Von Billionen und Milliarden

03.09.2002

... und Gillionen, nicht zu vergessen

Dieser Artikel will die Sprachverwirrung um die Zahl 109 und die Potenzen jenseits davon lüften. Eine Warnung vorab: Dieser Versuch wird nicht klappen. Wer diesen Artikel dennoch bis zum Ende liest, braucht sich nicht wundern, wenn er verwirrter denn je sein sollte.

Dass das amerikanische "billion" auf Deutsch "Milliarde" (sprich: 109) bedeutet, dürfte jeder von uns irgendwann einmal in der Schule gelernt haben. Die einen haben es vergessen (das sind dann Leute, die von der 100-Trillionen-Dollar Klage gegen die Saudis schreiben), die anderen nicht - aber wehe dieser letzteren Gruppe, wenn dann doch einmal "trillion" im Englischen Original vorkommt und sie es mit "Billion" eindeutschen: Zumindest auf Heise.de darf man sich darauf verlassen, dass ein halbes Dutzend naseweise Poster erklären, "billion" sei im Deutschen "Milliarde".

Wer ganz besonders gut in der Schule aufgepasst und einen engagiert-britophilen Schulmeister hatte, der hat möglicherweise sogar gelernt, dass die deutsche "Milliarde" auf Englisch "milliard" heiße (und lediglich die transatlantischen Barbaren in ihrem Kauderwelsch "billion" dazu sagen). Man soll bekanntlich nicht alles glauben, was man in der Schule lernt: Ein kleiner Check nach "milliard" oder "milliards" fördert auf britischen Nachrichtensites wie www.timesonline.co.uk oder news.bbc.co.uk zu keinem einzigen Treffer, ganz im Gegensatz zu "billion(s) ".

Aber woher kommt dieser Unterschied zwischen Deutsch und Englisch? Und wie kommt unser Englischlehrer zu seiner "milliard"-Theorie? Ergründen wir die Anfänge der großen Zahlen:

Logischerweise haben Sprachen mit dezimalem Zahlsystem Wörter für 10, 100 und 1000. Griechisch leistet sich sogar ein natürliches Wort für 10.000 (myrioi). Aber die Zahlen jenseits davon brauchte man nicht, ehe nicht Astronomie, Großkapitalismus und Festplattenhersteller uns neue Größenordnungen aufzwangen.

Okay, das war übertrieben. Die Million stammt aus dem Mittelalter und wurde in Italien geboren, wo "mille" bzw. genau genommen "miglio" (1000) mit dem Vergrößerungssuffix -one (das groß und dick macht: an Peppone sei erinnert) gekreuzt wurde: Schwupp war die Million, 106, geboren.

Wörter für noch größere Zahlen brauchte man dann aber erst später, in der Renaissance-Mathematik. Geprägt wurden sie von dem französischen Mathematiker Nicolas Chuquet in seinem Werk Triparty en la science de nombres (1484):

Au lieu de dire mille milliers, on dira million, au lieu de dire mille millions, on dira byllion, etc..., et tryllion, quadrilion...octylion, nonyllion, et ainsi des autres si plus oultre on voulait procéder

Das Chuquet-System (so will ich's mal für den Rest des Artikels nennen) ist also das heutige amerikanische: Für jeweils drei Nullen nach 1000 gibt's ein neues lateinisches Präfix. Wenn wir das lateinische Präfix in eine Zahl umwandeln (also bi bedeutet n=2, tri n=3 ...), dann gälte der folgende einfache Term für die Zahl der Nullen: 103+3n. "n" gibt dabei sozusagen die Zahl der Punkte zwischen den Nullen an: Eine "billion" (n=2) wäre 1.000.000.000, mit zwei Punkten zwischen den Nullen.

Wie einfach wäre alles, wären alle beim Chuquet-System geblieben. Aber Frankreich schenkte der Menschheit noch ein zweites System (dieses Mal scheint ein Herr Pelletier dahinterzustecken, der milliard um 1550 einführte). Beim Pelletier-System (das dem deutschen System entspricht) werden zwischen die Millionen, Billionen, Trillionen noch Milliarden und Billiarden dazwischen geschaltet (wobei mich die Etymologie dieses merkwürdigen Suffixes -ard bzw. -art interessieren würde). Der Term für Billionen und Trillionen etc. lautet diesmal 106n. Eine Billion (n=2) ist also ein Ding, das "zweimal" so viele Nullen wie eine Million hat, eine Trillion (n=3) hat dreimal so viel Nullen wie eine Million usw.

Wie auch immer: Das Pelletier-System eroberte England und Deutschland (und andere Teile Resteuropas), dagegen ließen sich in den USA und in Frankreich selbst das Chuquet-System nicht verdrängen. So jedenfalls war der Stand, als das 20. Jahrhundert begann.

