Lullen Computerspiele ein oder fördern sie kognitive Leistungen?
Ein japanischer Forscher will bei starken Spielern einen chronischen Rückgang der Betawellen im Gehirn festgestellt haben
Jetzt geht es den Computerspielern an den Kragen. Sie sind nicht nur mit "Training fürs Massaker" beschäftigt, verrohen also und verlieren die Unterscheidungsmöglichkeiten zwischen Realität und Simulation, nach einem japanischen Wissenschaftler besteht überdies auch noch die Gefahr, dass sie mehr oder weniger verblöden. Angeblich sinken bei langem Spielen vor den Bildschirmen die Alpha-Wellen - bei Vielspielern auch dauerhaft. Übrig bleibt die entspannende Trance beim Dösen in den Alphawellen.
Daraus lässt sich natürlich wie beim Spiegel eine Story mit dem aufmerksamkeitsheischenden und zugleich ein wenig koketten Titel Zu viel Daddeln macht doof machen: "Wir haben es immer geahnt, jetzt ist es amtlich. Vor Bildschirmen kann man verblöden, sagt eine aktuelle japanische Studie."Und weil das von einem Wissenschaftler kommt, wird die Geschichte aus der japanischen Zeitung Mainichi mehr oder weniger 1:1, wenn auch mit weiteren selbsterfundenen leichten Übertreibungen, übernommen und nicht einmal auch nur kurz hinterfragt. Überzeugend scheint zu sein, dass "die japanischen Forscher mit Argumenten (kommen), denen schwerer zu widersprechen ist als bloßen Gutachten: Sie kommen mit Messergebnissen". Sie haben nämlich die "Hirnaktivitäten" untersucht - und das auch noch von "240 Menschen zwischen 6 und 29 Jahren". Da muss also etwas dran sein, auch wenn noch nicht einmal erwähnt, wie denn die Hirnaktivität gemessen wurde. Vermutlich mit dem EEG, wie sich aus dem Artikel der japanischen Zeitung erschließen lässt. Und das weist schon einmal darauf hin, dass die Messung, verglichen mit anderen Möglichkeiten, relativ grob erfolgt.
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Doch schon die Quelle dieser sicherlich eigentlich beachtlichen Meldung sollte ein wenig stutzig machen. Mainichi ist nun nicht gerade ein Blatt für das Seriöse, sondern eher für das Spektakuläre. Hoch im Kurs und auf der Titelseite stehen hier Artikel wie "Sexist shops slam doors on men", "Man who fired gun at truck hits woman's finger", "Teen dad brutally bashes infant daughter", "Theft of single beer earns man 6-month jail term" oder anderee mehr oer weniger schreckliche Ereignisse aus dem Alltag. Natürlich gibt es aber auch noch andere Nachrichten, so dass aus diesem Kontext selbst noch nichts geschlossen werden kann.
Starke Spieler sollen auch nach dem Spielen kaum zur Betawellen-Aktivität des Gehirns auftauchen
Der Forschungsergebnisse selbst werden von Akio Mori von der Nihon University erst im Herbst vorgestellt. Das Team von Mori hat die Hirnaktivität der Versuchspersonen offenbar vor, bei und nach dem Spielen mit dem EEG gemessen und nach dem Verhältnis von Alpha- und Betawellen analysiert. Alphawellen zwischen 5 und 12 Hz dominieren im entspannten Wachzustand, bei geschlossenen Augen oder kurz vor dem Einschlafen. Theta- und Deltawellen beginnen unter 7 Hz und kennzeichnen tiefe Entspannung, Einschlafen und Tiefschlafphasen. Wichtig scheint der durch Alphawellen charakterisierte Zustand auch für Gedächtnisleistungen zu sein. Betawellen zwischen 13 bis max. 40 Hz gehen mit bewusster Aufmerksamkeit einer und treten vor allem in den sensomotorischen Arealen auf.
Bei den starken Spielern, die täglich zwischen zwei und sieben Stunden spielen und daher möglicherweise schon zur Sucht neigen, würden "konstant" die Betawellen gegen Null gehen, selbst wenn sie nicht spielen. Das sind die Versuchspersonen, die sagen, dass sie leicht ärgerlich werden, sich nicht konzentrieren können und Schwierigkeiten haben, Freundschaften zu schließen. Die Versuchspersonen mit normaler Gehirnaktivität spielen hingegen kaum, und selbst wenn sie dies machen, verändert sich die Dominanz der Betawellen kaum. Wer ein mittlerer Spieler ist und wöchentlich drei oder vier Mal zwischen einer und drei Stunden spielt, zeigen nach Mori vor dem Spiel eine etwa gleich starke Aktivität von Beta- und Alphawellen. Haben sie aber mit dem Spielen einmal begonnen, würden die Betawellen schnell zurückgehen und ebenfalls dem Alphawellen-Entspannungs- oder Trancezustand Platz machen. Dann kennt Mori noch eine etwas obskur klingende Gruppe von Versuchspersonen, die an visuelle Stimulation, wie sie vom Fernsehen ausgehen, gewöhnt seien. Die sind offensichtlich, auch wenn nicht interaktiv tätig, sondern nur passive couch potatoes sind, in Gefahr, schnell ähnliche Gehirne wie die starken Videospieler zu entwickeln.
Huhn oder Ei?
