Mehr Hitze als Licht

14.10.2002

Ein ausgestiegener Insider der TV-Welt in den USA macht sich Gedanken ob des Hauptprodukts der US-Medien seit dem 11. September

Danny Schechter, Chefredakteur von MediaChannel und früherer Produzent bei ABC und CNN, macht seit Jahren nur noch unabhängige Dokumentarfilme und benutzt seine Webseite, um Zeitungsberichte aus dem Ausland in die USA zu "schmuggeln". Seit dem 11. Sept. untersucht er "wie ein Besessener" die Medienlandschaft.

An Printmedien aus den USA kommt man in Deutschland leicht heran, aber obwohl es technisch einfach wäre, läuft kein einziger US-Sender bundesweit in Deutschland. Selbst CNN International ist auf das Ausland zugeschnitten - und läuft in den USA gar nicht; dort sieht man stattdessen das ganz andere "CNN". Weil Rupert Murdoch Kirchs Imperium übernehmen wollte, durften wir für eine kurze Zeit per Satellit Murdochs "FOX News" sehen. Wer das Glück hatte, sich diesen Kanal anzuschauen, weiß, warum Tony Blair Schröder davor gewarnt hat, Murdoch ins Land zu lassen.

Screenshot vom 17 Februar 2002

Einen Einblick in die amerikanische TV- und Print-Welt liefert Danny Schechter in seinem im September erschienenen Buch "Media Wars: News at a Time of Terror", in dem er fragt, ob der 11. September auch die Medien in den USA verändert hat. Seine Antwort ist ein qualifiziertes Nein.

Vor dem 11. September 2001 beherrschte der Sex-Skandal um den hierzulande völlig unbekannten Politiker Gary Condit (Democrat) die Schlagzeilen. Nachrichten übers Ausland machten nur rund 10% der Nachrichten aus, und die handelten meistens von Naturkatastrophen oder oberflächlich von kriegerischen Auseinandersetzungen (z.B. im Nahen Osten). Der Begriff "infotainment" stand für eine Berichterstattung, die sich mit Vorliebe Themen wie "In welcher Stadt sind die Menschen am dicksten" und "Hai-Attacke vor Floridas Küste" widmete. Medienkritiker Larry Gelbart nannte das US-Fernsehen a weapon of mass distraction (etwa "Massenzerstreuungswaffe"), und Schechter selbst pflegte zu sagen: "The more you watch, the less you know."

Who do we bomb, where do we invade, who do we go after, how do we do it, where do we start? Where do we start?

Für eine kurze Zeit änderte sich das Bild. Nach dem 11.9. stand das Ausland im Rampenlicht. Doch die Perspektive blieb gleich: Der Blick auf das Ausland war vorwiegend negativ beladen, und der Krieg gegen den Terror sorgte bei den Auslandsberichten für den nötigen Bezug zu den USA. Lediglich 7% der Kommentatoren im Fernsehen sind laut Schechters Analyse als Kritiker der Bush-Regierung einzustufen. Und während FOX News (unter der Leitung vom ehemaligen Republican-Berater Roger Ailes) der Konkurrenz CNN vorwarf, die Taliban "zu fair" zu behandeln, fand Schechter keinen Unterschied zwischen den Sendern: Bis zu 77% der Kommentatoren äußerten überhaupt keine Kritik an der Bush-Regierung. Nicht verwandte Auslandsthemen wie etwa die Wirtschaftkrise in Argentinien seien daneben fast untergegangen.

Dabei sind auch wichtige Inlandsthemen untergegangen: Als der Enron-Skandal endlich im US-Fernsehen kam, machte er nur 6% der Sendezeit der abendlichen Nachrichtensendungen aus - weniger als die Berichte über eine Frau in Houston, die ihre Kinder ertränkte. Die Journalisten machten sich zwar Gedanken über die Veränderungen in ihrer Berichterstattung, aber auf eher banale Art: Etwa ob ein TV-Moderator die US-Fahne als Stecker anhaben sollte. Grundlegende Kritik wurde selten geäußert, und selbst wenn wurde sie völlig ignoriert, etwa als CBS-Moderator Dan Rather folgendes sagte:

"There was a time in South Africa that people would put flaming tires around people's necks if they dissented. And in some ways the fear is that you will be necklaced here, you will have a flaming tire of lack of patriotism put around your neck.... Now it is this fear that keeps journalists from asking the toughest of the tough questions."

