difH = abs(startH - averageH) difV = abs(startV - averageV)

Tilman Baumgärtel 26.09.2002

Eine Internet-Ausstellung des Whitney-Museums zeigt neue Netz- und Software-Kunst - samt Code

CODeDOC heißt die Online-Ausstellung, die seit vergangener Woche auf der Website des New Yorker Whitney-Museums zu sehen ist. Zusammengestellt von Christiane Paul, die seit einiger Zeit online wie offline sehr verdienstvolle Ausstellungen von Netz- und Computerkunst für das Museum kuratiert, präsentiert CODeDOC zwölf neue Arbeiten von amerikanischen Digitalkünstlern. Aber damit nicht genug, denn in Sinne von Open-Source-Korrektheit werden hier nicht nur die Werke selbst, sondern auch der Quellcode gezeigt.

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Das macht das Präsentation vor allem für diejenigen zu einem Vergnügen, die es verstehen, Codebrocken wie die folgenden zu lesen:

"difH = abs(startH - averageH) difV = abs(startV - averageV) pDiameter = sqrt((difH*difH) + (difV*difV))"

Für Nicht-Nerds bietet diese Enthüllung des Quellcode wenig Erhellendes. Kevin McCoy hat wenigstens den Code kommentiert, damit auch Leute, die nicht seit ihrem zwölften Lebensjahr in C++ oder Java programmieren, eine Ahnung davon bekommen, was sich hinter Befehlen wie doneFlag = 0 repeat with x = 1 to spriteList.count verbergen mag. Ansonsten malt dieses Programm von selbst immer neue Kreise. Naja, wenn es sein muss.

Mark Napiers Arbeit, die der Benutzer miterzeugt

Ähnlich selbstgenügsam produzieren auch die Arbeiten von Mark Napier, Camille Utterback, Scott Snibbe und Martin Wattenberg abstraktes "eye-candy", das stark an die Computerkunst der 60er Jahre erinnert. Was man mit ein paar Programmiertricks auch machen kann, zeigt die amüsante Arbeit Axis von Golan Levin, bei der man nach eigenem Gutdünken "Achsen des Bösen" aus allen Ländern der Erde zusammenstellen kann. Mexiko, die USA und Kanada wären zum Beispiel die "Achse der Öl-produzierenden, Cannabis-kultivierenden, von den USA Waffen kaufenden Nuklearmächten".

Doch trotz einiger gelungener Arbeiten wie dieser hinterlässt "CODeDOC" einen faden Nachgeschmack: Denn die Ausstellung zeigt auch, wie aus dem Hype um "Software-Kunst", der seit zwei oder drei Jahren durch die Medienkunst-Szene geistert, schnell ein ödes Abfeiern technischer Virtuosität geworden ist, bei der Ideen und Inhalte zweitrangig sind. Auf der Website von "CODeDOC" haben einige der Künstler Kommentare zu den Arbeiten ihrer Kollegen hinterlassen, und da schreibt zum Beispiel Scott Scribe über die Arbeit von Golan Levin: "Your code was very elegant -- searching through the code, there are no drawing routines that create the countries or axes. All of the connection is made through palette manipulation of a single image." Und auch sonst wird von den Mitkünstlern "craftmanship" und "very competent programming" hervorgehoben, und dann ist die Arbeit auch noch "very content-driven", hebt man freundlich hervor.

Hätte wohl jemand Andy Warhol oder Joseph Beuys das Kompliment gemacht, ihre Arbeiten seien "sehr inhaltsreich"? Dass sich eine Reihe von Programmiererkünstlern gegenseitig connaisseurhafte Komplimente zu besonders gewitzten Codezeilen machen, war bei der Computer- und Netzkunst nicht immer das vordringlichste Ziel. Eigentlich ging es in diesem Bereich ursprünglich mal darum, genau diese Technologien einer kritischen, künstlerischen Überprüfung zu unterziehen, statt sie besonders brillant einzusetzen. "CODeCOD" zeigt dagegen vor allem Kunst, die nur Geeks lieben (und verstehen) können.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13319/1.html
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