Ab dann wird die Sache richtig kompliziert: 1948 schlägt die Conférence des Poids et des Mesures vor, in Frankreich das Pelletier-System zu benutzen. 1961 segnet dies das Journal Officiel (der französische Staatsanzeiger) ab. Da sich nun derlei Dinge in Frankreich per Ukas verordnen lassen, gilt auf Französisch: "billion" vor 1948 hat 9 Nullen, "billion" nach 1961 hat 12 Nullen, zwischen 1948-1961 gibt es die Unsicherheit, ob sich die Leute an die Empfehlung der Conférence halten oder nicht.

Mein Le Nouveau Petit Robert von 1995 empfiehlt daher s. v. billion:

Die Begriffe Billion, Trillion, Quatrillion, Quintillion und Sextillion sind zu vermeiden, da die Gefahr der Verwechselung zwischen den neuen und den alten Bedeutungen, die noch in gewissen Ländern in Kraft sind, besteht.

Sogar in Wörterbüchern wird noch auf die armen Amerikaner eingeprügelt. Ob die Franzosen zum "europäischen" Pelletier-System zurückkehrten, um nicht allein mit den Amis bei Chuquet zu bleiben?

Nun haben nicht nur die Franzosen ein spezielles Verhältnis zu den USA - das der Briten ist aber genau andersherum gestaltet. Bei den Briten bedeutete die "billion", seit sie das erste Mal von Locke (1690) benutzt wurde, stets 1012 , also Billion im deutschen Pelletier-Sinne.

Das änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Zunächst waren es anscheinend die Wissenschaftler, die "billions" im amerikanischen Sinn benutzten, einfach weil die amerikanische Naturwissenschaft führend war, man dies dort zigmal in diesem Sinne las und sich dies erstens einschliff, man zweitens verstanden werden wollte.

Danach kam die Presse. Da man ja als Journalist immer nur unbelesen das abschreibt, was einem vorgelegt wird, krochen da die amerikanischen "billions" in die Zeitschriften. 1974 sanktionierte Premierminister Harold Wilson diesen Gebrauch, indem er vor dem Unterhaus erklärte, dass "billion" in britischen Regierungsstatistiken von nun an dem amerikanischen Gebrauch folge, d. h. 109 bedeute.

Damit sollte eigentlich alles klar sein: "billion" im britischen Englisch ist die deutsche Milliarde. Und so schreibt Graham Dane, offensichtlich ein Muttersprachler, im Forum des Online-Wörterbuchs LEO.org:

The term ''milliard'' is very rare in British English. ''Billion'' has meant ''thousand million'' in financial writings for many years now, and is almost universal in other fields. Anyone using billion to mean ''million million'' is likely to be misunderstood.

Bei den FAQs von alt.usage.english (dieser Abschnitt von Ken Moore) hört sich das aber ganz anders an:

Despite this, the U.S. meaning is still rare outside journalism and finance, its introduction having served merely to create confusion. Throughout the U.K., a common response to the question "What do you understand by 'a billion'?" would be

"Well, I mean a million million, but I often don't know what other people mean." Few schoolchildren are confident of the meaning, though, again, 1012 seems to be preferred.

Wir halten fest: Vor dem zweiten Weltkrieg ist die Sache mit Billionen bei britischen Texten eindeutig. Danach gilt: Bei britischen wissenschaftlichen Publikationen und in Zeitungen kann man sich sehr sicher sein, dass eine "billion" neun Nullen hat. Wenn man mit einem Briten spricht, kann man sich keineswegs darauf verlassen. Offensichtlich haben die Muttersprachler Graham Dane und Ken Moore ein unterschiedliches Sprachempfinden und eine unterschiedliche Wahrnehmung ihres Sprachumfeldes. Vielleicht handelt es sich auch einfach um regionale Unterschiede.

Auch Italien wurde vom Chuquet-Pelletier-Chaos heimgesucht. Mein Zingarelli von 1996 (der, wie wir gleich sehen werden, teilweise auf Vorkriegsstand ist) unterscheidet zwei Bedeutungen von "bilione", erstens die italienisch-aktuelle, französische (sic!) und US-amerikanische, d. h. 109 und eine zweite, altitalienische, deutsche und britisch-englische (sic!) mit 1012 . Im italienischen Sprachgebrauch hat sich eine elegante Lösung ergeben: Es wird in der Tat das Chuquet-System benutzt, wobei es gleichzeitig das Wort "miliardo" gibt, das einfach Synonym von "bilione" ist. Diese Lösung ist recht schmerzfrei, denn größere -arden braucht man wirklich sehr, sehr selten - so selten, dass man dann vielleicht wirklich die Zehnerpotenz angeben sollte.