Das sagte Rather im Interview mit der BBC. Laut Schechter ist das Interview weder im US-Fernsehen gesendet worden, noch wurde es im Fernsehen oder in einer großen Zeitung kommentiert. Schechters Fazit ein Jahr nach dem 11.9.2001:

"The [TV] networks, in effect, were staffed for a pre-September 11th world and basically remain so."

Manche persönlichen Erfahrungen des Filmemachers sind auch interessant. So wollte er ein "Making Of" über das Musikvideo "We Are Family" unter der Regie von Spike Lee zugunsten der Opfer des 9.11. drehen. Doch als die Liste der Nutznießer plötzlich der eingeladenen Komödiantin Joan Rivers zu "breitgefächert" schien, verließ sie das Studio unversehens, jedoch nicht ohne "Fuck World Peace" ausgerufen zu haben. Durch ihre verbalen Angriffe in der Presse schreckte sie noch andere Stars davon ab, an dem Video teilzunehmen, und drohte Schechter mit Prozessen, falls er ihren Ausspruch in seinem Film bringt. Damit sie nicht missverstanden werde, ließ sie verlauten, sie habe eigentlich gesagt: "Fuck the Muslims".

"Americans do not know that they do not know"

Leider sind solche aufschlussreichen Anekdötchen selten in Schechters Buch, das passagenweise aus Auszügen aus seinem weblog The News Dissector besteht. Das Buch schwankt stark zwischen statistischer Analyse und persönlich Erlebtem und listet nicht genug treffende Beispiele für die bewusste Irreführung der US-Bevölkerung auf, um seine wenigen allgemeinen Urteile über die US-Medien zu untermauern. Ohne genügend solcher handfesten Beispiele wirkt aber selbst eine Schlussfolgerung, die man in jeder Medienkritik findet, wenig überzeugend: nämlich, dass die US-Medien ihr Publikum als Konsumenten statt als Bürger sieht.

Dabei gibt es genug Desinformation zu entlarven. Zum Beispiel geben US-Kommentatoren oft zu, die USA hätten die Taliban unterstützt, behaupten aber, das habe nur dem Ziel gedient, die Sowjetunion aus Afghanistan zu vertreiben - ähnlich argumentiert kein Geringerer als Samuel Huntington, Autor des vielzitierten Buchs "Kampf der Kulturen". Tatsächlich sind die Taliban erst 5 Jahre nach Abzug der UdSSR überhaupt militärisch aktiv geworden, und selbst dann hatten viele von ihnen keine Kriegserfahrungen. Im Krieg gegen die UdSSR haben die USA die Mudschaheddin unterstützt. Die Clinton-Regierung hat ab 1994 die Taliban unterstützt, um den Westen Afghanistans zu stabilisieren, damit dort eine Pipeline gebaut werden kann.

Eine weitere Lüge, die in den US-Medien kursiert: Die neue Behauptung der Bush-Regierung, Saddam Hussein hätte 1998 die UN-Inspektoren des Landes verwiesen. Hat er nicht, sondern Clinton hat sie heimgerufen, damit sie die bevorstehende Bombardierung heil überstünden (www.fair.org/activism/unscom-history.html). Diese Fehlinformation hat mittlerweile auch in Deutschland Beine: Unser lieber Cherno hat sie kürzlich im Morgenmagazin nachgeplappert.

Und die Desinformationskampagne geht weiter: Über die 350.000 Demonstranten, die Ende September in London gegen den Alleingang der USA gegen den Irak protestierten, berichteten die großen US-Zeitungen entweder gar nicht, oder sie sprachen flüchtig von "Tausenden Demonstranten". So schützt die US-Presse die Amerikaner vor den Protesten im Ausland.

Stenographie statt Journalismus

Eine neue Schlussfolgerung Schechters scheint mir aber wichtig: US-Journalisten haben sich so stark zum Sprachrohr der US-Regierung gemacht (Schechter spricht von "Stenographie statt Journalismus"), dass sie im Ausland nicht mehr als neutrale Beobachter angesehen werden - und deshalb öfter umgebracht werden. Das Pentagon soll laut Schechter sogar einmal eine Pressekonferenz abgesagt haben, weil CNNs Wolf Blitzer so schön in Schlips und Anzug die US-Politik vor der US-Fahne vorgetragen hätte.

Wer mehr erfahren will, kann neben Schechters Weblog auch www.fair.org und Media Tenor besuchen. Der Präsident von Media Tenor hat ein informatives Vorwort zu Schechters Buch geschrieben, in dem die Medien in den USA, England, Südafrika, und Deutschland verglichen werden. Deutschland schneidet gut ab - and that's the bad news.

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