Wachstumsmarkt trotz Sparkurs

Dirk Eckert 26.09.2002

Am Infowar wird gut verdient

Der Markt für militärisch genutzte Informationstechnologie wird in Europa weiter wachsen, auch bei anhaltend enger Haushaltslage. Zu diesem Ergebnis kommt die Unternehmensberatung Frost & Sullivan, die jetzt eine Analyse über die Marktentwicklung bei C4ISR (Command, Control, Communications, Computers, Intelligence, Surveillance, Reconnaissance) vorgelegt hat.

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"Hinter dem Vorhaben, das Militärwesen zu revolutionieren, steht mehr als nur ein rhetorischer Schachzug", fasst Ben Moores, Industrie-Analyst bei Frost & Sullivan, die Studie zusammen.

RQ-1 Predator UAV

C4ISR-Systeme dienen dazu, das Gefechtsfeld zu vernetzen. Der Soldat der Zukunft ist als High-Tech-Krieger mit Laptop unterwegs, in ständiger Verbindung zum Hauptquartier, wo alle Informationen zusammenlaufen. Satelliten und Unbemannte Flugzeuge (UAV) sorgen für einen vollständigen Überblick über das Gelände und erfassen jede noch so kleine Truppenbewegung.

"Eine derartige vernetzte Kommunikationsinfrastruktur wird einer kleineren, kombinierten Spezialeinsatztruppe ermöglichen, dass sie rechtzeitig über alle zur Auftragserfüllung notwendigen Informationen verfügt", so Frost & Sullivan. C4ISR gilt als Voraussetzung für eine neue Art der Kampfführung, die als Informationskrieg bekannt geworden ist. Die Unternehmensberatung definiert C4ISR so:

"C4ISR (Führung, Kontrolle, Kommunikation, Computer, Nachrichtendienst, technische Überwachung und technische Aufklärung) bezeichnet ein umfassendes Gefechtsfeldinformationssystem, welches Doktrin, Prozesse, Personal, Ausrüstung, organisatorische Strukturen, Einrichtungen und Technologien integriert."

Für die Unternehmensberatung ist C4ISR vor allem ein Wachstumsmarkt. Der Umsatz für "integrierte Systemarchitektur im militärischen Bereich (C4ISR)" wird nach Schätzung von Frost & Sullivan in Europa von über 6 Milliarden Dollar 1999 auf fast 10 Milliarden im Jahr 2008 steigen. Dabei werde der europäische Markt zu einem der flexibelsten und offensten Märkte. "Impulse gehen von technischen Neuerungen und vor allem vom Doktrinwandel aus." Bedeutende Beschaffungsprojekte würden "im Anfangsstadium häufig von regionalen Akteuren dominiert", ergab die Marktstudie.

So ist ausgerechnet die amerikanische Firma Northrop Grumman die große Verliererin auf der europäischen Markt. "Diese Einschätzung mag manche Branchenexperten überraschen, vor allem angesichts der immensen Akquisitionsaktivitäten (Logicon, INRI, Litton und jetzt TRW) und des jüngsten Erfolgs in Bezug auf Strategie- und Produktentwicklung in den USA, der weithin Anerkennung fand", so Moores. Dem Unternehmen sei es bisher nicht gelungen, seinen Ruf als C4ISR-Anbieter auch auf Europa zu übertragen.

Objective Force Warrior

Sieger sind die Unternehmen Thales und BAE Systems. Beide halten einen Marktanteil von 45 Prozent. Mit einigem Abstand folgt an dritter Stelle der europäische Luft- und Raumfahrkonzern EADS. "In diesem speziellen Markt tummeln sich in Europa immer noch viel zu viele Anbieter", befand Moores. "Allerdings rechnen wir damit, dass sich ihre Anzahl recht schnell verringern wird, wenn die Konsolidierung voranschreitet und weitere strategische Allianzen und Partnerschaften eingegangen werden."

Deutschland, Frankreich und Großbritannien analysierten inzwischen ihre Kommunikationssysteme. "Zentrales Thema ist derzeit der Mangel an ISR-Posten (Intelligence, Surveillance and Reconnaissance - Nachrichtendienst, technische Überwachung und Aufklärung) und akzeptablen Lösungen für den Digitaltransfer", erklärt Moores.

Zwar seien die Regierungen in Europa oftmals nicht in der Lage, die Verteidigungshaushalte zu erhöhen. Im Bereich C4ISR seien trotzdem gleichbleibende und sogar leicht höhere Ausgaben zu erwarten - unter anderem wegen der "Notwendigkeit einer Systemmodernisierung". Auch die Erfahrungen aus den Kriegen gegen Jugoslawien und Afghanistan spielten eine Rolle. "Die großen Unterschiede in der militärischen Ausstattung stellen eine Herausforderung an die Interoperabilität dar", so Moores. Zu erwarten seien "massenweise neue Standardisierungsvereinbarungen".

Die sind seiner Ansicht nach auch bitter nötig. Schon zu Beginn des Afghanistan-Krieges seien die europäischen Fähigkeiten im Bereich C4ISR längst nicht so weit entwickelt gewesen wie die der USA. Innerhalb Europas seien die Systeme nicht kompatibel gewesen. "Es gibt keine Hoffnung, dass einzelne europäische NATO-Staaten C4ISR-Fähigkeiten gegen Afghanistan zum Einsatz bringen, um einen Alliierten zu unterstützen", schrieb Moores am 17. Oktober 2001. "Es gibt einfach keine gemeinsamen, interoperablen oder "out of area"-einsetzbaren C4ISR-Systeme, die bei den C4ISR-Erfordernissen des derzeitigen Krieges helfen könnten."

Moores kritisierte auch, die Ausfuhrbeschränkungen für C4ISR-Technik in den USA seien zu eng. "Die US-Exportpolitik bedeutet, dass wichtige Technologie für zukünftige Systeme nicht bereitsteht, um moderne Doktrinen der Kriegführung zu unterstützen." Die USA müssten ihre Exportgesetze gegenüber "vertrauten NATO-Staaten" lockern.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13316/1.html
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