Diese "italienische" Lösung findet auch in Russland Anwendung. Im Prinzip gilt dort ein Chuquet-System, das aber "milliard" als Synonym zu "billion" hat. So jedenfalls das Russisch-Deutsche Wörterbuch von Russij Jazyk von 1991. Über die Praxis weiß ich zu wenig.

Ein anderer Ansatzpunkt (den manche Wörterbücher vorschlagen, vor allem britische) wäre die konsequente Umschreibung von Zahlen über einer Million. Funktioniert zwar, zeigt aber, das Wörterbuchschreiber offensichtlich keine Mathematiker (Astronomen, Volkswirtschaftler...) sind. Chuquet prägt die Billion nicht, um die Wörterbuchleute zu ärgern, sondern um sich das klobige "tausend Millionen" zu ersparen.

Die letzte Idee wäre, die beiden in Diskredit gekommenen französischen Systeme zumindest im wissenschaftlichen Gebrauch abzuschaffen. Als Ersatz wurden griechische Vorsilben vorgeschlagen, sodass statt Milliarde, Billion, Billiarde, Trillion des deutschen Systems Gillion, Tetrillion, Pentillion, Hexillion gelten würde. Wer glaubt, hier würde einfach Latein durch Griechisch ersetzt und Chuquet käme zur Hintertür herein, der irrt: Denn der Nullen-Term des Gillion-Systems lautet 103n, die Präfixe sind also um eins verschoben. Da "drei" auf Griechisch ebenfalls zur Trillion führen würde, nahm man Gi- (von Giga-) als Ersatz. So dumm ist das nicht, unter "Gigabytes saugen" oder "ein Gigabyte RAM" kann sich heute sogar jeder krasse Gamer etwas vorstellen und kommt zu einer konnotativen Relation für 109, die Zahl, die wir, die Franzosen und manche konservative Briten als Milliarde, die Amerikaner und die progressiven Briten als Billion, die Italiener und Russen aber mit beiderlei Namen bezeichnen.

Corrigendum (30.03.2004)

Ein Leser hat mich darauf hingewiesen, dass das hier Chuquet zugeschriebene Zitat falsch ist. Er hat Recht.

Was Chuquet wirklich im ersten Teil der Triparty, ziemlich am Anfang, schrieb, lässt sich hier (sogar inklusive GIF vom Manuskript) nachlesen.

Chuquet verwendet also nicht das heutige amerikanische System, sondern das deutsche: Eine Billion ist 10 hoch 12, nicht 10 hoch 9. Er benutzt, wohlgemerkt, weder Mill- noch sonstige -iarden, sondern zählt einfach bis 999999 Millionen.

Der geneigte Leser möge mir diesen Fehler verzeihen, bekanntlich ist niemand perfekt (nicht einmal Renaissance-Mathematiker: Wer sich davon überzeugen will, möge sich das GIF genau anschauen, insbesondere das Zahlenbeispiel, mit dem Chuquet sein System illustrieren will).

Ich finde die Seite nicht mehr, von der ich damals das Pseudo-Chuquet-Zitat abschrieb. Dafür finde ich jede Menge neue Seiten, die ganz oder teilweise auf meiner Glosse basieren. Das gilt sogar für den englischen Wikipedia-Artikel s. v. "Billion".

Wer wissenschaftliche Ansprüche hat, sollte nie von einer Vorlage abschreiben, die keine Quellen für ihre Informationen angibt. In der Wissenschaft muss stets (im Gegensatz zur Juristerei) die Schuldighaftigkeitsvermutung gelten. Zumal Artikel, die in der Rubrik "Glosse" erscheinen, sind nicht immer bis ins Letzte mit wissenschaftlicher Methode recherchiert sind.

Zurück zu den Billionen und Chuquet. Zu letzterem gibt es eine Studie (G. Flegg, C. Hay, B. Moss: Nicolas Chuquet, Renaissance Mathematician. A study with extensive translation of Chuquet's mathematical manuscript completed in 1484. Dordrecht 1985), und auf deren S. 28f. werden die großen Zahlen behandelt.

Die Autoren weisen darauf hin, dass Billion usw. zwar zum ersten Mal bei Chuquet auftauchen, der aber nicht deren Erfindung für sich beansprucht hat und sie daher wohl von woanders übernimmt. Jehan Adam hatte neun Jahre früher bereits die Begriffe "trimillions" und "bymillions" verwendet (Traicte d'arismetique pour la pratique par gectoners, Bib. Sainte Geneviève, Paris, MS Français 3143).

Na, mal sehen, wie schnell diese Berichtigung ihren Weg in die Wikipedia (und in die anderen Lexika) findet...

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