Der Club der rechten Schlaumeier

26.08.2002

Ein kleines Netzwerk von Think Tanks bestellt die US-Nahostpolitik und drängt Universitäts-Experten ins Abseits

Es muss ein schönes Gefühl sein, wenn man genau weiß, was richtig und wahr und gut ist. Dieser Tage ist es nicht nur ein schönes Gefühl zu wissen, wie sich etwa der gute Islam vom falschen militanten unterscheidet, wo sich die bösen Terror-Muslime weltweit verschanzen, wie mit dem Irak, den übrigen Schurkenstaaten und den Palästinensern zu verfahren ist; es gibt richtig gutes Geld dafür, Scheinwerferlicht, Macht und Einfluss obendrein. Dann ist das Leben so schön aufregend, dass man gar nicht mehr schlafen will, sondern viel lieber die richtigen Überzeugungen verbreiten, pausenlos.

Ich weiß nicht, wie viel Schlaf Daniel Pipes braucht. Ich weiß nur, dass beinahe jeden Tag frisch gebackene Chef d'oeuvres aus Pipes unerschöpflicher Schlaumeiereienfabrikation in meiner mailbox liegen. Egal, ob es sich um eines seiner zahlreichen Radio- oder Fernsehinterviews (mit Vorliebe im amerikanischen Patrioten-Sender FOX) handelt oder um den neuesten Kommentar für die New York Post, Pipes lässt das Feuer niemals ausgehen. Sorge um die Sicherheit der westlichen Welt hält den Nahostexperten wach. Es ist die mächtige, allgegenwärtige Gestalt des militanten Islam, die den alerten Mann um den Schlaf bringt. Eine Gefahr, die trotz der Anschläge vom 11.September letzten Jahres im allgemeinen Bewusstsein noch immer unterschätzt und kaum wahrgenommen wird.

"Al Quaida ist mitten unter uns", warnt Pipes im letzten Interview, das er FOX gab. Die amerikanischen Regierung habe zwar dazugelernt, aber volles Vertrauen in deren Vorgehensweise gegen die "Schläfer" könne er nicht aufbringen. Und: nicht nur die USA sind bedroht. "They declared war on us, the whole West, including Australia ",verkündet er standortgerecht im Australischen TV. Zurückhaltung und Zweifel sind für den Hardliner in der Sache Westen gegen islamischen Terror völlig unangebracht, falsch, "plain wrong" und riskant wie etwa Gerhard Schröders Skepsis gegen einen Angriff auf den Irak (siehe New York Post). Pipes hat ein großes Leitthema und eine Handvoll Argumente, das genügt ihm, um in allen Belangen der Auseinandersetzung zwischen dem Westen und islamischen Staaten bzw. Völkern Bescheid zu wissen: "Israel gewinnt. Gegen allen Anschein, bringt Israel den Palästinensern eine Niederlage bei." (siehe New York Post).

Gewissheiten dieser Art, vor allem, wenn sie ein derart komplexes politisches Terrain widerspruchslos aufschlüsseln können, werden in Washington gerne gehört. Einem Bericht im Guardian zufolge, erfreut sich das Middle East Forum, dessen Direktor Daniel Pipes ist, bemerkenswertem Zuspruch, der sich in großzügigen Spenden ausdrückt, in vielen Einladungen zu Radio-und Fernsehinterviews, einem überdurchschnittlich hohen Angebot für politische Kolumnen in den wichtigsten Zeitungen und nicht zuletzt in Einladungen zu Kongresskomittees und zahlreichen Mittagessen mit Washingtonern Regierungspolitikern.

Daniel Pipes leitet das Middle East Forum, der Definition nach ein "Think Tank", das amerikanische Interessen im Nahen Osten fördern will. Seine Publikationen, das "Middle East Quarterly und das Middle East Intelligence Forum sind reiche Fundgruben des Immergleichen: Der militante Islam rüstet sich, wo er kann und wehe dem Westen, der auf "Appeasement" setzt oder gar auf Friedensbewegungen. Erwähnenswert ist, dass in diesen Publikationen, Syrien eine größere Zerstörungskraft zugesprochen wird als dem Irak (siehe z.B. Middle East Forum).

Der "$100.000-a-year" Experte Pipes ist nicht der einzige Streiter und sein Forum nicht der einzige Think Tank, die, so der Guardian-Journalist Brian Whitaker, die Kontur der amerikanischen Regierungspolitik beeinflussen. Whitaker zählt vor allem das Washington Institute for Near East Policy, die "Nummer 1 der Think Tanks", wie das ebenso renommierte American Enterprise Institute zu den wichtigsten Expertensammelbecken für Nahostbelange. Das MEMRI, ein "Forschungsinstitut", das sich wegen seiner hoch qualifizierten Übersetzungen arabischer Quellen , vor allem Zeitungsartikel, einen Namen gemacht hat, war dem Journalisten sogar ein eigener Artikel wert, in dem er die tendenziöse Auswahl der übersetzten Zeitungsartikel monierte. Es sei ganz offensichtlich, so Whitaker, dass die Politik von MEMRI darin bestehe, die Araber in möglichst schlechtem Licht zu präsentieren. So wurde z.B. ein "Al Hayat"- Artikel eines ehemaligen irakischen Miltärarztes übersetzt, in dem es heißt, Saddam Hussein habe persönliche Orders gegeben, dass jedem Deserteur die Ohren abzuschneiden sei. Solche Nachrichten über die Brutalität im Irak sei ein gefundenes Fressen für westliche Medien, die gerne ohne weitere mühsame Nachrecherche übernommen würden. Wer könne schon Arabisch? Wie sich herausstellte, war der Verfasser des Artikels keine unabhängige politische Figur, sondern Mitglied einer oppositionellen irakischen Exilvereinigung (Iraqi National Accord), die von der US-Regierung unterstützt wird.

