Fortschritt ohne Sterne

Ist Astronomie überflüssig?

Die Zeitschrift Newscientist ist bekannt dafür, dass sie gerne umstrittene Thesen oder provokante Ansätze veröffentlicht. In der aktuellen Ausgabe wird über die These eines britischen Mathematikers berichtet, der behauptet, der wissenschaftliche Fortschritt hätte ohne den Blick hinauf zu den Sternen nicht sehr gelitten.

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Brian Davies vom King's College der University of London hat einen verregneten Urlaub auf der Atlantikinsel Madeira verbracht und der Blick auf den Wolken verhangenen Himmel brachte ihn ins Grübeln. Bisher ist unbestritten, dass die Astronomie in der Wissenschaftsgeschichte eine große Rolle gespielt hat, aber was wäre wenn es immer bewölkt gewesen wäre und die Menschheit auf die Erkenntnisse des Sternenguckens hätte verzichten müssen?

Davies nutzten die grauen Ferientage zur Formulierung seiner historischen Fragestellung:

Einige Leute haben behauptet, dass die Astronomie ein wichtiger erster Schritt auf dem Weg der Entwicklung der Wissenschaft war. Ich habe mich nur gefragt, ob die Verhinderung der Sicht auf den Himmel wirklich ein Rückschlag für die Wissenschaft gewesen wäre.

Wieder im nebeligen London nahm er sich Originalzeitschriften vom Beginn des 17. Jahrhunderts vor, um dort die Anfänge der systematischen Erforschung der Welt im modernen Sinne nachzuvollziehen. Schwerpunkte legte er auf die experimentellen Anordnungen der Zeit und die Motivationen der Väter der Wissenschaft. Dabei entdeckte er, dass ihr Blick sich selten gen Himmel wandte, vielmehr interessierte sie die Entwicklung neuer Technologie. Davies vertritt nun als Fazit seiner Inhaltsanalyse die These, eine ständig umwölkte Erde hätte die Entstehung der Biologie, der Chemie und der Geologie am wenigsten behindert. Dagegen wäre die Navigation ohne die Sterne am meisten im Nachteil gewesen. Allerdings hätten dann die Seeleute möglicherweise verstärkt auf technische Hilfsmittel wie Kompasse und Gyroskope (Vgl. Das rotierende Universum) zurück gegriffen.

Ich sage nicht, dass es einfach gewesen wäre, die Seeleute hätten viel tapferer sein müssen und Amerika wäre erst sehr viel später entdeckt worden. (...) Aber nachdem der Weg am Anfang des 17. Jahrhunderts zum Fortschritt der Wissenschaft einmal eingeschlagen war, war die Entwicklung wie wir sie kennen unvermeidlich.

Im 20. Jahrhundert hätte Einsteins Relativitätstheorie ohne den Blick durch die Teleskope bei weitem nicht so schnell bewiesen werden können. Die Astrophysik und Kosmologie hätten sich erst in den 50er Jahren entwickeln können, als die Technik es ermöglichte, mit speziellen Flugzeugen über den Wolken zu fliegen. Interessant an Davies Spekulationen sind die Parallelschlüsse auf die neu entdeckten Planten (Vgl. Astronomen haben jetzt insgesamt 100 exoplanetare Exoten aus dem kosmischen Ozean gefischt) außerhalb unseres Sonnensystems:

Wenn es permanent von Wolken umgebene Planeten mit einer Gravitation gibt, die der der Erde ähnlich ist, dann würde sich die Wissenschaft dort mit der gleichen Geschwindigkeit wie auf unserem Planeten entwickeln, sobald einige Bewohner begonnen haben, Mathematik mit Technologie zu kombinieren. Als einziges würde die Sequenz der Entdeckungen anders sein.

Die Ergebnisse seiner Arbeit hat er in einem Artikel zusammen gefasst, der in der Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte Isis erscheinen wird.

Die neue These wird sicher einige Diskussionen auslösen. Denn wer weiß, ob die Menschen ohne je einen Stern gesehen zu haben, überhaupt den Drang zur Forschung verspürt hätten. Owen Gingrich, Professor für Astronomie und Wissenschaftsgeschichte an der Harvard University äußerte sich in seiner Bewertung gegenüber Newscientist kritisch:

Da gibt es ein komplexes Ineinandergreifen von Umständen für den zarten Ursprung der modernen Wissenschaft. Wenn man eine der treibenden Kräfte wie die Astronomie heraus nimmt, könnte schnell das gesamte Muster der Entwicklung kippen.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13084/1.html
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