Recycling der Bilder

Plünderte Stanley Kubrick für "2001 - A Space Odyssey" einen sowjetischen Film von 1957? Und: Haben deutsche Weltraumphantasien der Nazizeit den frühen Spaceboom in den USA befördert?

Die Encyclopedia Astronautica des Amerikaners Mark Wade - eine Website, die jedem Raumfahrtinteressierten nur wärmstens empfohlen werden kann - hat vor kurzem zwei interessante Artikel veröffentlicht, die sich mit einem wenig beachteten Aspekt der Raumfahrt-Kulturgeschichte beschäftigen.

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Bild aus "2001 - A Space Odyssey"

Kubrick und Klushantshev

Von 1954 - 1957 drehte der russische Regisseur Pavel Klushantshev seinen Film "Der Weg zu den Sternen" ("Doroga k zvyezdam"), indem er Vergangenheit und Zukunft der Raumfahrt in der UdSSR beschrieb. Er konnte dabei unter anderem auf die Unterstützung durch Mikhail K. Tikhonravov zählen, der zu dieser Zeit tatsächlich an den Details für bemannte Raumfahrtmissionen arbeitete. Der Film fängt bei Tsiolkovsky an und imaginiert einen Weg vom Start des ersten bemannten Raumfahrzeugs über die erste Raumstation, die erste Mond- und Marslandung bis zur "Unendlichkeit und darüber hinaus". Diese Formulierung wird Kenner von "2001" aufhorchen lassen, und tatsächlich behauptet Mark Wade in seinem Artikel, dass Kubrick sich deutlich aus Klushantshevs Film bedient hat.

Das betrifft sowohl die technische Ausstattung der gezeigten Raumfahrzeuge als auch die benutzten filmischen Techniken und die Ästhetik des Produkts. Beispielsweise sind Kubricks Raumflugzeuge bemerkenswert ähnlich gepolstert wie Klushantshevs Raumkapseln. Kubrick übernahm die Technik des rotierenden Filmsets für seine atemberaubenden Aufnahmen aus der Kommandozentrale der Discovery von seinem russischen Vorgänger. Dr. Floyd benutzt in "2001" ein Bildtelefon zur Kommunikation mit seiner Tochter, das recht direkt von einem ähnlichen Gerät im "Weg zu den Sternen" inspiriert ist, und die Szene, in der Frank Poole von seiner Kapsel getrennt in den Weltraum entschwebt, hat ihr Vorbild bei Klushantshev, ja, sie wurde sogar mit derselben Tricktechnik realisiert: Man hängte die kostümierten Stuntleute kopfüber an einem Seil auf und filmte sie von unten. Wade führt in seinem Artikel noch viele weitere Standbilder als Beispiele für die Ähnlichkeit der beiden Filme an.

Schmälert das Kubricks Leistung? Bestimmt nicht. Es gibt neben den bemerkenswerten Parallelen auch deutliche Unterschiede. Der geniale Einsatz der Musik, die noch heute erstaunliche Modernität seiner Bauten und Raumschiffe und die ganze "metaphysische" Ausrichtung des Plots sind allein sein Verdienst. Die Tatsache, dass Kubricks Film letztlich die Geschichte eines Scheiterns am Unendlichen ist, unterscheidet ihn wahrscheinlich am sichersten von Klushantshevs "Weg zu den Sternen", der emotional hauptsächlich von klassischem sowjetischem Fortschrittsoptimismus lebt. Trotzdem ermöglicht ein Vergleich der beiden Filme eine Dekonstruktion des "Mythos Kubrick": Er hat seine Bildwelten nicht allein und ohne Einflüsse geschaffen, sondern es gab Vorbilder.

Bild aus "2001 - A Space Odyssey

Klushantshev drehte übrigens später mit "Planeta Bur" selber einen SF-Film, der laut Internet Movie Database ebenfalls 1968 in einem amerikanischen B-Movie-Alptraum namens Voyage to the Planet of Prehistoric Women verwurstet wurde.