Halb so schlimm ? Dass sich die Washingtoner Meinungsbildung, was den Islam und den Nahen Osten angeht, scheinbar auf ein paar Think Tanks beschränkt, ist keine sensationelle Neuigkeit. Brisant aber wird die Angelegenheit, so Whitaker, wenn man genauer hinsieht und bemerkt, dass dieselben führenden Köpfe der Expertenkommissionen nicht nur in einem dieser Think Tank an gehobener Stelle sitzen, sondern gleichzeitig in mehreren. Die personellen Verflechtungen seien sehr eng , was neben vermuteten materiellen Vorteilen auch den schönen Nebeneffekt hat, dass man sich gegenseitig für die jeweils neueste Veröffentlichung als "überzeugender Experte" bestätigen, rühmen und preisen kann, ohne Objektivitätseinbuße.

Man ist sich ohnehin einig. In den Büchern und Artikeln der Think Tank-Aktivisten findet sich überall derselbe alte bellizistisch funkelnde Patrioten-Wein in ehrwürdigen und mehr oder weniger forciert um intellektuelles Renommée heischenden Schläuchen, wie beispielsweise die dem ersten Anschein nach differenzierte Auseinandersetzung Meyrav Wurmsers (Mitbegründerin von MEMRI. Ihr Mann, David Wurmser, ist Chef der Abteilung "Middle East" von American Enterprise Institute) mit dem Einfluss der "New Historians" auf Israels innenpolitische Sicherheit: Can Israel Survive Post-Zionism?. Die sogenannten "postzionistischen" Geschichtsschreiber, allen voran Benny Morris, Avi Shlaim und Ilan Pappé haben mit ihren Thesen in der israelischen Öffentlichkeit für großen Aufruhr gesorgt - siehe dazu u.a. Die Offenheit und der Pluralismus sind in Israel verschwunden - , vor allem in der Frage, wie sehr Israel für die Massenflucht der Palästinenser im ersten israelisch-arabischen Krieg verantwortlich zu machen ist. Es ist nun eine Sache, den Behauptungen dieser Geschichtswissenschaftler, denen es um Entmystifizierung weitverbreiteter Legenden geht, zu widersprechen, was in Israel auch in z.T. fulminanter Form geschah, wie von Efraim Karsh. Eine andere Sache ist, diese Autoren in einem stereotypem Gestus aus dem konservativen Register als gefährliche Kräfte zu diffamieren, welche die nationale "Seele unterminieren und den Willen zur Selbstverteidigung beschränken".

Dass sich die genannten Think Tanks, deren Protagonisten sich gerne mit akademisch Titeln wie "senior fellow" oder "adjunct scholar" schmücken, seit kurzer Zeit auch um die richtige Unterweisung der Studenten an den amerikanischen Universitäten sorgen - Stichwort: Campus Watch -, ist laut Whitaker, wichtiges Element einer Strategie, die versucht das Spektrum unterschiedlicher Ansichten möglichst klein zu halten und den Blick auf den Feind unverstellt. Denn gerade ihm eigenen Land heißt es aufpassen. Z.B. vor unangemessenen Lehrplänen, "The Problem".

In den USA gäbe es etwa 1400 Vollzeitbeschäftigte an Fakultäten, die sich auf den Nahen Osten spezialisiert haben, darunter, so Whitakers Schätzung, befinden sich vier- bis fünfhundert ausgewiesene Experten für verschiedenste Perspektiven und Belange der aktuellen politische Vorgänge in der Region. Aber deren Ansichten seien sowohl von Regierungsseite wie von den Medien nur selten gefragt. Gehört würden sie so gut wie nie...

Den Mann, der darauf angewiesen ist, sich Rat bei Rumsfeld, Cheney und Rice zu holen, könne er nur bedauern, schreibt der Labour Politiker Gerald Kaufmann im Aufmacher der letztwöchigen Ausgabe des "Spectator". Bush sei der intellektuell rückständigste amerikanische Präsident, den er in seiner politischen Laufbahn kennen gelernt habe. Die Kriegslüsternheit seiner Berater würde nur von deren politischem, militärischem und diplomatischem Analphabetentum übertroffen.

Was aber, wenn das intellektuelle Hinterland dieser Berater noch ärmlicher bestellt ist?

Vorhang zu. Schlafen bitte, Daniel Pipes.

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