Mehr Platz für den Spatz!

Katja Seefeldt 01.09.2002

Die Intensivierung der Landwirtschaft entzieht dem Haussperling die Lebensgrundlage

Er ist klein und unscheinbar, gilt als schrecklicher Schwätzer und erbärmlicher Sänger und wegen seines gedrungenen Äußeren schimpfen ihn manche auch als den Proletarier unter den Vögeln. Weil ihn jeder kennt, nimmt ihn keiner so richtig wahr, und so ist weitgehend unbemerkt geblieben, dass die Haussperlinge (Passer domesticus) in Westeuropa immer weniger werden. Um auf diese traurige Entwicklung aufmerksam zu machen, wurde der Spatz - obwohl weder schön noch selten - in diesem Jahr sogar vom Bund Naturschutz zum Vogel des Jahres gewählt.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

In Großbritannien ist Bird Watching ein beliebtes Hobby und so kam auch Premier Tony Blair nicht umhin, seine Betroffenheit in dieser Angelegenheit zu erklären. Die Wissenschaftler der Farmland Bird Group des Edward Grey Instituts of Field Ornithology der Universität Oxford sind dem kleinen Allerweltsvogel, bei dem es immerhin das Geheimnis des schwarzen Kehlkopfs zu entdecken gibt, auf den Leib gerückt. Anhand einer Kombination aus Felduntersuchungen, genetischer Analyse und demographischen Daten haben sie einen Zusammenhang zwischen dem Rückgang der Haussperlinge und der Intensivierung der Landwirtschaft belegt. In der aktuellen Ausgabe von Nature stellen sie ihre Ergebnisse kurz vor.

Für ihre Untersuchung beobachteten die Oxforder Ornithologen vier Spatzenkolonien im Gebiet Oxfordshire, die jeweils bei einem Bauernhof siedelten. Die Gruppen waren in einer Entfernung zwischen 6 und 24 km voneinander angesiedelt und hatten eine Größe zwischen 35 und 150 Vögeln. Über eine der Populationen, die Gruppe A, lagen Aufzeichnungen vor, die einen Bevölkerungsschwund von 150 auf 35 (80 Prozent) über die letzten 30 Jahre belegten, was durch eine Genanalyse untermauert wurde, die auf eine genetische Verarmung hinwies.

Doch warum war Gruppe A am Schrumpfen, während die anderen Gruppen sich stabil entwickelten? In Sachen Fruchtbarkeit standen sich die vier Populationen nämlich in nichts nach. Gruppe A legte sogar eine Reproduktionsrate an den Tag, die so hoch war, wie vor dem Einsetzen des Populationsrückgangs. Den Unterschied machte der Winter: Ihn überlebten dort deutlich weniger Tiere als in den Vergleichspopulationen. Wurde allerdings in den Monaten November bis März Getreide zugefüttert, kamen mehr Sperlinge durch, während sich die Futterzugabe bei den anderen Gruppen nicht auswirkte.

Die Wissenschaftler schlossen daraus, dass der Populationsrückgang bei Gruppe A durch die mangelnde Futterversorgung im Winter bedingt ist. Ein Effekt, der durch die Zuwanderung anderer Vögel nicht ausgeglichen wird. Als Ursachen des Nahrungsmangels machten sie die Intensivierung des Landwirtschaft aus, insbesondere dergestalt, dass immer weniger (Getreide-)Felder nach der Ernte bis zum Frühjahr brach liegen, sondern im Herbst wiederbestellt werden. Außerdem werde das Getreide zunehmend sicherer gelagert.

Eine unter Landwirten in ganz England durchgeführte Briefbefragung ergab ferner, dass über die vergangenen 20 Jahre hinweg ein Zehntel der Höfe sein Spatzenvolk verloren hatte, in Oxfordshire lag diese Rate gar bei 20 Prozent. Die Ornithologen vermuten, dass dieser Rückgang auch mit der berühmten-berüchtigten Geselligkeit des Vogels zusammenhängt. Da Spatzen immer in Kolonien leben, löst sich die Gruppe auf, sobald ihre Mitgliederzahl eine kritische Schwelle erreicht.

Um die ungünstige Entwicklung zu stoppen, will die britische Regierung im kommenden Jahr ein breit angelegtes Pilotprojekt starten, das nicht nur dem Sperling wieder mehr Lebensraum verschaffen soll.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13173/1.html
Kommentare lesen (6 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS