Was ist denn dran an einem Mann

Herbert Hasenbein 31.08.2002

Ejakulationsstörungen unterliegen der Fehlsteuerung in ihrem nervalen Generator. Eine Morgendämmerung für erektile Dsyfunktionen

Den einen passiert es zu früh, die anderen haben es nie oder zur Unzeit. Die Griechen des Altertums bemühten darob die Götter. Priapos, der Fruchtbarkeitsdämon, - man mag es kaum glauben - wurde als ernstzunehmende Bedrohung angesehen. Welcher Mann wünscht sich nicht wenigstens einmal im Leben ein langes priapistisches Wochenende?

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Dass die Mechanik der männlichen Potenz sozusagen ein Eigenleben führt, ist Literatur geworden. "Ja, ja, der hat seinen eigenen Willen, und es ist schwer, es ihm recht zu machen," beschreibt es D.H.Lawrence in seinem Roman "Lady Chatterley". A.Truitt und L.M.Coolen von der Universität von Cincinatti bieten in Science (Identification of a Potential Ejaculation Generator in the Spinal Cord) für einen Teilvorgang, nämlich die Ejakulation, eine plausible neurobiologische Erklärung: es handelt sich um einen Reflex, dessen Zentrum im Nervenstrang des Wirbelkanals, in einer relativ kurzen, der Lendenregion zugeordneten Zone liegt. "Lumbar spinothalamic Neurons" oder LSt-Nervenzellen, obwohl eingebunden in ein kompliziertes Netzwerk, führen das Eigenleben. Die Erkenntnis wurde bei Ratten gewonnen, nachdem es gelungen war, die für die Ejakulation spezifischen LSt-Nervenzellen fluoreszenzoptisch zu markern und durch ein Toxin, SSP-Saporin, selektiv auszuschalten.

Annäherungsversuch der männlichen Sprague Dawely Ratte (rechts) (Credit L.Coolen).

"Die LSt-Schädigung hat zwar einen dramatischen Effekt auf die Sexualfunktion der Ratten," sagt L.M.Coolen, "beeinflusst jedoch nicht die anderen Komponenten des sexuellen Verhaltens." Das meint keine Unterschiede in der Zahl der Annäherungsversuche und Kopulationen in den mit Männchen und Weibchen bestückten Käfigen. Ferner sind Rattenmännchen ohne sexuelle Erfahrung im ersten Zusammensein mit Rättinnen gleichermaßen lustvoll und gierig - ohne und mit LSt-Schädigung. Was ausbleibt, ist allerdings der Samenerguss.

Die Ejakulation wird schon seit langem als zweiphasiger Vorgang verstanden, beginnend mit Sekretion und Aktivierung der Samenflüssigkeit und der anschließenden Austreibung. "Wenn man dieses Geschehen erst einmal verstanden hat, kann man sich in Kenntnis des Generators ernsthaft Gedanken über die Therapie machen. Das gilt für den vorzeitigen Samenerguss ebenso wie für Menschen, die querschnittsgelähmt sind," so nochmals L.M.Coolen. Hinter dieser Überlegung steht die nun offenbar gewordene Beziehung zwischen einem eigenständigen Regelkreislauf und seinem morphologischen Korrelat, den LSt-Nervenzellen. Die Forscher tappen nicht mehr wie bisher durch ein unentwirrbares Knäuel, weil das Funktionsgefüge in der Lende zunehmend Gestalt gewonnen hat. Wie schon in dieser Untersuchung wird der Nachweis oder das Fehlen der fluoreszenzaktiven Zellen zu einem Gradmesser für die Funktionsfähigkeit.

Die erektile Dysfunktion, der unausgesprochene Hit der maskulinen Welt, meint nicht nur Ejakulationsstörungen. Für die meisten der 30 Millionen US Männer und 20 Millionen Europäer geht es häufig um die unzureichende oder fehlende Erektion. Die Zahl der Betroffenen wird sich im Zuge der steigenden Lebenserwartung bis 2020 verdoppeln. Noch suchen nur 10 Prozent ärztliche Hilfe, vor allem um das Rezept für Viagra (Sildenafil) von der Firma Pfizer zu ergattern. Das Interesse, so vermutet die Pharmaindustrie, wird wachsen, und produziert Nachfolgepräparate: Tadalafil und Vardenafil. Die Namen verraten bereits, dass es sich um artverwandte Stoffe handelt, nämlich Inhibitoren der Phosphodiesterase 5. Da geht es um den Schwellkörper des Penis, der bei sexueller Stimulation durch die Freisetzung von Nitritoxyd (NO) so schnell wie ein Heißluftballon gefüllt wird. Viele Krankheiten und das zunehmende Alter lassen ein Übermaß an Phosphodiesterasen entstehen, womit der Mechanismus abstumpft und trotz sexueller Reize nicht mehr genügend NO-Zündstoff bildet. Ein anderes Wirkprinzip zum Erwecken des müden Fleisches beruht auf dem Effekt von gefäßaktivem Prostaglandin E1 (Alprostadil), das im Penis appliziert wird.

Unter dem Eindruck der Forschungsergebnisse von Truitt und Coolen verlieren solche Arzneimittel in den nächsten Jahren nicht an Wert. Vielmehr geht es darum, deren Wirkprinzip in den neu entdeckten physiologischen Regelkreis einzuordnen. Die Bezeichnung "Generator" will deutlich machen, dass es sich um ein aktives nervales Netzwerk handelt, in dem ständig Impulse auf dem Weg sind und im entscheidenden Moment durch rhythmische Entladungen zur Sekretion und Ausschüttung führen. Den Fluss zu aktivieren oder ein Ungleichgewicht, wie die vorzeitige Ejakulation, einzuregeln, ist allerdings bereits jetzt in greifbare Nähe gerückt.

Nachdem es nun gelungen ist, einen Teil der "Mechanik" messbar zu machen, wird es möglich sein, die anderen Einflüsse Schale für Schale abzugrenzen. Noch weiß man viel zu wenig über die sympathischen und parasymphatischen Grundstimmungen, die Wechselwirkungen zu Schließmuskeln, Prostata und Beckenmuskulatur, und nicht zuletzt über das Wechselspiel zum Thalamus im Gehirn. Wehe allerdings dem Manne, falls ein Ejakulations-Inhibitor auf den Markt kommt, der sich unauffällig dem Essen untermischen lässt.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13167/1.html
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