"Functional Foods" - Wissenschaft in den Händen des Konsumenten?

Herbert Hasenbein 05.09.2002

Die Amerikanische Nahrungsmittelindustrie braucht Functional Foods, damit sie ihre genetisch modifizierten Produkte weltweit durchsetzen kann

"Funktionelle Nahrungsmittel" sollen die Ernährung aufwerten statt nur satt zu machen. Ist die Wissenschaft von den Nahrungsmitteln, wenn sie wie ein Netz über die Bevölkerung ausgebreitet wird, hilfreich oder stiftet sie Verwirrung?

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"Functional Foods" haben in den USA und Japan als konzertierte Aktion von Behörden und Nahrungsmittelindustrie begonnen. Das Kennzeichen: ein Zusatz auf dem Etikett soll die Nahrungsmittel, dazu gehören etwa Mais, Reis, Soja oder Knoblauch, mit dem medizinischen Nutzen krönen.

Schlackenstoffe für die Gesundheit

Die Aktion wirkt auf den ersten Blick nachahmenswert. Otto Normalverbraucher, ärgerlicherweise von erhöhtem Cholesterinspiegel geplagt, steht vor der Frage: "Kann ich der nebenwirkungsreichen Cholesterin-senkenden Pille vertrauen? Oder bietet Mutter Natur etwas Gleichwertiges, was frei von unnatürlicher Chemie ist?" Otto wird auf seiner Suche im Internet fündig werden und dennoch verzagen: was nützen ihm die vielen Vorschläge, wenn er im Supermarkt steht und zwischen den Produkten des Erzeugers, nämlich Milchreis und Langkornreis, sowie vorfabrizierten kocharmen 2-5-Minuten-Reispac kungen wählen kann.

Funktionelle Nahrungsmittel, auch das ist klar, ersetzen nicht die besondere ärztliche Behandlung, sondern sollen idealerweise die Risiken des Krankseins minimieren. Das unterscheidet Functional Foods von Nahrungsstoffen, die Defizite der Ernährung ausgleichen, etwa Eiweißmangel, sowie die unzureichende Zufuhr von Vitaminen, Elektrolyten oder Spurenelementen, ganz zu schweigen von der speziellen Kost bei Nierenkrankheiten, Leberzirrhose und anderen chronischen Erkrankungen.

"Der Konsument kann eigenverantwortlich an seinem gesunden Leben mitwirken," so in einer amerikanischen Präambel für die neue Regelung. Dem Gedanken, daß die Eigenverantwortung nach vagen Kriterien und im Einzelfall sogar kontraproduktiv sein könnte, wird derzeit nicht viel Raum gegeben.

Behörden und Politiker sind von Functional Foods begeistert, weil sich ihre Einflußsphären beachtlich erweitern. In Japan hat die gesetzgeberische Aktivität bisher 200 Produkte in den Griff bekommen und unter die Fittiche von FOSHU (Foods for Specialized Health Use) genommen. In den USA schuf die Food and Drug Administration (FDA) gar 15 Kategorien und ist dabei, den für die Verwaltung notwendigen Apparat personell kräftig aufzustocken. Die Food Safety People gehören zu CFSAN, dem Center for Food Safety and Applied Nutrition. Zur Arzneimittelkontrolle, der ursprünglichen Aufgabe dieser Behörde, kommt so ein zweites dauerhaftes Standbein hinzu. Da schließt sich der Kreis, den der amerikanische Präsident G.W. Bush mit dem Farmergesetz gezogen hat: die FDA ist neuerdings auch für die Sicherheit der Nahrungsmittel gegen den Terrorismus zuständig (Herbert Hasenbein 26.06.2002: Furcht vor dem Nahrungsmittel-Bioterrorismus: real oder Mittel zum Protektionismus?).

Wichtigster Nutznießer und Meinungsmacher ist gegenwärtig die amerikanische Nahrungsmittelindustrie. Sie braucht Functional Foods zum Überleben, damit sie ihre genetisch modifizierten Produkte weltweit durchsetzen kann (Vgl. Die G7-Finanzminister in Halifax und die Welternährung: Augenwischerei oder Conspiracy?).

Bei subtiler Betrachtung ist das Ja-Wort der Nahrungsmittelindustrie allerdings zweischneidig. Der anfängliche Enthusiasmus kann zur Dissonanz werden, sobald der Behördenapparat, der den gedeckten Tisch durch die Brille der Arzneimittel-Zulassung sieht, andere Schwerpunkte setzt als die Hersteller. Tatsächlich besteht an Fußangeln bereits jetzt kein Mangel. Was im Großen auf die Gesundheit günstig erscheint, kann für ganze Bevölkerungsgruppen zum Problem werden.

Hühner mit künstlichen Fettsäuren gefüttert sollen das Ei "risikoarm" machen.

Greifen wir nur zur schlackenreiche Kost, die beim Darmgesunden den Cholesterinspiegel senkt, beim Kranken mit chronischen Darmerkrankungen allerdings den Entzündungspozess anheizt. Wer trägt die Verantwortung, falls der Beginn der Darmerkrankung nicht erkannt wird, und der Kranke am Cholesterin zwar gesundet, durch die frühe Teilentfernung des Darms hingegen quälend geschädigt wird?

