Herbeihalluzinierte Gestaltungsspielräume

Die kommende Bundestagswahl und die Bloggerszene

Wenn Peter Praschl mit der Behauptung Recht hat, dass es vor noch nicht allzu langer Zeit in der Bloggerszene (Vgl. Jeder ist Chefredakteur) einen Quasikonsens zur Politik gab ("radikal demokratisch", "civil rights"), könnte man sich fragen, wie diese Szene sich zur anstehenden Bundestagswahl verhält. Ein Streifzug.

Oberflächlich betrachtet, ist der besagte Grundkonsens noch intakt. Denn auf erstaunlich vielen Seiten wird der Wahlkampf, besonders der der großen Parteien mit beißendem Spott überzogen, aber auch die Grünen und die FDP bekommen ihr Fett weg. Dazu gehört zugegebenermaßen oft nicht mehr, als den Politprofis bei der Arbeit zuzuschauen, Peinlichkeiten bieten sie dann schon genug. Missratene Parteienwerbung, das jämmerliche Kanzlerduell und andere Rohrkrepierer werden von den Bloggern mit professioneller Treffsicherheit aufgespießt. Sogar Wahl-Hochrechnungen, die in ihrer Präzision jedes Meinungsforschungsinstitut vor Neid erblassen lassen würden, sind schon Wochen vor der Wahl zu finden, nebst den programmatischen Positionen der Parteien zum Internet für Netizens interessante Informationen, die sie so woanders (außer bei Telepolis, Vgl. Widersprüchliche Traditionen) kaum finden.

Für den lachhaften Begriff "Kompetenzteam" existiert ein ganz eigenes Weblog, das nichts anderes versammelt als lachhafte, merkwürdige und bizarre Begriffe - nebst den zugehörigen, meist kurzen Diskussionen. Das könnte man schon als eine Art neodadaistischen Protest gegen den Sprachmissbrauch der Wahlkämpfer begreifen, obwohl es nicht explizit politisch gemeint ist. Aber die eindeutige politische Selbstpositionierung ist ohnehin die Sache der Blogger nicht.

Während der mehr oder weniger schlagfertige Umgang mit dem absurden Alltag des Wahlkampfs die Regel ist, darf explizite politische Militanz, die nicht satirisch verkleidet wird, als Ausnahme gelten.

Ob das daran liegt, dass die "harte Negation" dem Bild des lockeren Datenflaneurs widerspricht, das viele Blogger gerne von sich abgeben möchten, oder an der unausgesprochenen Verwirrung darüber, was man mit dem all dem Unfug des Parlamentarismus eigentlich noch anfangen soll, ist nicht zu entscheiden. Wenn überhaupt Andeutungen zu den eigenen Wahlpräferenzen gemacht werden, fällt auf, dass etwas zu greifen scheint, was Wiglaf Droste als "politische Erpressung" diagnostiziert hat.

Die Horrorvorstellung einer Bundesrepublik, die von Stoiber regiert wird, scheint vielen die Horrorvorstellung einer Fortsetzung der rot-grünen Koalition akzeptabler zu machen - Kosovolüge hin, Bestandssicherung für die deutsche Atomkraft her.

Was jeder konservativen Regierung mit Recht vorgeworfen würde, wird der "Mitte-Links"-Koalition der Schröders und Fischers in einer Art Torschlusspanik verziehen - oder sogar als Leistung angerechnet. Mit dem größten staatsbürgerlichen Ernst, der sich in diesem Zusammenhang überhaupt denken lässt, malt man das (durchaus korrekte) düstere Schreckbild einer bavarisierten Republik an die Wand, in der Ede Stoiber mit dem 7-er BMW über alles hinwegbraust, was man sich vom Regierungswechsel 1998 versprochen hat - und vergisst dabei, dass Schröder, Scharping und Fischer schon längst darüber hinweggebraust sind, teilweise mit Panzerketten. Die Hoffnungen von damals sind eine Wunschliste an die Wirklichkeit, die schon deswegen systemimmanent nicht mehr erfüllt werden kann, weil Gestaltungsspielräume nur noch rhetorisch herbeihalluziniert werden.

Das zu erkennen ist zu bitter, und deswegen sind sie auch bei Bloggern alle wieder da, die Gemeinplätze über die zu verhindernde Katastrophe (als habe die nicht längst stattgefunden), über die dringend benötigten Lösungen

(als produziere die politische Klasse nicht "Lösungen" wie Sand am Meer), und natürlich, wer hätte es geahnt, über jenes zäheste Phantom der Oper, das so genannte "kleinere Übel" (als wäre es nicht das zwillingsgleiche). Auch die Möglichkeit, bewusst ungültig zu wählen, wird nur in Ausnahmefällen reflektiert.

Die Blogger haben eines der mächtigsten Kommunikationssysteme der Geschichte in Händen, können es sich angesichts der dunklen Bedrohung aus Bayern aber nicht mehr leisten, über Alternativen zum Immergleichen nachzudenken und zu diskutieren - seien die nun am 22. September wählbar oder nicht. Insofern gibt es dann doch wieder einen Grundkonsens. Auf negative Art. Schade.

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