanbieter "zur Gewährleistung und Durchsetzung der Maßnahmen des Jugendschutzes verpflichtet" wären - obwohl diese lediglich Datenpakete transportieren, deren Inhalte sie nicht kennen. Betroffen wären auch Host-Provider wie 1&1 Puretec, die einem Millionenpublikum ohne inhaltliche Nachfragen den benötigten Speicherplatz für fremde Inhalte zur Verfügung stellen. Die undifferenzierte und unverhältnismäßige Inanspruchnahme Provider widerspreche den anerkannten Verantwortlichkeitsregeln, wie sie etwa im Teledienstegesetz (TDG) oder der Richtlinie über den elektronischen Geschäftsverkehr der EU vorgesehen sind.

In einer Anlage zu dem Schreiben dringen die Verbände daher auf eine gesetzliche Klarstellung, wie sie Netzexperten der rot-grünen Fraktion "zumindest ansatzweise" noch in das bereits verabschiedete Jugendschutzgesetz des Bundes eingefügt hatten.

Die Geschäftsführer der drei Verbände, die den Brief unterzeichnet haben, bitten die Ministerpräsidenten, den Entwurf "noch einmal grundlegend für den Bereich der 'Telemedien' zu überarbeiten." Verbunden ist der Wunsch mit der nachdrücklichen Warnung, dass der Staatsvertrag nicht zu realisierende Anforderungen normieren würde. Das Machwerk der Länder, bei dem sich die Wirtschaft im Gegensatz zur Bundesgesetzgebung 16 Verhandlungspartnern gegenüber stehen sieht, wird von den Ministerpräsidenten gerade abschließend beraten. Es soll gemeinsam mit dem Pendant der Bundesregierung baldmöglichst in Kraft treten. Protest eingelegt hatten Verbände auch bereits gegen die von den Ländern geforderte "Zertifizierung" von Selbstkontrolleinrichtungen.

Auf einem Workshop hatten sie eigene Lösungsvorschläge präsentiert, die sich vor allem auf die Filtertechnik der Internet Content Rating Association (ICRA) konzentriert. Die Wirtschaft muss sich bei diesem Ansatz allerdings ebenfalls mit unterschwelligen Zensurvorwürfen auseinandersetzen. Zudem erfüllt ICRA noch nicht alle im JMStV enthaltenen Vorschriften im Wortlaut, da die Filterklassifizierung keine Einteilung der Inhalte in Altersgruppen vorsieht.

Mehr zum Thema Jugendschutzgesetzgebung in der aktuellen c't, Nr. 14/2002.

http://www.heise.de/tp/artikel/12/12894/1.html
Kommentare lesen (6 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Jugendschutz nach Erfurt: das dicke Ende kommt noch

Der Gesetzesentwurf zum Jugendschutz aus dem Familienministerium gibt nur einen Vorgeschmack auf die eigentliche Netzregulierung

Internet für alle oder Internet für Sechsjährige?

Bund und Länder starten zum Wohle der Jugend einen neuen Anlauf im Kampf gegen nacktes Fleisch in den Telemedien

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS