Der Castro Afrikas

07.08.2002

Ein ehemaliger US-Abgeordneter behauptet, die USA hätten 1961 den Prime Minister des Kongos ermordet

Die Amtszeit von Patrice Lumumba, dem einzigen demokratisch gewählten Führer Kongos, währte nicht lange: ganze 67 Tage. Der Mann hatte sich seit seiner Amtseinführung nur Feinde gemacht. Erst bei der alten Kolonialmacht Belgien. Als ein Sprecher Belgiens am Tage der Machtübergabe 1960 während der feierlichen Zeremonie verkündete, die Unabhängigkeit Kongos sei "dem Genius des [belgischen] Königs" entsprungen, mischte sich der neu gewählte Prime Minister unaufgefordert ein und erklärte, das sei nun genug der sarkastischen Beleidigungen: "We have seen our lands despoiled under the terms of what was supposedly the law of the land, but which only recognised the right of the strongest.... We will make sure that our country's land truly benefits its children."

Nicht gerade die feine Diplomatie. Lumumba machte sich aber auch einige Feinde unter seinen Landsleuten - nämlich bei denen, die sich viel persönlichen Profit von einer Zusammenarbeit mit der alten Kolonialmacht versprachen. Und diese haben Lumumba nicht nur aus seinem Amt gejagt, sondern - weil er immer noch unter den meisten Kongolesen beliebt war - schlussendlich ermordet. Den USA und den Kolonialmächten (allen voran Großbritannien und Belgien) kam sein Verschwinden sehr entgegen, denn Lumumba galt als "Castro Afrikas" und wurde auch unter US-Geheimdienstlern "Lumubavitch" genannt. Eisenhower selbst soll gesagt haben, Lumumba solle in einen Tümpel voller Krokodile fallen. Man warf den Westmächten vor, nichts gegen den Mord unternommen zu haben, aber mehr nicht.

So weit die offizielle Geschichte, die bis 1999 erzählt wurde. Denn in jenem Jahr veröffentlichte ein belgischer Soziologe Ludo de Witte ein Buch mit dem Titel "De moord op Lumumba" (deutsch: Regierungsauftrag Mord), das einen Skandal in der alten Metropole auslöste. De Witte brachte alte geheime Dokumente ans Licht, die nicht nur die Verstrickung, sondern sogar die Mitverantwortung Belgiens am Attentat bewies: Codewort "Operation Barracuda". Zum selben Schluss kam auch ein Jahr später das Enquete-Kommittee des belgischen Parlaments, das auf die Vorwürfe in de Wittes Buch reagieren musste. Unter anderem gibt es ein Telegramm von 1960 aus dem belgischen Außenministerium in Brüssel mit dem Befehl, die "élimination definitive" Lumumbas durchzuführen. Mittlerweile gibt sogar ein noch lebender, ehemaliger belgischer Kolonialpolizist offen zu, mit seinen Männern die Leiche Lumumbas in Stücke gesägt und in Säure aufgelöst zu haben, um die "Beweise" zu vernichten.

We did things an animal wouldn't do.

Doch de Witte fand auch einige Hinweise, die auf eine direkte Zusammenarbeit mit den USA und der UK hindeuten, wenn sie auch damit nicht zweifelsfrei beweisen ist. So soll der britische Außenminister Lord Home gegenüber US-Präsidenten Eisenhower die Möglichkeiten erörtert haben, Lumumba "loszuwerden" - und das Wochen nach dem Putsch.

Nun behauptet Stephen Weissman, Leiter des Ausschusses für Afrika im US-Abgeordnetenhaus zwischen 1986 und 1991, Beweise für die Mittäterschaft der USA gefunden zu haben: Codewort "Project Wizard". Die Behauptungen sind vernichtend. Kurz: Die USA haben das Attentat zusammen mit dem Präsidenten Kongos und General Mobutu (der das Land anschließend jahrzehntelang zusammen mit den Westmächten ausbeutete) geplant, koordiniert und ausgeführt. Das CIA bestach führende Politiker und Militärs im Kongo und organisierte eine "freundlichere" Folgeregierung.

Leider sind alle Dokumente, die Weissman gefunden hat, noch geheim. Die Geheimhaltung seitens der US-Regierung verhindert eine vollständige Aufklärung, und die tut not, denn es kursieren widersprüchliche Berichte: z.B. berichtete BBC 2001, dass Washington das "Zahnpasta-Attentat" an Lumumba zugegeben habe: Schon bevor Kongo in die Freiheit entlassen worden war, soll seine Zahnpasta von der CIA vergiftet worden sein, aber das Attentat misslang. Es lassen sich jedoch keine anderen Berichte dazu finden, und auch Herrn Weissman ist ein solches Geständnis nicht bekannt.

Herr Weissman sagte gegenüber Telepolis, dass man nun Druck auf die US-Regierung machen müsse, damit die Wahrheit ans Licht kommt. Das scheint unwahrscheinlich, nicht nur weil die Bush-Regierung die Geheimnistuerei liebt, sondern weil keine US-Regierung, egal welcher Couleur, zugeben will, dass sie - entgegen aller Rhetorik - die Demokratie aktiv verhindert, um an Ressourcen anderer Länder zu kommen. Das würde sonst - wie im aktuellen Falle Belgiens - nur dazu führen, dass man eine Wiedergutmachung fordert.

Auch Reagan hat Mitte der 80er nicht zugeben wollen, dass seine Regierung die demokratische Regierung in Nicaragua gestürzt hatte, als der Weltgerichtshof dies feststellte. Außerdem wäre die Liste der Wiedergutmachungen zu lang: 1953 im Iran, 1954 in Guatemala, 1964 in Brasilien, 1965 in Indonesien, 1967 in Griechenland, 1973 in Chile, 1974 in Zypern. Telepolis-Leser mögen die Liste in den Kommentaren fortführen ...

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