Orgien im Kinderzimmer

Katja Schmid 09.10.2002

Harry Potter Nimbus 2000 aus dem Verkehr gezogen

Lange Zeit war es verdächtig still um Harry Potter und seinen legendären Zauberbesen Nimbus 2000. Um so lauter war denn auch der Aufschrei amerikanischer Eltern, als sich herausstellte, dass des Zauberknaben bester Freund in einen handfesten Sexskandal verwickelt ist. Doch der Reihe nach: die ersten paar Tage nach Weihnachten fanden's kleine Jungs ganz lustig, auf dem Spielzeugbesen durchs Zimmer zu rauschen, schließlich hat das Modell von Matell ein paar nette Soundeffekte zu bieten. Allein, das Interesse ließ bald nach und das gute Stück wanderte in die Besenkammer.

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Dort wurde es im Frühjahr von den pubertierenden Schwestern der kleinen Jungs entdeckt, und auf einmal war der Besen die Nummer eins auf den Geburtstagswunschlisten heranwachsender Mädchen. Was folgte, muss man sich als eine Serie wilder Orgien im Kinderzimmer vorstellen: Jedenfalls berichteten Mütter aus allen US-Bundesstaaten, dass sich ihre Töchter und deren Freundinnen stundenlang auf dem Zimmer einschlossen - nur um mit dem magischen Besenstiel zu spielen. Und dass sie erst dann wieder rauskamen, wenn die Batterien alle waren.

Dummerweise sorgte eine Mutter aus New Jersey auf der Homepage von amazon.com und toysrus.com für Aufklärung:

Der Besenstiel hat niedliche Soundeffekte und ***VIBRIERT***, wenn man ihn zwischen die Schenkel klemmt, um zu fliegen. Also wirklich -Was haben sich die Hersteller dabei nur gedacht?

Was ihre eigene Tochter angehe, so dürfe die den Besen nur noch ohne Batterien reiten. Eine Maßnahme, die der Dame aus New Jersey prompt den Titel Spaßbremse einbrachte. Immerhin hatte das Nimbus-Fieber nicht nur 12- bis 17-jährige, sondern auch so manche Mutter erfasst.

Wie immer bei solchen Mega-Skandalen, hat der Internet-Handel sofort reagiert und die begehrte Hardware sofort aus dem Sortiment genommen. Die enthusiastischen Kommentare zufriedener Kundinnen kann man deshalb nur noch über Archiv-Kopien (z.B. Google-Cache) oder auszugsweise auf Seiten mit Hang zum Satanischen bzw. Bizarren oder aber bei Gegnern von sexy Spielzeug finden.

In Deutschland weiß man nichts von alledem. Große Spielwarenhäuser führen den - von zahlreichen Kindern und Eltern als überteuert und unnütz verteufelten - Plastikbesen längst nicht mehr. Und bei Matell Deutschland heißt es, der Artikel sei aufgrund geringer Nachfrage aus dem Sortiment genommen worden. Nicht gerade verkaufsfördernd dürften Berichte über Schadstoffe in Harry-Potter-Devotionalien gewesen sein, die kurz vor Weihnachten 2001 die Fans erreichten. So enthält der Nimbus 2000 laut Ökotest "unglaubliche Mengen giftiger zinnorganischer Verbindungen" und ist somit eine "echte Schadstoffbombe". Also erhielt der Besen aus dem Hause Mattel die Wertung "ungenügend". Eine absurde Note, wenn man bedenkt, wie befriedigend der Praxistest ausfiel.

http://www.heise.de/tp/artikel/13/13378/1.html
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