Monty Serpent's Flying Circus

Michaela Simon 09.08.2002

Gleitzahl: 3,7

Eigentlich sollte es unmöglich sein, ohne Flügel, Rotor oder Tragfläche zu fliegen. Ein kurzes Paper in der aktuellen Nature jedoch zeigt, wie es geht.

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Mysterium Schlange: Fahrzeug der Unsterblichkeit, Dämon der Finsternis, Urbild für Christus, Symboltier für die Weisheit, Regenmacher, Feind des Sonnengottes, Inbegriff sexueller Leidenschaft, Inkarnation der Toten, bösartige Macht des Universums, Chaos, Himmel....was kulturgeschichtliche Symbolik angeht, ist das taube Reptil mit seiner tiefgespaltenen Zunge alles andere als unbeleckt. Physikfreaks kennen natürlich Schrödingers Schlange, ein Programm, welches die Schrödingergleichung für ein Elektron löst. Und während sie in der Ferienzeit für Horror auf den Straßen sorgt, ist die Schlange für manchen Wissenschaftler ein Quell des Entzückens. Vor allem wenn sie fliegen kann. Wie die Paradies-Schmuckbaumnatter (Chrysopelea paradisi), auch Fliegende Baumschlange genannt, die sich zur Begeisterung des Biologen John Socha von der University of Chicago wenig um die Konventionen der Aerodynamik schert.

Auf Sochas besuchenswerter Flying Snake Homepage hat er einiges gesammelt, was in fünf Jahren Schlangenflugforschung so zusammenkommt, man merkt sofort, dass man es mit einem wirklichen Fan zu tun hat. Im berühmten Zoo von Singapur, wo Besucher so schöne Dinge wie Lunch with the Lions erleben können, ließ Socha seine Nattern vom Zehn-Meter-Turm hüpfen und stellte fest, dass sie fliegenderweise im Schnitt 37 Meter nach vorne zurücklegten. Seine Beobachtungen, die er mithilfe von zwei Videokameras machte, legen nahe, dass das Flugverhalten dieser Schlange - verglichen mit jedem anderen fliegenden Objekt - einzigartig ist und sie erstaunlich viel Kontrolle über ihre Flugrichtung ausübt obwohl sie ganz offensichtlich wenig Kontrollfläche besitzt.

C. paradisi bereitet sich auf das Abheben vor, indem sie sich von einem Ast hängen lässt, wobei sie den vorderen Teil ihres Körpers zu einem J formt. Dann springt sie unter großer Beschleunigung weg von dem Zweig, spannt ihren Leib und bewegt ihn mit dorsoventralen Gleitbewegungen. Beim Gleitflug bringt sie ihn in eine S-Form und schlängelt, ähnlich wie am Boden, etwa einmal in der Sekunde in wellenförmigen Bewegungen hin und her, wodurch aerodynamischer Auftrieb entsteht. Sie schlägt nicht mit den Flügeln, sondern mit dem ganzen Körper, Schwanz ausgenommen. Nebenbei schafft sie es locker, sich zwischen Bäumen, die ihr im Weg stehen, hindurch zu manövrieren oder Kurs auf Beute zu nehmen. Anders als die meisten Flieger dreht sie ohne klassischen Kurvenflug bei, sondern indem sie den vorderen Teil ihres Körpers bewegt.

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Sie verdoppelt ihre Körperbreite, verwandelt sich gewissermaßen in einen flachen Tragflügel indem sie Luft einsaugt und ihre Rippen rausdrückt. Ihre Geschwindigkeit liegt bei acht Metern pro Sekunde (knapp 30 Kilometer pro Stunde), die Gleitzahl, das Verhältnis der zurückgelegten Wegstrecke pro Sekunde zum sekundlichen Höhenverlust pro Meter, bei 3,7, was zeigt, dass die fliegende Schlange der fliegenden Eidechse (3,7) und dem Taguan (4,7) kaum nachsteht. Die Formel 1 der modernen Segelflieger erreicht allerdings fast eine Gleitzahl von 60, so dass mit 1km Höhe 60km weit geflogen werden kann. Aufwärts fliegen kann die Paradies-Natter nicht, da sie sich der Technik der Parachuter bedient. Voraussetzung für ihre Können ist wahrscheinlich die Entwicklung einer speziellen Muskelsteuerung. Warum die gut einen Meter langen Biester überhaupt fliegen? Das weiß laut Socha keiner so genau, doch er hat einige Vermutungen: Zunächst mal effiziente vertikale Streckenbewältigung (Warum diesen Baum runterrutschen und den nächsten wieder erklimmen wenn man auch Luftlinie reisen kann?) und zweitens: Flucht vor Socha. Der Forscher hat beobachtet, dass die Schlangen immer dann am schönsten flogen, wenn sie versuchten möglichst weit von ihm weg zu kommen.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13055/1.html
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