Möge der Saft mit Euch sein!

Rainald Menge 03.10.2002

Aggressive Inline: Kein Board, kein Limit

Aggressive Inline kann die Nähe zu Tony Hawk's Pro Skater nicht verleugnen, ist aber weit mehr als ein billiger Mitläufer der Skater-Welle. Das Z-Axis-Entwicklerteam ist kein Extremsportneuling, von ihm stammt neben der Dave Mirra Freestyle BMX-Serie auch der Skateboard-titel Thrasher - Skate And Destroy. Neben der hier getesteten GameCube-Version ist Aggressive Inline für PS2 und XBox erhältlich.

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Zeit spielt keine Rolle in Acclaims Inline-Spiel. Der Spieler hat genügend Zeit, sich in Ruhe das jeweilige Level anzuschauen und die Aufgabenliste abzuhaken. Diese zunächst ungewohnte Freiheit, gewinnt man recht schnell lieb, entfallen doch die immer gleichen Anfahrtswege.

Im Museum zwischen Mammut und Sauriern

Die einzelnen Herausforderungen lesen sich origineller als im Skateboard-Vorbild. So gilt es über den Rücken eines Sauriers zu grinden oder im Handstand eine Runde Riesenrad zu fahren. Weniger originelle Aufgaben fordern bestimmte Combos oder - und hier kommt dann doch die Stoppuhr ins Spiel - das Erreichen einer vorgegebenen Punktzahl innerhalb einer begrenzten Zeit. Zu Beginn eines Levels zeigt die Abhakliste nur einige Herausforderungen, weitere erhält der Spieler innerhalb des Levels, sei es von einem Fotographen, der einen besonderen Trick auf Film bannen will oder von einem Doktor Frankenstein, der Strom für seine Kreaturen benötigt. In jedem der sieben Level stößt der Skater auf verschlossene Türen, deren Schlüssel er jeweils in einem anderen Level finden muss.

Das dunkle Labor des Doktor Frankenstein

Ein echtes Highlight ist das Fähigkeitensystem. Wie in anderen Extremsport-Titeln startet jeder Skater zunächst mit relativ bescheidenen Werten, die er im Lauf des Spiels steigert. Anders als bei anderen Spielen kauft beziehungsweise findet der Spieler keine Punkte, die er beliebig verteilt, sondern verbessert analog zu Rollenspielen seine Fähigkeiten durch Anwendung. Wer viele Grinds hinlegt hat schnell einen kompetenten Grind-Meister, der allerdings deshalb noch lange kein Sprung-Profi ist. So wirft auch eine misslungene Herausforderung zumindest noch ein paar Punkte für die Fähigkeitsliste ab. Schnell werden ein paar Tricks fürs Punkte- und Fähigkeitenkonto auf dem Weg zwischen zwei Herausforderungen zur Gewohnheit.

Die Rollen darf der Spieler ohnehin nicht zu sehr schleifen lassen. Frei nach Mel Brooks als Yogurt Devise "Möge der Saft mit euch sein" gilt ein kritischer Blick dem so genannten "Juice"-Meter. Jeder gelungene Trick steigert den "Saft", bei jedem Sturz fällt die Anzeige, zudem sinkt sie konstant, solange der Spieler keine Tricks zeigt. Bei voller Anzeige glühen die Rollen, der Skater bekommt zusätzliche Geschwindigkeit und kann Spezialtricks ausführen. Ist der Saft ganz raus heißt es "Game Over".

Keine Experimente wagt Z-Axis bei der Steuerung. Wer Tony Hawk im Griff hat, steuert die Inliner Shane Yost, Taig Khris und Co ohne Probleme. Die einzelnen Tricks zu stehen und lange Grinds oder Manuals auszubalancieren, fällt in Aggressive Inline deutlich leichter. Selbst wenn der Skater aus einer Halfpipe seitlich hinausschießt - in Tony Hawk's Pro Skater ein unvermeidlicher Sturz - kann der Spieler noch mittels einer "Bail"-Taste aus dem Trick aussteigen und so Blessuren vermeiden.

Als Schwarzfahrer an der Achterbahn

Mit den insgesamt über 150 Aufgaben ist der Spieler dennoch eine ganze Weile beschäftigt, zumal das Gros zwar von einfacher bis moderater Schwierigkeit ist, einzelne Herausforderungen sich aber diesseits bis jenseits der Frustgrenze bewegen. Insgesamt 10 virtuelle Alter Egos existierender Inline-Skater stellen sich den Aufgaben. Hinzu kommen zwei weibliche Fantasie-Skater, bei denen die Detailverliebtheit (auf Acclaims Website steht dazu folgendes: "Für diese beiden Traumfrauen verwendet Z-Axis eines der innovativsten und spektakulärsten Features aller Zeiten: Animierte Brüste" ) beinahe peinlich wirkt. Spätestens seit Lara Croft wissen halt auch die Spielehersteller, dass virtuelle Weiblichkeit den Verkauf putscht.

Dabei hat Aggressive Inline das nicht nötig, denn alleine schon das fehlende Zeitlimit, die während des Levels durch Gespräch mit Figuren wachsende Aufgabenliste und das Fähigkeitensystem sprechen für den Skater-Titel. Jetzt ist es an Neversoft, die Herausforderung anzunehmen und mit Tony Hawk's Pro Skater 4, das im November von Activision erscheint und dann selbst auf Zeitlimits verzichtet, wieder eins drauf zu legen.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13345/1.html
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