"Ich bin der Chirurg mit dem Taschenrechner in der Hand"

Michaela Simon 26.07.2002

Schönheit aus dem Geodreieck?

Steven G. Krantz unterrichtet Mathematik an der Washington University und wird demnächst, so Pythagoras will, märchenhaft reich werden, denn er beabsichtigt, mithilfe von Wavelet-Analyse die rekonstruktive Chirurgie zu revolutionieren.

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Tatsächlich will er noch viel mehr, nämlich eine Welt schaffen, in der physische Schönheit reine Mathematik ist.

Wavelet ist ein modernes mathematisches Verfahren für Signalverarbeitung, Objekterkennung und Bildkompression, welches Signale in Komponenten zerlegt, die eine genaue Analyse ermöglichen. Es wird eingesetzt in Geophysik, Astronomie, Informatik, Fernerkundung, Erdbeobachtung....und Schönheitsquantifizierung.

Krantz' Werkzeugkasten beinhaltet einen dreidimensionalen Scanner und eine ausgeklügelte Grafiksoftware, die ein Gesicht analysiert, Eingriffe vorschlägt, deren Vor- und Nachteile abwägt und das Ergebnis evaluiert. Schönheit quasi aus dem Geodreieck. Die optimale und einzig gültige Formel für das schönste Gesicht ist noch nicht da. Aber Krantz nähert sich ihr unaufhaltsam.

Mithilfe seines Scanners verwandelt er das Gesicht eines Patienten in ein feines Gitter, das aussieht, als bestünde es aus ganz vielen Dreiecken, die zusammen und ineinander gesteckt die Form des Gesichtes mit seinen charakteristischen Kurven und Linien bilden. Anhand dieses Gitters entspinnen sich nun die "Waveletschen" und differentialgeometrischen Berechnungen, die Nase, Mund, Augenbrauen etc. analysieren und nach dem Check verschiedene Szenarien etwaiger Veränderungen durchspielen. Die verschiedenen Teile des Gesichts werden zu eigenständigen Einheiten, die man beliebig kombinieren kann. Und Krantz wäre nicht Mathematiker, wenn er das Plus-und Minus-Rechnen nicht noch mal ganz plastisch erwähnt hätte. Er spricht nämlich davon, man könne ein Gesicht von einem anderen substrahieren, um ein neues zu bekommen.

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, ist dem Tode schon anheimgegeben, Wird für keinen Dienst der Erde taugen, Und doch wird er vor dem Tode beben, Wer die Schönheit angeschaut mit Augen!

"Eines unserer ältesten Ziele ist es, Schönheit zu quantifizieren", so Krantz. Ddamit hat er recht, die plastische Chirurgie ist etwa so betagt wie die Schokolade, die sie manchmal erstrebenswert macht (vgl. Eieiei van Houten), nämlich 2.600 Jahre alt. Wenn man sich an den Pfusch erinnert, der noch vor fünf Jahren angerichtet wurde, möchte man darüber aber lieber nichts genaues wissen. Krantz weiter:

Unser Ziel ist es, einem Gesicht eine Matrix oder eine Punktezahl zu geben, um genau messen zu können, wie schön es ist. Dabei sind Symmetrie und Balance sicherlich Parameter, aber andererseits hat man ja auch fest gestellt, dass oft Asymmetrie oder Unregelmäßigkeiten Schönheit ausmachen.

Geben Sie es zu, Herr Krantz, dieser letzte Satz war doch nur für die Presse.

http://www.heise.de/tp/artikel/12/12972/1.html
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