König Fußball und die Kinderarbeit

Thorsten Stegemann 02.10.2002

Wie Menschenrechtsaktivisten der allmächtigen FIFA und ihren Topsponsoren in die Parade fahren

Was sich der europäische Fußball-Fan unter den völkerverbindenden Eigenschaften seines Lieblingssports im Detail vorstellt, ist bislang nicht genauer untersucht worden. Hungerlöhne, miserable Arbeitsbedingungen, und geradezu koloniale Ausbeutungsverhältnisse in China, Indonesien, Honduras oder El Salvador werden in seinen Überlegungen aber vermutlich kaum eine Rolle spielen.

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Genau das will die FAIR-PAY-Kampagne, die aus der Schweizer Menschenrechtsinitiative Clean Clothes hervorgegangen ist, seit geraumer Zeit ändern. Nachdem bereits die Fußball-Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea genutzt wurde, um auf die menschenunwürdige Situation in den Produktionsbetrieben großer Fußball-Sponsoren wie adidas, Puma, Nike oder Reebok aufmerksam zu machen, geht FAIR-PAY jetzt noch einmal in die Offensive. Mit prominenter Unterstützung sowie Postkarten- und Email-Aktionen soll die FIFA endlich dazu bewegt werden, von ihren Sponsoren und Lizenznehmern die Einhaltung sozialer Minimalstandards zu verlangen.

Um die steht es nämlich noch immer schlecht, auch wenn sich FIFA-Präsident Sepp Blatter in Zusammenarbeit mit der UNICEF mittlerweile zu einem Projekt gegen Kinderarbeit in Indien und Pakistan durchgerungen hat. Der Schritt in die richtige Richtung greift allerdings bislang zu kurz. Allein im pakistanischen Sialkot, wo alljährlich 20 Millionen Bälle und damit etwa drei Viertel der gesamten Weltproduktion hergestellt werden - sind nach wie vor unzählige Kinder mit dem Zusammennähen der Lederkugeln beschäftigt. Pro Ball verdienen sie etwa 70 Euro-Cent. Das macht bei durchschnittlich vier Bällen am Tag knapp 3 EURO, wenn ihnen das Geld denn tatsächlich ausgezahlt wird.

Für die erwachsenen Arbeiter gestaltet sich die Situation ähnlich dramatisch. Nach FAIR PAY-Informationen müssen Arbeiterinnen der adidas-Fabrik Chi-Fung in El Salvador mit dem staatlich festgesetzten Mindestlohn von ca. 160 Euro auskommen und sich vor der Einstellung einem Schwangerschaftstest unterziehen. Fällt derselbe positiv aus, wird ihnen die Anstellung verweigert, im umgekehrten Fall müssen sie die Testkosten von ihrem Lohn zurückerstatten. Darüber hinaus sind Gewerkschaftsgründungen verboten, Fabrikhallen und Toiletten werden von Kameras überwacht, und das Wasser, das die Arbeiter während ihrer Tätigkeit trinken können, überschreitet die zulässige Bakterienbelastung um das 650fache. Kein Wunder also, dass sich der adidas-Rechts- und Sozialvorstand Manfred Ihle bei der Aktionärsversammlung im Mai zu dem Eingeständnis gezwungen sah, "dass die Arbeitsbedingungen in den Betrieben nicht immer den von uns geforderten Standards entsprechen." Und wenn es bei Puma, die ihre Sportartikel u.a. in der Fabrik Eagle Trading in Honduras produzieren, oder beim Marktführer Nike, der ebenfalls u.a. in der indonesischen Unternehmung PT Nikomas Gemi-lang aktiv ist, keineswegs besser aussieht, wird das niemanden ernsthaft trösten können.

Um eine möglichst große Öffentlichkeit auf diese Probleme aufmerksam zu machen, versucht FAIR-PAY derzeit, die prominentesten Fußballvertreter, nämlich die Spieler selbst, für ihre Aktionen zu gewinnen. Doch das ist nicht ganz so einfach, denn kaum ein Aktiver dürfte sich dazu bewegen lassen, Kritik an den eigenen Sponsoren zu üben. Also greift die Initiative vorerst auf pensionierte Fußballhelden wie Massimo Ceccaroni zurück, der lange Zeit beim FC Basel unter Vertrag stand. Ceccaroni muss keine Nachteile mehr befürchten, wenn er offen seine Meinung sagt:

Ich unterstütze die Kampagne, weil der Fußball die Kinder zu sportlicher Leistung antreiben soll und nicht zum Arbeiten. Dass in der Fußballindustrie auch Kinder ausgebeutet werden, zeugt von der verantwortungslosen Haltung der großen Markenfirmen.

Kahn, Ronaldo, Beckham & Co. könnten sich ein solches Statement vermutlich nicht erlauben.

"Fair-Pay" beziehungsweise "Clean Clothes" will aber trotz aller Schwierigkeiten weiter darauf hinarbeiten, dass in der Sportartikel-Herstellung und schließlich auch im gesamten Textilbereich ein Sozialkodex eingehalten wird, der die Fest- und Feiertagsreden der Funktionäre nicht gleich im vorhinein Lügen straft. Und das ist schließlich auch gut so.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13246/1.html
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