Gossip am Dot-Com-Friedhof

Brigitte Zarzer 04.08.2002

FuckedCompany startet eine neue Domain mit entlarvenden internen Mails

Amerika wacht auf. Wenn George W. Bush Beruhigendes zur US-Wirtschaft verkündet, fallen die Börsenkurse postwendend. Hochbezahlte Manager werden als Abzocker und Bilanzfälscher geoutet. Handschellen klicken. Dass etwas faul ist an der New Economy, wusste FuckedCompany allerdings bereits seit Sommer 2000 zu berichten. Die Plattform begleitet bis heute das Dot-Com-Sterben mit beachtlichem Galgenhumor. Neuerdings werden auch IT-Interna online gestellt.

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Auf InternalMemos.com sind ab sofort 800 brisante interne Mails aus IT-Unternehmen abrufbar. 45 Dollar soll das Abo pro Monat kosten, für 75 Dollar gibt es gänzlich unlimitierten Zugang. Wer nicht so viel für Tratsch und Klatsch berappen möchte, kann derzeit noch in dem beispielhaften freien Material stöbern.

Richard H. "Dick" Brown etwa, CEO von Electronic Data Systems (EDS) , einem amerikanischen E-Business- und Systemberatungs-Konzern, der sich im übrigen auch um den Etat für das Outsourcing der IT der Deutschen Bank bewirbt) wurde von einem Mitarbeiter rüde in die Mangel genommen. Obwohl das Unternehmen noch im Oktober 2001 gute Zahlen vorlegte, dürfte die Stimmung unter den weltweit immerhin 140.000 Angestellten nicht besonders gut sein. Larry Vervynckt, EDS-Information Analyst, der offensichtlich keine rechte Lust mehr auf seinen Job bei EDS hatte, schickte am 13. Juni 2002 ein Memo an Dick Brown höchstpersönlich mit CC an sämtliche EDS-Mitarbeiter, die einer - wenngleich auch brillant formulierten - Hinrichtung eines vermeintlich unfähigen Chefs gleichkommt.

Dick Brown, dessen interne "Jammer-Mails" zur Lage der IT-Branche übrigens geradezu inflationär bei InternalMemos auftauchen, wird von Vervynkt ein ausbeuterischer und wenig vorausschauender Umgang mit qualifizierten Mitarbeitern vorgeworfen - zuungunsten des Unternehmens selbst.

"Die meisten Leute waren stolz, für EDS zu arbeiten", schreibt Vervynckt einleitend. "Die Meisten brachten persönliche Opfer (arbeiteten an Wochenenden, waren ständig auf Achse...) und das war nicht genug, um ihre Jobs zu behalten. Es scheint mir, dass ihr MBA nicht das Papier wert ist, auf dem er steht". Die Fortsetzung im Originalton:

"Dick, NO ONE believes you ANYMORE. Your memos are a laughing matter for 90% of the employees (the 10% are your 'yes-men' you have surrounding you). Paydays are so stressful and tense, it is pathetic - the backstabbing of employees to climb over each other is cannibalistic in nature - Is this your new corporate culture?"

Diesen scharfen Worten über die "Ja"-Sager in der Chefetage und die "neue Unternehmenskultur", die darin bestehen würde, die Hinterhältigkeiten unter den Mitarbeitern zu schüren, folgt eine trocken gehaltene Auflistung von Fragen zur Unternehmenspraxis. So wundert sich der EDS-Mitarbeiter darüber, wie Brown seine Millionen-Dollar-Gage den Aktionären erklärt. Oder ob es nicht Betrug an den Kunden wäre unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Verträge zu verkaufen. Das "Sündenregister" umfasst insgesamt 21 Punkte.

Die in der New Economy und IT-Branche weit verbreitete Frustration über eine Managerriege, die offensichtlich nur mehr an die eigene Bereicherung denkt und über die "Leichen" der Investoren und Mitarbeiter geht , schlägt sich in vielen der auf InternalMail gehosteten Mails nieder. Freilich ist das Unterfangen eine Gratwanderung. Denn auch üble Nachrede, Konkurrenzfehden etc. lassen sich wohl kaum vermeiden.

Andererseits ist es durchaus spannend mitzuverfolgen, dass die Unternehmenskultur in der IT-Branche noch immer so viele Menschen interessiert. Nach eigenen Angaben verzeichnet die Stammseite FuckedCompany immerhin 4 Millionen Besucher im Monat. Wer den nicht ganz billigen Dienst von InternalMail abonnieren wird, steht auf einem anderen Blatt Papier.

Neben den schon aus Konkurrenzgründen neugierigen IT-Unternehmen selbst werden sich vielleicht auch Investoren und Analysten finden, die einen Blick auf den Tratsch über die diversen Praktiken in den Unternehmen werfen. Denn diese Mails geben unter Umständen mehr Aufschluss über den Zustand diverser börsennotierter IT-Firmen als Pressekonferenzen, in denen (geschönte! ) Bilanzen präsentiert werden. Der 26-Jährige Programmierer und Fucked-Company-Gründer Philip J. Kaplan will übrigens bei InternalMails mehr auf Qualität denn auf Quantität setzen.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13037/1.html
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