Das ist ja der Hummer!

Michaela Simon 31.07.2002

Warum er errötet, wenn es heiß wird

Nach fünfzig Jahren Rätseln und Grübeln um die Verfärbungen des wohlschmeckenden Kiemenatmers ist die Wissenschaft nun einen Schritt weiter. Britische Forscher konnten herausfinden, warum der Hummer rot wird, wenn man ihn in den Topf wirft.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

In der US-Zeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) warten sie mit erstaunlichen Erkenntnissen auf:

Das Lobster-Geheimnis verbirgt sich in dem Protein Beta-Crustacyanin (Crusta wie Kruste, kann man sich gut merken). Bläulich-schwarz ist das Krustentier, weil sich das Beta-Crustacyanin mit dem Molekül Astaxanthin aus der Gruppe der Carotenoiden verbindet und das ursprünglich orangenfarbene Astaxanthin durch die Bindung seine Lichtabsorption verändert. Leuchtend rot wird der Meeresbewohner erst, wenn sich die Struktur des Beta-Crustacyanin durch die Hitze verändert und das Astaxanthin dadurch nicht mehr andocken kann. Das "weggedrückte" Orange-rot kommt mit dem frei gewordenen Molekül wieder zum Vorschein.

Bei dieser Gemeinschaftsarbeit des Londoner Imperial College, der University of Manchester, des Daresbury Laboratory und der Royal Holloway University knackten die Wissenschaftler die Struktur von Beta-Crustacyanin, indem sie es extrahierten und im Labor wunderschöne blaue Kristalle züchteten. Diese neue Entdeckung ist nicht nur ergötzlich, sondern sie könnte auch nützlich werden: Astaxanthin, ein hochwirksames Antioxidant könnte zum Beispiel in der Krebsbehandlung als Lieferant für nicht wasserlösliche Medikamente dienen. Auch in der Färbung von Lebensmitteln und Blumen stehen bisher ungeahnte Möglichkeiten ins Haus. Hummerfarbene Lilien, hummerfarbener Kartoffelbrei...

Das Schalentier, dem man beim Essen am besten mit der Kombizange zu Leibe rückt, ist nicht nur in Feinschmeckerkreisen, sondern auch in Forscherrunden sehr beliebt. Ähnlich wie die nicht ganz so leckeren Fruchtfliegen tun Hummer nämlich die merkwürdigsten Dinge: Die Zehnfüßer "reden" mit der Blase, das heißt sie signalisieren mit ihrem Urin, welche Stellung in der Dominanzhierarchie sie innehaben, ihre Geruchsantennen sind Vorbilder beim Bau von Robotern und wenn sie mit den fleischigen Enden ihrer Tentakel an der harte Schale kratzen, entsteht derselbe Reibungsmechanismus, der auch in einer Geige Vibrationen hervorruft - mit dem Unterschied, dass ein Hummerorchester kratzende, krächzende und ächzende Geräusche hervorbringt. Unerschrockene Forscher haben es mit dem Unterwassermikrofon mitgeschnitten. Ihren Zweck erfüllt die Hummervioline: natürliche Feinde wie Haie trollen sich, nur die menschlichen Hummerfresser wollen nicht hören, auch dann nicht, wenn sie den Krebs kopfüber ins kochende Wasser tauchen und seinem drei- bis fünfminütigen (so tierschutzonline.de) Todeskampf beiwohnen, bei dem er angeblich in den höchsten Tönen (zu hoch für uns) schreit.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13008/1.html
Kommentare lesen (64 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen
Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Abgefahren

Auch der endgültige Stillstand gehört zur Dromologie

bilder

seen.by


TELEPOLIS