Kutter und Ladd

Wenn die sowjetisch-amerikanische "Intertextualität" zwischen "Weg zu den Sternen" und "2001" schon interessant ist, dann verblüfft das deutsch-amerikanische Gegenstück noch mehr. Nach Wade

arbeitete der Regisseur R.A. Stemmle 1939 bei der Bavaria an einem Film namens "Zwischenfall im Weltraum". Parallel dazu war sein Kollege - und, man darf annehmen, Konkurrent - Eduard von Borsody bei der UFA mit einer Produktion namens "Weltraumschiff 18" beschäftigt. Beide Filme wurden wegen des Kriegsbeginns nicht fertiggestellt, aber man schnitt sie zu einem einzigen, 20-minütigen Kurzfilm zusammen, der als "Weltraumschiff I startet" vermarktet wurde. Manchen gilt er als der erste deutsche Science-Fiction-Film überhaupt.

Als Regisseur firmierte jetzt Anton Kutter. Mark Wade merkt an, dass "Weltraumschiff I startet" frei von offensichtlicher Nazi-Ideologie sei, obwohl Kutter auch Sachen wie "Germanen gegen Pharaonen" abdrehte - braune Propaganda par excellence. Wem die Namen Stemmle, Borsody, Kutter sowieso irgendwie bekannt vorkommen: das Trio gehörte nach dem Krieg zu den erfolgreichsten Filmschaffenden der Bundesrepublik. Titel wie "Wenn die Glocken hell erklingen" (Borsody), "Das Lied von Kaprun" (Kutter) und "Old Shatterhand" (Stemmle) gehen auf ihr Konto.

"Weltraumschiff I startet" wurde laut Wade außer in Deutschland auch in Frankreich gezeigt, und zwar unter dem Titel "Voyage dans le monde" (1943). 1957 dann benutzte der Amerikaner Fred Ladd mit seiner Firma "Radio & Television Packagers" (wundervoll sprechender Name!) das Werk aus Nazideutschland zusammen mit dem tschechischen Film "Univers" zur Herstellung einer zehnteiligen Serie von Sechsminütern namens "The Space Explorers". Ladd landete einen sofortigen Hit: Die Serie wurde in Kinderprogramme quer durch die USA aufgenommen und hatte großen Erfolg. Es gibt bis heute Amerikaner, die sich an die prägende Kraft dieser Serie und ihres Nachfolgers "The New Adventures of the Space Explorers" erinnern - das Klima im Amerika der spätern Fünziger muß für die Rezeption günstig gewesen sein.

Bild aus "Weltraumschiff I startet"

Auf diese Weise schaffte Ladd mit seinen "Packaging"- Kunststücken einen Medien-Parallelfall zur bekannten Karriere der Peenemünder Raketeningenieure in der NASA - ob bewußt oder nicht, sei dahingestellt. Nebenbei sei noch erwähnt, daß Ladd nach seinen Erfolgen mit den "Space Explorers" und anderer Programme ähnlicher Art zu einem der Pioniere für die Verbreitung von Animes im Westen wurde: "Astro Boy", "Gigantor", "Kimba", "Ace Man" und "Speed Racer" wurden von ihm auf den amerikanischen Markt gebracht. Er war offenbar auf vielen Gebieten ein wahrer Verpackungskünstler und Recycler.

Das Recycling der Bilder wirft Fragen auf: Wenn Raumfahrtfilme aus Nazideutschland, der Sowjetunion, der sozialistischen Tschechoslowakei und den USA so leicht und widerspruchsfrei miteinander zu montieren sind - was heißt das eigentlich für die Ideologie der Raumfahrt? Möglicherweise können diese Fragen erst in einer Gesellschaft beantwortet werden, die über unsere heutige Vorstellung von der Nutzung und Erforschung des Weltraums hinausgewachsen ist. Dann wären Mark Wades heutige Artikel Material für zukünftige Kulturhistoriker der Raumfahrt. Vielleicht werden sie ihm einmal dankbar dafür sein.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13156/1.html
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