Assur unter Wasser
Archäologischer und ökologischer Kahlschlag: Irakisches Staudammprojekt bedroht das uralte Zentrum der assyrischen Hochkultur
Assur, einst Hauptstadt und religiöses Zentrum des mächtigen Assyrerreiches hat in seiner rund viereinhalbtausendjährigen Geschichte Kriege und Katastrophen und zum Schluss sogar den Untergang der assyrischen Hochkultur immerhin soweit überstanden, das die imposante Ruine noch heute beredtes Zeugnis von einstiger Größe ablegt. Doch in spätestens fünf Jahren soll die Stadt, die am westlichen Ufer des Tigris im Norden des heutigen Irak liegt, endgültig vom Erdboden verschwunden sein. Derzeit deutet vieles darauf hin, dass der seit den 80er Jahren geplante Bau des gigantischen Makhul-Staudamms nicht mehr aufzuhalten ist. Durch das Prestigeprojekt Saddam Husseins entsteht 300 Kilometer nördlich von Bagdad ein gigantischer Stausee, in dessen Fluten Assur wohl für alle Zeiten versinken wird.
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Der archäologische und sicher auch ökologische Kahlschlag geht dieses Mal allerdings nicht allein auf das Konto des irakischen Diktators. Denn sein Land befindet sich selbst in einer Zwangslage, die vor allem durch den nördlichen Nachbarn verursacht wird. Riesige Staudämme in der Türkei sorgen nämlich schon jetzt dafür, dass der Tigris immer weniger Wasser führt und die Ernten regelmäßig gefährdet sind. In den kommenden Jahren könnte sich diese Situation weiter zuspitzen, denn der bereits im Bau befindliche Ilisu-Staudamm soll den Fluss mit Hilfe einer 1.820 Meter langen und 135 Meter hohen Mauer kurz vor der irakischen und syrischen Grenze noch einmal aufhalten. Nach Schätzungen der Umweltschutzorganisation Erklärung von Bern würde dadurch ein über 300 km2 großer Stausee entstehen, außerdem sei mit der "Umsiedlung von mehr als 75.000 Personen (mehrheitlich Kurden), dem Verlust von unschätzbaren Kulturgütern der Region Hasankeyf und unumkehrbaren ökologischen Schäden" zu rechnen.
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Ähnliche Folgen hätte die Realisierung des Makhul-Staudamms, der das Zentrum einer der bedeutendsten frühen Hochkulturen Mesopotamiens gleich ganz vom Erdboden verschwinden lassen würde. Damit wären die Befestigungsanlagen, Tempel, Paläste und luxuriösen Privathäuser, aber auch unzählige Schriftdokumente und Zeugnisse des täglichen Lebens für die Wissenschaft unwiederbringlich verloren. Das ist umso dramatischer als bislang erst ein Viertel der 70 Hektar großen Ruine freigelegt wurde und neben Assur noch andere archäologische Kostbarkeiten betroffen sind. Niels Heeßel, wissenschaftlicher Assistent am Heidelberger Seminar für Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients (Assyriologie) weist im Gespräch mit Telepolis darauf hin, dass die in Sichtweite gelegene, um 1250 v.Chr. erbaute Stadt Kar Tukulti-Ninurta - "neben vielen Stellen, die bislang überhaupt noch gar nicht untersucht wurden" - ebenfalls von den Wassermassen des Stausees bedeckt sein würde. Das Großprojekt ist für Heeßel und seine Kollegen deshalb "eine wissenschaftliche Katastrophe, auch wenn wir die Argumente, die für den Bau des Makhul-Damms sprechen, natürlich zum Teil nachvollziehen können." Heeßel warnt aber auch vor den sozialen Folgen eines Projektes, "dessen positive Effekte meist geringer sind als man vorher berechnet hat. Erfahrungsgemäß führen dergleichen Baumaßnahmen auch zu einer Verelendung vieler Anwohner, die schließlich im Slumproletariat der Großstädte enden."
Der ebenfalls in Heidelberg beschäftigte Privatdozent Peter Miglus leitet seit zwei Jahren eine Ausgrabungsexpedition, die vom Institut für Orientalische Archäologie und Kunst der Universität Halle, der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Orient-Gesellschaft gemeinsam getragen wird. Zusammen mit ihren irakischen Kollegen wären die deutschen Wissenschaftler durchaus zu schnellen Hilfsmaßnahmen bereit, welche die wichtigsten Exponate vor der endgültigen Vernichtung retten könnten. Angesichts der sich zuspitzenden politischen Weltlage sind die Aussichten momentan aber denkbar schlecht, wie Miglus unklängst auf Nachfrage der Wochenzeitung "Die Zeit" betonte: "Wir sind nur Gäste im Irak, wir müssen abwarten, ob wir gerufen werden."
Ob eine internationale Rettungsaktion überhaupt zustande kommt, ist also höchst fraglich. Vorerst heißt es für Peter Miglus und seine Kollegen deshalb einfach nur "Business as usual". Seit Mitte der Woche wandelt der Archäologe wieder auf den Spuren seines berühmten Vorgängers Walter Andrae, der die Ausgrabungen in den Jahren 1903-1914 leitete und seine faszinierenden Erlebnisse in dem Standardwerk "Das wiedererstandene Assur" (derzeit nicht im deutschen Buchhandel!) dokumentierte. Vielleicht reicht die Zeit ja noch, um wenigstens einige Artefakte in Sicherheit zu bringen. Oder es gelingt tatsächlich, Assur durch große Schutzdämme von den Fluten des Stausees abzuschirmen. In Heidelberg hält man eine solche Möglichkeit für "technisch realisierbar", glaubt allerdings nicht, dass sich jemand findet, der die gewaltigen Kosten übernehmen möchte. Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt ...
http://www.heise.de/tp/artikel/13/13157/1.html- kultur (31.8.2002 17:29)
- kultur muss man sich erst mal leisten können... (29.8.2002 16:34)
- Geschichte wiederholt sich (29.8.2002 16:12)
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