Nach der Zeitung oder nach Mori heißt die Schlussfolgerung, "dass Menschen, je länger sie Videospiele spielen, desto geringere Aktivität in der präfrontalen Region ihres Gehirns zeigen". Das würde zudem zu einem chronischen Zustand, der sich auch nicht in den Phasen des Nicht-Spielens verändert. Überhaupt aber würden die Videospiele nur die motorischen und visuellen Areale beschäftigen und "einen Rückgang der gedanklichen Prozesse verursachen".
Am Auffälligsten springt gerade bei dieser Interpretation ins Auge, dass immer nur von Videospielen allgemein die Rede ist. Aber Ego-Shooter beanspruchen sicherlich andere kognitive Strukturen wie Sport-, Denk-, Adventure- oder komplizierte strategische Simulationen. Ganz entscheidend dürfte auch sein, ob alleine oder mit mehreren gespielt wird, wie die Interaktivität und die Grafik gestaltet ist etc. Ohne weitere Differenzierung gleicht die Aussage etwa der, dass Musik allgemein aufputscht oder einschläfernd bzw. entspannend wirkt. Interessant wäre natürlich auch gewesen, ob sich das bei Männern und Frauen unterscheidet oder ob altersunabhängig Sechsjährige gleich wie Menschen reagieren, die über 20 Jahre alt sind.
Selbstverständlich ist auch mit einer Korrelation, wie sie Mori festgestellt hat, noch keineswegs geklärt, ob die starken Spieler aufgrund ihres eher durch geringe Aktivität von Betawellen charakterisierten psychischen Zustand zu exzessiven Spielen neigen oder ob die lange Beschäftigung mit Spielen einen chronischen Rückgang bewirkt. Dazu müsste man beispielsweise wissen, wie die Gehirnaktivität vor der Beschäftigung mit Computerspielen war oder ob sich gehirnverändernd niederschlägt, wie lange und ab welchem Alter die Menschen spielen. Ähnliche Beobachtungen ließen sich auch bei Menschen mit starkem Fernsehkonsum machen. Diese beschreiben sich öfter als ängstlicher und weniger glücklich als Menschen, die wenig fernsehen. Überdies sind sie schneller gelangweilt, leichter ablenkbar und weniger konzentrationsfähig. Natürlich machen sie auch sonst weniger. Fernsehen wird als beruhigend beschrieben, tatsächlich ist das Gehirn dabei auch weniger aktiv, d.h. die Alphawellen-Aktivität ist höher als etwa beim Lesen. Doch inwiefern ist passives Fernsehen mit (inter)aktivem Computerspielen vergleichbar?
Von Auswirkungen auf die Nerven
Manchmal berichten Kinder, dass sie nach langem Spielen nicht nur müde sind, sondern ihnen auch schwindlig oder schlecht ist, sie offenbar also mit Orientierungsproblemen zu kämpfen haben, die im Abgleich zwischen der Bildschirmwelt und der äußeren Welt auftreten, in der sich der Körper befindet. Übelkeit kann auch durch schnelle Bewegungen auf dem Bildschirm auftreten. Schnell aufblitzende Lichter können wie 1997 bei einer Fernsehsendung geschehen epileptische Anfälle auslösen, aber auch das ist nicht für Computerspiele spezifisch.
Um die Ergebnisse eines solchen Experiments tatsächlich vernünftig einschätzen zu können, sind genauere Angaben über die Versuchsbedingungen und die erhobenen Daten notwendig. So hat eine der ersten Langzeitstudie über die Auswirkungen des Fernsehkonsums auf aggressives Verhalten beispielsweise zeigen können, dass Heranwachsende, die täglich mehr als eine Stunde vor dem Fernsehen sitzen, eher zur Gewalt neigen als die stärker TV-Abstinenten, aber auch hier konnte keine Kausalität nachgewiesen werden (Schon eine Stunde Fernsehen täglich fördert die Aggressivität). Nach einer britischen Studie aus dem letzten Jahr sollen Computerspieler aber auch eine bessere Konzentration und Koordination als Nichtspieler aufweisen (Computerspieler sind die klügeren Menschen). Auch bei Wahrnehmungstests hatten Computerspieler einen Vorteil (Wer sich früh übt ...). Und zur Steigerung der Konzentrationsfähigkeit lassen sie sich auch einsetzen (Computerspiel mit Hirnströmen steuern).
Vermutlich also wird es eine einfache Erklärung für derart komplexe Zusammenhänge, wie sie für Mediennutzung und ihre Auswirkungen bestehen, kaum jemals geben. Dass Medien jeder Art unsere Gehirne beeinflussen, sie stimulieren und massieren, dürfte freilich ebensowenig von der Hand zu weisen sein. Mori meint ein wenig hausbacken, was für alle Medien, für jede Kunst und alle Spiele zutreffen kann, dass Computerspiele die "Anspannung und das Gefühl der Angst" steigern, was sich möglicherweise auf die "Nerven" auswirken könnte. Sein Rat, dass das Spiel draußen während der Kindheit besser sei, als drinnen vor dem Bildschirm bei Videospielen zu sitzen, ist sicherlich richtig. Dass aber immer mehr Kinder Zuhause spielen, hat sicherlich nicht nur mit der Existenz von Computerspielen zu tun.
http://www.heise.de/tp/artikel/12/12895/1.html- Lullen Computerspiele ein oder fördern sie kognitive Leistungen? (6.9.2002 13:29)
- Verblöden Telepolisartikel, oder machen sie und superklug? (15.7.2002 16:09)
- ACK (15.7.2002 12:20)
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