Nicht weniger problematisch ist Soja, ein weiterer Renner der FDA. Kein Zweifel: das Protein ist gesünder als BSE-haltiges Rindfleisch und billiger. Soja ist nicht nur Eiweißspender, sondern reich an Isoflavinoiden. Diese östrogen-ähnlichen Substanzen werden als Antioxidantien, das meint Krebsprophylaxe, und als Cholesterinsenker ausgelobt. Weniger bekannt ist, dass ein Teil der Begleitstoffe durch die Darmbakterien zum weiblichen Geschlechtshormon Östradiol umgewandelt und in den menschlichen Blutkreislauf eingeschleust wird. Deshalb gelten die Isoflavinoide in der Medizin als "selektive Östrogenrezeptor Modulatoren". Das sollte bitteren Beigeschmack erzeugen. Die richtige Aufklärung muss nämlich deutlich machen, dass der Mann, vor allem Leberkranke, durchs Essen kastriert wird. Auch werden ältere Frauen verunsichert: Wirkt Soja, regelmäßig genossen, wie die Pille in der Menopause. Die garantiert verstärkt Brustkrebs wie erst kürzlich gegen die Macht der Pharmaindustrie nachgewiesen (Vgl. Conspiracy in der Medizin).

Sind die beiden Beispiele ungewöhnlich? Keineswegs, die Verunsicherung wird viele Nahrungsmittel begleiten. Das gesunde Mittelmaß, wenn es denn das bisherige Leben des Konsumenten bestimmte, oszilliert zukünftig zwischen "darf ich", "soll ich", und "darf ich persönlich nicht?" Weil sich die Fachleute häufig uneins sind, erwachsen für den Laien unlösbare Widersprüche. Wie verhalten, wenn der weltweit operierende Hersteller Unilever seine mit Phytosterinen (ß-Sitosterin) versetzte Magarine "Becel Pro-active" in der Europäischen Union und in Australien anstandslos anbieten kann, während Health Canada, die kanadische Gesundheitsbehörde), die Einführung untersagt?

Nur die Kanadier argumentieren über den Tag hinaus:

Die Phytosterine, obwohl als pflanzliche Cholesterinsenker bekannt, können bei Schwangeren, Kindern, Risikopatienten mit Hirnblutungen sowie Personen, die bereits andere Cholesterinsenker einnehmen, zu unerwünschten Risiken führen.

Dem Trend zu funktionellen Nahrungsmitteln sind keine Grenzen gesetzt, weil Grundnahrungsmittel zusätzlich veredelt werden können. So kann althergebrachten Produkten künstlich eine neue Eigenschaft beigebracht werden, die ihnen bisher nicht innewohnte. Auch das ist keine Fiktion. Unlängst veröffentlichte die israelische Soja-Firma Solbar Plant Extracts eine Pressemitteilung zu ihrer neuen Creation, Solgen 10/S, das, so der Marketingleiter Gary Brenner, "can be used to fortify (verstärken!) a variety of functional beverages, including fruit juices, soy milks and instant powders." Im Klartext: Orangensaft gemischt mit geschmacksfreiem Sojapuder senkt den Cholesterinspiegel. Verweiblichen die Phytoöstrogene die Männer und modulieren sie die Pubertät der Jungen? Die Antwort bleibt auch heute noch wissenschaftlich ungeklärt.

Nahrungsmittel als Gesundheitsbringer und vor allem die auf Gesundheit getrimmten Produkte kommen unweigerlich ins Fahrwasser von Arzneimitteln. Fragen Sie Ihren Arzt und Apotheker? Die werden überfordert sein und den Zusammenhang selten kritisch würdigen können oder wollen. Psychologisch erwächst aus dem Produkt für die Gesundheit die Kehrseite: was nicht gesund, ist entweder nutzloses Füllsel, oder gesundheitsschädlich.

Die Regulierung künstlich hergestellter oder veredelter Nahrungsmittel durch die kanadischen Behörden hat wahrlich gute Gründe. Weil die Lehre von der Ernährung eine eigenständige wissenschaftliche Disziplin ist, kann sie nicht intuitiv und ohne subtiles Fachwissen umgesetzt werden. Dr.Jones, der als Professor für Ernährung an der McGill Universität in Montreal lehrt, und zugleich Präsident des kanadischen Danone Instituts einem der weltweiten Hersteller und Vertreiber von Molkereiprodukten und Trinkwasser ist, gesteht deshalb zu: "Wir müssen bei der Bevölkerung erst das Bewusstsein wecken. Das bedeutet Aufklärung und die gründliche Unterweisung zur Ernährung in allen Stufen des Schulsystems." Bis dahin, so schließt der interessierte Zuhörer, ist es ein dorniger Weg. Wird der Konsument jemals vom gesundheitliche n Touch profitieren, oder wird er von Zweifeln, Irrtümern und fragwürdigen Versprechungen der Produzenten geplagt sein?

Noch sind Functional Foods ein Marketingelement für die weltweit operierenden Nahrungsmittelhersteller. Die etikettierte gesundheitliche Güte des Produkts soll die neue Sichtweise publik machen. Dagegen anzugehen, wird den bäuerlichen Kleinbetrieben schwer fallen. Vielleicht liegt darin die wahre Absicht der 10-12 Großkonzerne. In den Köpfen der Konsumenten soll sich festsetzen: Was nicht für die Gesundheit deklariert ist, taugt nichts.

Bleibt die Frage: "Essen als tägliche Medizin?" Viele Kranke wissen darum, andere ändern ihre Essensgewohnheiten periodisch zur Entschlackung oder aus anderen persönlichen Gründen. Mit Functional Foods beginnt der Wettlauf um die beste Kost - für die einen ein Stimulus, für die meisten wahrscheinlich Risiko, Überforderung oder der Konflikt mit permanent schlechtem Gewissen.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13083/1.html
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